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Niederländische Eisschnellläufer: Die unheimliche Medaillenmacht

Aus Sotschi berichtet

Eisschnelllauf: Orange ist das neue Gold Fotos
REUTERS

Die Niederländer dominieren beim olympischen Eisschnelllauf die Konkurrenz nach Belieben. Das Misstrauen der Gegner wächst, der norwegische Trainer vermutet gar Doping als Ursache für den Medaillenregen. Belege liefert er nicht.

Sogar das Unterhaltungsprogramm haben sie an sich gerissen. In den ersten Eisschnelllauf-Tagen dieser Winterspiele von Sotschi versuchte noch ein russisches Blasorchester während der Eispausen sein Bestes. Mittlerweile spielt während der Unterbrechungen in der Adler-Arena längst eine niederländische Kapelle auf.

Oranje hat die Halle im Griff. Die Bilanz nach neun Wettbewerben: Von 27 möglichen Medaillen gingen 19 an die Niederlande. Viermal bereits haben die Athleten aus dem Nachbarland den kompletten Medaillensatz geholt, über die 1500-Meter-Strecke belegten vier Niederländerinnen die ersten vier Plätze.

Es ist eine nie gesehene Dominanz, eine Überlegenheit, die erdrückt. Und die manchem unheimlich ist. Der Verdacht, dass es nicht allein der gute Käse ist, der die Holländer so schnell macht, schwebt durch die Arena; es wird viel gemunkelt in diesen Tagen von Sotschi, doch aus der Deckung hat sich bislang lediglich einer getraut.

Niederländische Dominanz "zumindest auffällig"

Der norwegische Cheftrainer Jarle Pedersen sprach aus, was viele lediglich denken: "In anderen Sportarten wird auch gedopt. Warum sollte Eisschnelllauf da die Ausnahme sein?", fragte er in der Vorwoche im norwegischen Fernsehen, nachdem Oranje-Superstar Sven Kramer gerade die Konkurrenz auf der 5000-Meter-Distanz in bedrohlicher Manier in Grund und Boden gelaufen und seinen norwegischen Gegner Sverre Lunde Pedersen dabei mit acht Sekunden Vorsprung gedemütigt hatte.

Für Jarle Pedersen ist die beherrschende Rolle, die die Niederländer in Sotschi spielen, "zumindest auffällig". Belege für seine Vermutungen konnte er jedoch auch nicht bringen. So fällt es dem niederländischen Lager bisher auch relativ leicht, solche Vorwürfe zurückzuweisen.

Pedersens Behauptung sei "substanzlos", reagierte Kramer, der auf der Königsdistanz über 10.000 Meter nur von seinem Landsmann Jorrit Bergsma geschlagen wurde. Er werde regelmäßig auf Doping kontrolliert, so Kramer, daher müsse er "auf dieses Thema auch gar nicht mehr eingehen". Damit befindet er sich in Übereinstimmung mit den Medien seiner Heimat. Das Thema Doping geht in der niederländischen Siegestrunkenheit unter. Normalerweise gehen holländische Zeitungen geradezu lustvoll mit ihren Autoritäten ins Gericht. Der Goldregen von Sotschi jedoch hat jegliches kritisches Hinterfragen weggespült. Die derzeit größte Sorge des niederländischen NOKs ist gerade, woher das Geld für die Medaillenprämien kommen soll.

Oranje verweist auf die Konkurrenz im eigenen Lager

Tatsächlich gibt es bisher kaum konkrete Verdachtsmomente, die den niederländischen Mega-Erfolg in irgendeiner Form in die Nähe von Doping rücken. Die Holländer haben ihre Siege sowohl im Kurz- als auch im Langstreckenbereich erzielt, in denen ganz unterschiedliche Anforderungen zählen. Schnellkraft gegen Ausdauer - wenn die Holländer Wunder-Dopingmittel haben sollten, dann bräuchten sie zumindest zwei davon: eines für die Sprinter, eines für die Distanzläufer.

Die Niederländer selbst verweisen immer wieder auf die ungeheure Konkurrenz im eigenen Lager als Erklärung für ihre Überlegenheit. "Du musst in diesem Team Weltklasse sein, um überhaupt hier nominiert zu werden", sagte Bergsma nach seinem 10.000-Meter-Triumph: "Wir haben so viele so gute Läufer, die sich nicht einmal qualifizieren konnten." Zudem befinden sich Athleten wie Kramer oder Ireen Wüst, die große Favoritin, wenn es am Mittwoch auf die 5000-Meter-Distanz geht (14.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), derzeit auf dem Zenit ihres Könnens.

In jedem Fall haben es die niederländischen Verantwortlichen geschafft, das Team auf den Punkt in Bestform zu bringen. Bei anderen hat das nicht funktioniert. Die Formschwäche der Konkurrenz aus Kanada, den USA oder Norwegen hat den Niederländern zusätzlich in die Karten gespielt.

