Eisschnelllauf-Stars im Streit: Zickenkrieg reloaded

Von

Eisschnelllauf-Star Pechstein: Leben als Verteidigungskampf Zur Großansicht
DPA

Eisschnelllauf-Star Pechstein: Leben als Verteidigungskampf

Claudia Pechstein sorgt wieder für Zoff-Schlagzeilen - diesmal leistet sich der umstrittene Eisschnelllauf-Star einen heftigen Streit mit ihrer Teamkollegin Stephanie Beckert. Die Auseinandersetzung scheint hoffnungslos eskaliert. Pechstein folgt dabei einem bekannten Muster.

Dieser Tage fühlte sich auch die Gewerkschaft der Polizei aufgerufen, sich in Sachen Claudia Pechstein zu Wort zu melden. Sie beglückwünschte die Eisschnellläuferin in einer Pressemitteilung zu ihrem zweiten Rang im Gesamt-Weltcup über die Langstrecke und lobte, wie sich die mittlerweile 41-Jährige "mit ganzem Herzen bis zum Letzten schindet".

Das Timing dieser Hymne war jedoch denkbar ungünstig. Denn Pechstein, die ebenso erfolgreichste wie umstrittenste Wintersportlerin Deutschlands, macht derzeit Negativschlagzeilen. Wieder einmal.

Die Eisschnellläuferin, die nach einer zweijährigen Dopingsperre seit 2011 wieder unter den Weltbesten startet, hat sich in einen Streit mit ihrer 17 Jahre jüngeren Teamkollegin Stephanie Beckert verstrickt. Die Rivalität zwischen den beiden Langstreckenspezialistinnen ist nicht neu. Seit dem vergangenen Wochenende ist sie aber so ausgeufert, dass ein gemeinsamer Start bei der WM in der kommenden Woche im russischen Sotschi derzeit ausgeschlossen scheint. "Ich werde bei der WM in Sotschi nicht in der Team-Verfolgung an den Start gehen", sagte Beckert am Donnerstag.

Das Pechstein-Lager, zu dem vor allem ihr Lebensgefährte Matthias Große und ihr Manager Ralf Grengel zählen, werfen Beckert "Arbeitsverweigerung" vor, weil sie beim Teamwettbewerb des Weltcup-Finales in Heerenveen einen äußerst schwachen Auftritt hinlegte. Beckert und ihre Unterstützer sprechen von "Mobbing" und davon, dass Matthias Große Teamkolleginnen Pechsteins "versucht einzuschüchtern".

Geschichte zweier rivalisierender Eisschnelllauf-Stützpunkte

Die Auseinandersetzung hat eine Vorgeschichte. Eigentlich sind es viele Vorgeschichten. Es ist die Geschichte der zwei rivalisierenden Eisschnelllauf-Stützpunkte Berlin (Pechstein) und Erfurt (Beckert). Es ist die Geschichte der beiden rivalisierenden Manager Grengel (Pechstein) und Klaus Kärcher (Beckert). Es ist vor allem aber die Geschichte der Persönlichkeit Claudia Pechstein.

Die Berlinerin hat es im Lauf ihrer mittlerweile mehr als 20-jährigen Karriere immer wieder verstanden, sich Feinde zu machen und Konflikte heraufzubeschwören. Legendär ist ihre über Jahre währende Auseinandersetzung mit den Konkurrentinnen Anni Friesinger, damals ebenfalls durch Kärcher verteten, und Gunda Niemann-Stirnemann, die dem Erfurter Lager angehörte. Die Öffentlichkeit nahm genüsslich Anteil an dem Zickenkrieg der drei. Der überlaute Zoff hat dazu beigetragen, das Trio berühmt und reich zu machen.

Friesinger und Niemann-Stirnemann haben ihre Karrieren längst beendet, Pechstein ist immer noch da. Trotz ihrer Dopingsperre, die sie bis heute als Fehlurteil bezeichnet und bekämpft. Den Eisschnellauf-Verband will sie deswegen auf Schadensersatz in sechsstelliger Höhe verklagen, der ARD gibt sie keine Interviews mehr, weil sie sich von ihr verleumdet fühlt. Zwischendurch erwog sie ernsthaft den Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Pechsteins Verteidigungskampf als Motivation

Für Pechstein und ihre Entourage ist das Leben ein einziger Verteidigungskampf. Aus ihm zieht sie bis heute auch die Motivation, im für eine Sportlerin geradezu biblischen Alter immer noch Topleistungen zu bringen. In diesem Winter stand sie zum 100. Mal in ihrer Karriere auf einem Siegerpodest, den Gesamtweltcup über 3000 und 5000 Meter hat sie nur knapp verpasst, bei den Olympischen Spielen in Sotschi peilt sie im kommenden Jahr noch einmal eine Medaille an. Mit dann 42 Jahren.

