Eisschnelllauf-Star Pechstein: Mission Wiedergutmachung

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Am Freitag startet die Weltcup-Saison im Eisschnelllauf - und Claudia Pechstein ist erstmals seit ihrer Dopingsperre wieder von Beginn an mit dabei. Die 39-Jährige setzt aber nicht nur auf dem Eis, sondern auch vor Gericht ihren Kampf fort. Das ist Teil ihrer Motivation.

Claudia Pechstein: Laufen mit dem Doping-Stempel Fotos
DPA

Die Zuschauer in Inzell mussten sich vorkommen, als habe man sie in eine Zeitmaschine gesetzt. Bei den deutschen Eisschnelllauf-Meisterschaften am vergangenen Wochenende drehte Claudia Pechstein unangefochten ihre Runden, Titel über 3000 Meter, Titel über 5000 Meter. Dazu noch Zweite über 1500 Meter, Dritte über 1000 Meter. Anschließend wurden die üblichen Siegerfotos geschossen, Pechstein in der Mitte, winkend, lächelnd, mit Blumenstrauß in der Hand, die Medaille um den Hals. Als sei nie etwas gewesen. Als habe es den Fall Pechstein nie gegeben.

"Es wird natürlich nie wieder so sein, wie es mal war", sagt Ralf Grengel. Er müsste es wissen, schließlich kennt er als Manager von Pechstein noch genau die Zeiten, wie es früher war. Früher - das meint alles vor dem Juli 2009. Dem Moment, als die Internationale Eislauf-Union Isu mit der Nachricht an die Öffentlichkeit ging, Claudia Pechstein, die erfolgreichste deutsche Athletin in der Geschichte des Wintersports, werde wegen Dopings zwei Jahre gesperrt. Ihre Blutwerte seien dermaßen auffällig, dass der Isu eine Sperre trotz eines nur indirekten Beweises angebracht schien. Pechstein hat das nie akzeptiert, sie hat viele mediale und alle sportgerichtlichen Wege ausgeschöpft. Sie hat überall Niederlagen erlitten.

Seit Februar dieses Jahres ist die 39-Jährige wieder startberechtigt - sie hat bei der anschließenden WM in Inzell gleich eine Bronzemedaille gewonnen. Aber ihr Kampf gegen die nach ihrer Ansicht ungerechtfertigte Sperre ist weiter in in vollem Gange, ungebremst. "Ich würde ihr auch nie empfehlen, das ruhen zu lassen", sagt Grengel zu SPIEGEL ONLINE. Es habe "von der Isu weder eine Entschuldigung noch eine Entschädigung gegeben", Pechstein werde "erst richtig zur Ruhe kommen, wenn alle Register gezogen sind".

Pechstein kämpft juristisch auf allen Ebenen

Alle Register ziehen - das heißt zum Beispiel: Pechstein hat angekündigt, die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft Desg auf Schadenersatz zu verklagen. Es soll um eine siebenstellige Summe gehen, eine entsprechende Klageschrift wird bis zum Jahresende von ihren Juristen erarbeitet. Eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ist in Vorbereitung, ihr Antrag auf Wiederaufnahme der Sportförderung durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) wird in der kommenden Woche verhandelt. Pechstein steht in dauerndem Kontakt mit Anwälten. Während sie ihre Trainingsrunden dreht, kümmert sich ihr Lebensgefährte um alle juristischen Dinge.

Pechstein ist nach wie vor auf Mission Wiedergutmachung. Das lässt sie auch mit fast 40 Jahren von der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi reden, das lässt sie am Freitag im russischen Tscheljabinsk in ihre 20. Weltcup-Saison starten. "Claudia denkt nicht in Jahren, sondern in olympischen Zyklen", sagt ihr Manager. Das Internationale Olympische Komitee IOC hat ihr im September den Weg nach Sotschi geebnet, in dem er die sogenannte Osaka-Regel gekippt hatte. Die hatte zuvor Dopingsündern untersagt, bis zwei Jahre nach Ablauf ihrer Sperre an den Spielen teilnehmen zu dürfen. In Sotschi, sagt die Läuferin, wolle sie sich die Medaille abholen, die ihr durch die Sperre bei den Spielen in Vancouver 2010 "gestohlen" worden sei. Pechstein wäre dann 42 Jahre alt.

Jedes Rennen ist eine offene Rechnung

In einem Alter, in der die Konkurrenz von einst längst ihre Laufbahn beendet hat, ist Pechstein immer noch vollauf damit beschäftigt, es anderen zeigen zu wollen. Trotz fünf Goldmedaillen bei Olympischen Spielen, trotz unzähliger Weltcupsiege. Jedes Rennen, das sie bestreitet, ist eine Form von offener Rechnung: Sehr her, ihr kriegt mich nicht klein.