Das deutsche Eisschnelllauf-Lager ist naturgemäß äußerst zurückhaltend bei diesem Thema. Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft DESG hat den komplizierten Fall Claudia Pechstein bis heute nicht verarbeitet. Es gibt seitdem eine Art natürliche Scheu, mit Fingern auf andere zu zeigen.

Wer damals die lauteste Befriedigung über die Dopingsperre Pechsteins geäußert hatte, waren die Niederländer.

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insgesamt 51 Beiträge
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1. Norwegen ist doch selber Schuld.
nemesis_01 19.02.2014
Ihnen steht doch frei, durch eine kleine Zusatzeinspritzung das Beschleunigungsvermögen der Sportler zu erhöhen. Genau wie den anderen. Die Mittel sind frei erhältlich und im Moment durch Tests nicht nachweisbar. Die Holländer haben nur das Momentum genutzt. Vielleicht hatten sie ja auch Nachhilfe bei Pep, dem ollen Dopingfuchs.
2.
CaptainSubtext 19.02.2014
---Zitat--- Der norwegische Cheftrainer Jarle Pedersen sprach aus, was viele lediglich denken: "In anderen Sportarten wird auch gedopt. Warum sollte Eisschnelllauf da die Ausnahme sein?", .., nachdem Oranje-Superstar Sven Kramer gerade die Konkurrenz ... in ..... ---Zitatende--- Der sieht, dass seine gedopten Athleten so abgehängt werden und zählt Eins uns Eins zusammen.
3. richtig....
johnsnow 19.02.2014
alles eine Frage der Technick! Wahrscheinlich hat sich die Norwegische Medizin-Abteilung verrechnet und 1 Woche zu früh das Doping abgesezt! :-)
4.
gorkamorka 19.02.2014
Quatsch, da ist kein Doping im Spiel. Das liegt an den Frikandell Speciaal.
5. Komisch von einem Trainer..
duiveldoder 19.02.2014
Ich gehe immer erstens von der Unschuldsvermutung aus. Solange ich keine Beweise sehe ist jeder erstens Unschuldig. Ich bin zwar Niederlaender, komme also aus einem Land wo der Staat der Meinung ist jeder ist erstens Schuldig bis die Unschuld bewiesen ist. Aber da ich selber sehe wie falsch dieses Vorgehen der faschistischen Regierung der Niederlanden ist halte ich mich an die Unschuldsvermutung fest. Anderseits glaube ich auch nicht, dass ueberhaupt ein Sportler heute in dem Spitzenbereich ohne Droge oder zumindest moralisch fragwuerdige Methoden zum Sieg kommt. Aber der Trainer der Noren weiss es natuerlich am Besten, wenn seine Leute alle gedopt sind, und er dies 100% weisst, kann er natuerlich sagen: die muessen schon gedopt sein die Niederlaender denn unsere Leute sind schon gedopt also 100% muessen auch die gedopt sein. Aber beweisen laesst sich nichts, aber die Vermutung liegt nahe dass in Sotchi exakt 0,0 Sportler ungedopt herumlaufen.
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Eisschnelllauf-Glossar
DPA
Beim Eisschnelllauf wird auf einem 400 Meter langen Oval gelaufen. Dabei gibt es eine Innen- und eine Außenbahn, gleichzeitig können also zwei Starter laufen. Während jeder Runde tauschen die Läufer einmal die Bahn, sodass die gleiche Distanz zurückgelegt werden muss. Sieger ist derjenige mit der schnelleren Zeit. Im Team-Wettbewerb starten je drei Läufer pro Team gleichzeitig. Hier wird die Zeit des letzten Läufers gewertet, der die Ziellinie überquert.
Eisschnelllauf-Olympiasieger der Männer über 10.000 Meter
Jahr Ort Gold
2014 Sotschi Jorrit Bergsma (NED)
2010 Vancouver Lee Seung-hoon (KOR)
2006 Turin Bob de Jong (NED)
2002 Salt Lake City J. Uytdehaage (NED)
1998 Nagano Gianni Romme (NED)
1994 Lillehammer Johann Olav Koss (NOR)
1992 Albertville Bart Veldkamp (NED)
1988 Calgary Thomas Gustafsson (SWE)
1984 Sarajevo Igor Malkow (URS)
1980 Lake Placid Eric Heiden (USA)
1976 Innsbruck Piet Kleine (NED)
1972 Sapporo Ard Schenk (NED)
1968 Grenoble Johnny Höglin (SWE)
1964 Innsbruck Jonny Nilsson (SWE)
1960 Squaw Valley Knut Johannesen (NOR)
1956 Cortina Sigvard Ericsson (SWE)
1952 Oslo Hjalmar Andersen (NOR)
1948 St. Moritz Ake Seyffarth (SWE)
1936 Garmisch Ivar Ballangrud (NOR)
1932 Lake Placid Irving Jaffee (USA)
1928 St. Moritz*
1924 Chamonix Julius Skutnabb (FIN)
*wegen schlechtem Wetter abgebrochen

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Eisschnelllauf: Rasend schnell auf dem Glatteis

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