Als Pechstein wegen ihrer auffälligen Blutwerte 2009 gesperrt wurde und die Athletin daraufhin ihren vehementen Kampf gegen eine Sperre aufnahm, hatte Beckert ihre Zweifel an Pechsteins Unschuld durchblicken lassen. So etwas vergisst die Berlinern nicht. In ihrer Autobiografie "Von Gold und Blut", einer Selbstrechtfertigung auf 479 Seiten, hat sie Beckert mangelnden Respekt vorgeworfen, eine Auseinandersetzung zwischen beiden beschrieben und damals auf Seite 285 formuliert: "Meine Faust möchte unbedingt in ihr Gesicht. Doch ich unterdrücke dieses Verlangen, schließlich habe ich eine gute Kinderstube genossen."

Das Verhältnis zwischen beiden ist seitdem mit distanziert nur unzureichend umschrieben. Bislang reichte es aber immer noch, um zumindest im Teamwettbewerb zusammen aufzutreten. Das scheint seit Heerenveen nicht mehr möglich. Beckerts Management hat verlauten lassen: "Die Entscheidung steht. Beckert geht nicht mit Pechstein in einem Team aufs Eis." Dies sei ihr "mental nicht zuzumuten".

Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft Desg bemüht sich um Deeskalation, will Einzelgespräche mit beiden führen. Der Verband ist im Dilemma. Er weiß letztlich genau, von wem die Feindseligkeiten ausgehen. Aber Pechstein ist die derzeit sportliche Bessere - in einer Sportart, die über fast 20 Jahre zu den Aushängeschildern des deutschen Wintersports zählte, fehlt erstmals seit langem der Nachwuchs.

Eine 41-Jährige läuft den Jungen immer noch davon. Getrieben von ihrem Ehrgeiz. Und davon, dass die Welt um sie herum böse ist. Nur sie nicht.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ....
jujo 14.03.2013
Zitat von sysopDPAClaudia Pechstein sorgt wieder für Zoff-Schlagzeilen - diesmal leistet sich der umstrittene Eisschnelllauf-Star einen heftigen Streit mit ihrer Teamkollegin Stephanie Beckert. Die Auseinandersetzung scheint hoffnungslos eskaliert. Pechstein folgt dabei einem bekannten Muster. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/eisschnelllauf-streit-zwischen-pechstein-und-beckert-eskaliert-a-888792.html
Ich bin jetzt ein wenig verwirrt, bislang glaubte ich immer das die Pechstein im Zickenkrieg die Gute ist und im Besonderen die Friesinger die Böse.
2. zum Fremdschämen
gannicus 14.03.2013
Manche Sportler brauchen klare Feindbilder, um sich zu pushen. Dazu gehört Frau Pechstein offensichtlich. Bedauerlich ist aber, dass diese Spielchen immer innerhalb des deutschen Teams ausgetragen werden. zum Fremdschämen. Die Information, dass Frau Beckert wohl auch schon vorher häufig das Teamtraining verweigerte, hätte man aber auch erwähnen können.
3. optional
cs01 14.03.2013
Beckert hat nun mal beim letzen Weltcup eine schlechte Leistung gebracht und auch vorher nicht am Teamtraining teilgenommen. Es mag zwar hart sein, hier von Arbeitsverweigerung zu reden, völlig von der Hand zu weisen ist es nicht. Auch wenn Frau Pechstein eine schwierige Persönlichkeits zu sein scheint, hier hat sie recht.
4. Sie haben sicher
rolf.piper 14.03.2013
nie Leistungssport getrieben, sonst würden Sie nicht solchen Unsinn schreiben. Das, was sie als Zickenkrieg bezeichnen, ist eine im Leistungssport unbekannte Formulierung. Wenn sie in einer Mannschaftssportart mit reduzierter Kraft einsteigen, werden ihre Mannschaftskameraden ihnen gleich oder später die Meinung sagen. Das ist kein Mobbing sondern ehrliche Auseinandersetzung im Team. Wenn eine oder einer sich beim Mannschaftsfahren/laufen einfach hinten dranhängt, obwohl die Regel etwas anderes bestimmt, dann fallen harte Worte oder sie ernten Blicke, die genauso wirken. Aber, wie oben bereits geschrieben, sie haben sicher nie Leistungssport getrieben, sonst hätten sie solche Äußerungen nie zu Papier gebracht. Gute Sportler kennen soetwas nicht Schämen sie sich!
5. "gesperrt"
dickerulle 14.03.2013
Lieber Spiegel, ich weiß, dass ihr immer stets an der vordersten Front der Dopinghetze steht, aber mittlerweile sollte auch zu euch durchgedrungen sein, dass Pechstein freigesprochen wurde.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wintersport
RSS
alles zum Thema Wintersport
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 39 Kommentare
Fotostrecke
Claudia Pechstein: Laufen mit dem Doping-Stempel