Ihre im Vorjahr herausgebrachte Biografie "Von Gold und Blut" durchzieht diese Haltung von der ersten bis zur 479. und letzten Seite. "Das ist wohl das erste Buch, das es ohne jede PR bis auf die Bestsellerlisten geschafft hat", sagt Grengel. Es habe einen "kollektiven Schulterschluss" der Medien gegeben, das Buch zu ignorieren, beklagt er.

"Claudia kann sich in etwas hineinbeißen", sagt ihr Manager - und das kommt dann auch häufig als Verbissenheit bei der Öffentlichkeit an. In einer solchen emotionalen Gemengelage hat Pechstein ihren Fall zuletzt mit dem der US-Amerikanerin Amanda Knox verglichen. Jener Studentin, die zunächst des Mordes verurteilt und danach im Berufungsprozess freigesprochen wurde. Pechsteins Umfeld soll nicht besonders glücklich über diesen Vergleich gewesen sein.

Gefragt, ob sie tatsächlich mit 40 noch daran glaube, Weltmeisterin werden zu können, hat sie dem "Tagesspiegel" gesagt: "Ich möchte immer Rekorde brechen. Mit meinem Dopingfall bin ich ja auch in die Geschichte eingegangen." Mit dem Dopingthema geht die 39-Jährige, vorsichtig ausgedrückt, sehr offensiv um. Manche sagen: Zu offensiv, bis an den Rand des Querulantentums. Pechstein musste sich selbst in Berichten seriöser Medien als Nervensäge bezeichnen lassen. Das scheint sie alles nicht zu berühren. Sie kämpft weiter.

Pechstein hat sich zuletzt noch einmal bitter darüber beklagt: "Den Doping-Stempel werde ich nie mehr loswerden. Ich werde ihn immer auf der Stirn tragen." Sie trägt selbst dazu bei.

