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Als Amateur auf der Streif: Brutal steil

Aus Kitzbühel berichtet

Streif in Kitzbühel: "Die Rennfahrer sind furchtlose Extremsportler" Zur Großansicht
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Streif in Kitzbühel: "Die Rennfahrer sind furchtlose Extremsportler"

Das Hahnenkammrennen gilt als schwierigste und gefährlichste Abfahrt im Ski-alpin-Weltcup. Am Samstag startet die 76. Auflage. Auch für Amateure ist die legendäre Streif bei Zeiten geöffnet. Ein Erfahrungsbericht.

Im Fernsehen sieht es gar nicht so schlimm aus. Doch die Wahrheit ist: Schlimm ist eigentlich kein Ausdruck. Die TV-Bilder verzerren das enorme Gefälle, das die Skifahrer beim Hahnenkammrennen auf der Streif in Kitzbühel bewältigen müssen. Ich stehe jetzt gerade vor einem dieser Abhänge. Fast bis zur Bindung ragen meine Skispitzen über den Abgrund, den Schwerpunkt habe ich weit hinten. Zur Sicherheit. Sehen kann ich nicht wirklich viel - bei Vollgas wäre es ein Blindflug ins Leere.

Es ist die Hausbergkante, an der ich kurz überlege, den Übergang zu vermeiden, lieber außen herum zu fahren. Dann wage ich es, schiebe mich langsam weiter. Ich setzte fünf, sechs Schwünge auf dem eisigen Nordhang und bremse wieder ab. Beim Blick nach oben traue ich meinen Augen kaum, zu respekteinflößend ist die Eiswand, die sich hinter mir aufgebaut hat.

Die Hausbergkante ist der vorletzte Sprung der Abfahrt, eine Schlüsselstelle im Rennen, aber auch nur eine von vielen. Wer hier zu schnell ansetzt und zu weit springt, muss scharf bremsen, um den anschließenden Linksschwung noch zu bekommen. Das kostet Zeit - und meistens auch den Sieg.

Die erste Passage ist die steilste

Das Abfahrtsrennen auf der Streif gilt als das schwierigste und gefährlichste im Weltcup. Am Samstag wird es zum 76. Mal ausgetragen (11.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Passagen des präparierten Hangs sind über eine separate Piste auch für Amateur-Skifahrer und Touristen zugänglich. Es sind die flacheren Stellen der Strecke, wobei flach nicht ganz die treffende Bezeichnung dafür ist. Für Amateure wie mich ist es die Gelegenheit, einen Eindruck von der legendären Piste zu bekommen.

Ich habe 20 Jahre Erfahrung im Skifahren. Ich bin ein guter Fahrer, fahre regelmäßig, schnell und sicher. Doch auf dieser Abfahrt komme ich an meine Grenzen. Nicht unbedingt wegen der Anforderungen, sondern vor allem wegen der imposanten Eindrücke, die die Rennfahrer in meinen Augen zu furchtlosen Extremsportlern aufsteigen lassen.

Skifahrer auf der Streif: Viele Schlüsselstellen Zur Großansicht
REUTERS

Skifahrer auf der Streif: Viele Schlüsselstellen

Am Gipfel führt mich ein Zubringer unterhalb der Mausefalle auf die Rennstrecke. Sie ist der erste Sprung der Abfahrt und gleichzeitig der weiteste, diese erste Passage ist die steilste. Bis zu 60 Meter weit fliegen die Athleten, überwinden dabei ein Gefälle von 80 Prozent. Für mich geht es erst unterhalb los, und ich bin froh drüber. Im Schmalen Brückenschuss komme ich wieder auf die Streif. Es folgt eine Gleitpassage über die Alte Schneise bis hin zur Seidelalm, die auch ich im Schuss bewältigen kann. Das erste Mal fühle ich mich wie ein Profi.

Vorjahressieger ist noch nicht in Form

Am Seidelalmsprung halte ich ein zweites Mal an, der Schuss im Gleitteil geht ganz schön auf die Oberschenkel. Ich habe aber gerade einmal die Hälfte geschafft. Am Lärchenschuss vorbei komme ich zu eben jener Hausbergkante. Es folgt die Traverse und kurz vor dem Ziel ein letzter Sprung, die Fahrer erreichen die Höchstgeschwindigkeit von bis zu 140 Stundenkilometern.

Mein Abenteuer auf der Streif dauert 20 Minuten. Die Profis brauchen dafür nicht einmal zwei.

An der Talstation führt eine Gondel nach oben: Die Hahnenkammbahn. Auf jeder Kabine steht ein Name. Es sind die Sieger des Rennens. Auf meiner steht der Name Hannes Reichelt, er gewann 2014 zum ersten Mal in Kitzbühel. Pünktlich zum Heimweltcup scheint er wieder seine Form gefunden zu haben, am Lauberhorn in Wengen vor einer Woche wurde er Zweiter, genau wie zuvor in Santa Caterina.

Vorjahressieger Kjetil Jansrud wartet in dieser Saison noch auf einen Sieg in der Abfahrt. Anders sein norwegischer Landsmann Aksel-Lund Svindal, der hat vier der fünf bisherigen Abfahrten gewonnen. Ein Sieg auf der Streif fehlt Svindal aber noch. Zweimal Norwegen, einmal Österreich: Das sind die Favoriten für das 76. Hahnenkammrennen. Klaus Kröll aus Österreich sowie die Franzosen Adrien Théaux, Guillermo Fayed und David Poisson haben sicher Außenseiterchancen, die deutschen Hoffnungen ruhen auf Andreas Sander, der in Wengen als 13. auf sich aufmerksam machte.

Für mich geht es mit der Hahnenkammbahn ein weiteres Mal nach oben. Sie bringt mich an der Bergstation direkt zum Starthäuschen. Von hier geht es nach zwei kleinen Schwüngen direkt auf die Mausefalle zu. Ich werfe einen letzten Blick auf die Abfahrt, dann drehe ich zur anderen Seite des Berges ab.

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insgesamt 7 Beiträge
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    Seite 1    
1. ja irre
Umbriel 23.01.2016
steil das muss man lieben ist fast proximity
2. Der Schritt zum Profi
ironcock_mcsteele 23.01.2016
Ich fand den Bericht gut geschrieben und habe mich darin wiedergefunden. Auch ich fahre gut Ski, aber an Weltcuppisten ahne ich schnell, wie groß der Schritt zum wirklichen Könner noch ist. Gerade beim Skifahren kann das Fernsehen die Gefälle und Schwierigkeiten einfach nicht wirklich einfangen. