Von Peter Ahrens
Dieser Tage fühlte sich auch die Gewerkschaft der Polizei aufgerufen, sich in Sachen Claudia Pechstein zu Wort zu melden. Sie beglückwünschte die Eisschnellläuferin in einer Pressemitteilung zu ihrem zweiten Rang im Gesamt-Weltcup über die Langstrecke und lobte, wie sich die mittlerweile 41-Jährige "mit ganzem Herzen bis zum Letzten schindet".
Das Timing dieser Hymne war jedoch denkbar ungünstig. Denn Pechstein, die ebenso erfolgreichste wie umstrittenste Wintersportlerin Deutschlands, macht derzeit Negativschlagzeilen. Wieder einmal.
Die Eisschnellläuferin, die nach einer zweijährigen Dopingsperre seit 2011 wieder unter den Weltbesten startet, hat sich in einen Streit mit ihrer 17 Jahre jüngeren Teamkollegin Stephanie Beckert verstrickt. Die Rivalität zwischen den beiden Langstreckenspezialistinnen ist nicht neu. Seit dem vergangenen Wochenende ist sie aber so ausgeufert, dass ein gemeinsamer Start bei der WM in der kommenden Woche im russischen Sotschi derzeit ausgeschlossen scheint. "Ich werde bei der WM in Sotschi nicht in der Team-Verfolgung an den Start gehen", sagte Beckert am Donnerstag.
Das Pechstein-Lager, zu dem vor allem ihr Lebensgefährte Matthias Große und ihr Manager Ralf Grengel zählen, werfen Beckert "Arbeitsverweigerung" vor, weil sie beim Teamwettbewerb des Weltcup-Finales in Heerenveen einen äußerst schwachen Auftritt hinlegte. Beckert und ihre Unterstützer sprechen von "Mobbing" und davon, dass Matthias Große Teamkolleginnen Pechsteins "versucht einzuschüchtern".
Geschichte zweier rivalisierender Eisschnelllauf-Stützpunkte
Die Auseinandersetzung hat eine Vorgeschichte. Eigentlich sind es viele Vorgeschichten. Es ist die Geschichte der zwei rivalisierenden Eisschnelllauf-Stützpunkte Berlin (Pechstein) und Erfurt (Beckert). Es ist die Geschichte der beiden rivalisierenden Manager Grengel (Pechstein) und Klaus Kärcher (Beckert). Es ist vor allem aber die Geschichte der Persönlichkeit Claudia Pechstein.
Die Berlinerin hat es im Lauf ihrer mittlerweile mehr als 20-jährigen Karriere immer wieder verstanden, sich Feinde zu machen und Konflikte heraufzubeschwören. Legendär ist ihre über Jahre währende Auseinandersetzung mit den Konkurrentinnen Anni Friesinger, damals ebenfalls durch Kärcher verteten, und Gunda Niemann-Stirnemann, die dem Erfurter Lager angehörte. Die Öffentlichkeit nahm genüsslich Anteil an dem Zickenkrieg der drei. Der überlaute Zoff hat dazu beigetragen, das Trio berühmt und reich zu machen.
Friesinger und Niemann-Stirnemann haben ihre Karrieren längst beendet, Pechstein ist immer noch da. Trotz ihrer Dopingsperre, die sie bis heute als Fehlurteil bezeichnet und bekämpft. Den Eisschnellauf-Verband will sie deswegen auf Schadensersatz in sechsstelliger Höhe verklagen, der ARD gibt sie keine Interviews mehr, weil sie sich von ihr verleumdet fühlt. Zwischendurch erwog sie ernsthaft den Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Pechsteins Verteidigungskampf als Motivation
Für Pechstein und ihre Entourage ist das Leben ein einziger Verteidigungskampf. Aus ihm zieht sie bis heute auch die Motivation, im für eine Sportlerin geradezu biblischen Alter immer noch Topleistungen zu bringen. In diesem Winter stand sie zum 100. Mal in ihrer Karriere auf einem Siegerpodest, den Gesamtweltcup über 3000 und 5000 Meter hat sie nur knapp verpasst, bei den Olympischen Spielen in Sotschi peilt sie im kommenden Jahr noch einmal eine Medaille an. Mit dann 42 Jahren.
Als Pechstein wegen ihrer auffälligen Blutwerte 2009 gesperrt wurde und die Athletin daraufhin ihren vehementen Kampf gegen eine Sperre aufnahm, hatte Beckert ihre Zweifel an Pechsteins Unschuld durchblicken lassen. So etwas vergisst die Berlinern nicht. In ihrer Autobiografie "Von Gold und Blut", einer Selbstrechtfertigung auf 479 Seiten, hat sie Beckert mangelnden Respekt vorgeworfen, eine Auseinandersetzung zwischen beiden beschrieben und damals auf Seite 285 formuliert: "Meine Faust möchte unbedingt in ihr Gesicht. Doch ich unterdrücke dieses Verlangen, schließlich habe ich eine gute Kinderstube genossen."
Das Verhältnis zwischen beiden ist seitdem mit distanziert nur unzureichend umschrieben. Bislang reichte es aber immer noch, um zumindest im Teamwettbewerb zusammen aufzutreten. Das scheint seit Heerenveen nicht mehr möglich. Beckerts Management hat verlauten lassen: "Die Entscheidung steht. Beckert geht nicht mit Pechstein in einem Team aufs Eis." Dies sei ihr "mental nicht zuzumuten".
Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft Desg bemüht sich um Deeskalation, will Einzelgespräche mit beiden führen. Der Verband ist im Dilemma. Er weiß letztlich genau, von wem die Feindseligkeiten ausgehen. Aber Pechstein ist die derzeit sportliche Bessere - in einer Sportart, die über fast 20 Jahre zu den Aushängeschildern des deutschen Wintersports zählte, fehlt erstmals seit langem der Nachwuchs.
Eine 41-Jährige läuft den Jungen immer noch davon. Getrieben von ihrem Ehrgeiz. Und davon, dass die Welt um sie herum böse ist. Nur sie nicht.
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