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1. Eine Frage der Ehre ?
black_bottom 17.11.2011
ich hab sie immer gemocht. ich glaube sie hat nicht gedopt. wissen kann sie sie es nur selber, klar. aber sie zeigt es den schreibtischtätern. die haben sicher nie mit einer solchen energie gerechnet, mit der sie sich wehrt. über jahre. beeindruckend. mal schauen wie das am ende ausgeht. klar kannst du sagen: nun hör auf zu nerven, akzeptier es dass du diesen kampf verloren hast. du bist eh zu alt um noch sportlich was zu reißen, also mach ein ende und vergiss es. das hat sie nicht gemacht. es gab und gibt ja immer wieder welche, die ihr leben lang für ihre rehabilitation kämpfen, eben nicht "vernünftig" sind. und beharrlichkeit kann sich auszahlen, weil die sesselpupser auf der anderen seite keine lust haben sich dauerhaft auf diesen kampf einzulassen. ich denk auch, dass sie diese emotionale energie nicht hätte wenn sie wirklich gedopt hätte. naja, ein vermutung, ich weiss. wir alle haben nur einen namen und eine ehre, nicht wahr? und wenn diese ehre im kern verletzt wurde .. ja, was tun wir dann? kämpfen oder schwanz einziehen? eine beeindruckende frau, an der sich mancher ein beispiel nehmen könnte.
2. Pechstein wurde nicht ein eingstes mal des Doping überführt
habgenugvondenlügen 17.11.2011
Zitat von black_bottomich hab sie immer gemocht. ich glaube sie hat nicht gedopt. wissen kann sie sie es nur selber, klar...
Ein ansprechender Kommentar von black_bottom. Und als Ergänzung: Ob Sie oder ich glauben, dass Pechstein gedopt hat ist ja gar nicht von Relevanz. Sperren für Sportler werden ja einzig und allein bei überführten Dopings mittels Dopingtest ausgesprochen und auch nur dann. Wegen überhöhten Blutwerten wurde in der Welt noch nie ein Sportler 2 Jahre gesperrt. Maximal erfolgt dann eine Schutzsperre für ein oder zwei Starts. (nerdings und auch nicht in allen Sportarten) Claudia Pechstein ist die Ausnahme in Dt. und in der Welt, weil sie wurde bei zig Dopingstests an ihr nicht einmal des Dopings überführt, sondern erhielt wegen zu hohen Blutwerten die 2 Jahressperre. Ein makaberes Beispiel von Individualrecht, was sich die deutschen Dopingfunktionäre, Sportgerichte und dergleichen hier erlaubt haben. Entweder alle deutschen Sportler mit erhöhten Blutwerten 2 Jahre sperren oder keinen. Bei Überführung des Dopings ist eine Sperre für mich in Ordnung. Nur Claudia Pechstein wurde bis heute nicht des Dopings überführt.
3. Sie trägt selbst dazu bei
wolfman11 17.11.2011
Sie trägt selbst dazu bei??? Wie muß man eigentlich gestrickt sein, um einen solchen Artikel zu verfassen? Diese Frau wurde - wie heute nahezu jeder Mediziner und ernstzunehmende Journalist anerkennt - zu Unrecht verurteilt. Sie hat heute ähnliche Werte wie damals und gilt als unverdächtig. Sie wurde als erster Fall des indirekten Beweises öffentlich hingerichtet, damit dieser "epochale Fortschritt" im Antidopingkampf mit einem gebührend bekannten Opfer begrüßt werden konnte. Und dem Verfasser diesesd Artikels fällt nichts weiter ein, als Ihr auch noch das Recht auf Selbstverteidigung und Wiedergutmachung abzusprechen. Ja - sie trägt selbst dazu bei. Und sie hat dazu verdammt nochmal jedes Recht.
4. Stimmt !
derandersdenkende 17.11.2011
Zitat von habgenugvondenlügenEin ansprechender Kommentar von black_bottom. Und als Ergänzung: Ob Sie oder ich glauben, dass Pechstein gedopt hat ist ja gar nicht von Relevanz. Sperren für Sportler werden ja einzig und allein bei überführten Dopings mittels Dopingtest ausgesprochen und auch nur dann. Wegen überhöhten Blutwerten wurde in der Welt noch nie ein Sportler 2 Jahre gesperrt. Maximal erfolgt dann eine Schutzsperre für ein oder zwei Starts. (nerdings und auch nicht in allen Sportarten) Claudia Pechstein ist die Ausnahme in Dt. und in der Welt, weil sie wurde bei zig Dopingstests an ihr nicht einmal des Dopings überführt, sondern erhielt wegen zu hohen Blutwerten die 2 Jahressperre. Ein makaberes Beispiel von Individualrecht, was sich die deutschen Dopingfunktionäre, Sportgerichte und dergleichen hier erlaubt haben. Entweder alle deutschen Sportler mit erhöhten Blutwerten 2 Jahre sperren oder keinen. Bei Überführung des Dopings ist eine Sperre für mich in Ordnung. Nur Claudia Pechstein wurde bis heute nicht des Dopings überführt.
In der alten Bundesrepublik wurde eifrig gedopt. Man schweigt und sitzt es aus. Und die Förderer des Dopings entscheiden, wie man mit Pechstein umspringen darf. Ist das nicht schizophren?
5. Wo ist eigentlich...
jdm11000 17.11.2011
Zitat von sysopAm Freitag startet die Weltcup-Saison*im Eisschnelllauf*- und Claudia Pechstein ist erstmals seit ihrer Dopingsperre wieder von Beginn an mit dabei. Die 39-Jährige setzt aber nicht nur auf dem Eis, sondern auch vor Gericht ihren Kampf fort. Das ist Teil ihrer Motivation. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/0,1518,798334,00.html
... dieser Arzt, der als Gutachter die Hetze auf Frau Pechstein initiierte? Hat dieser sich jemals wirklich öffetnlich entschuldigt? Nein - auch nach der Anerkennung sprach dieser meines Wissens von "offensichtlichem Doping". Jetzt von einer "Nervensäge" oder gar "Sie habe es selbst verursacht" zu reden, ist eher eine Schweinerei. Wenn die Oeffentlichkeit zu solchen Urteilen kommt, dann muss die Oeffentlichkeit auch die Antwort vertragen - und sich einer Unrechtverurteilung bewusst sein. Dann muss eben jeder Journalist, der in das Horn des Dopings blies, dies auch anerkennen. Wo ist denn die Ehre der Journalisten? Oder zählt auch da nur die Auflage?
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Eisschnelllauf-Weltcup 2011/2012
Datum Austragungsort
18.-20.11. Tscheljabinsk (Russland)
25.-27.11. Astana (Kasachstan)
02.-04.12. Heerenveen (Niederlande)
21.-22.01. Salt Lake City (USA)
11.-12.02. Hamar (Norwegen)
02.-04.03. Heerenveen (Niederlande)
09.-11.03. Berlin (Deutschland)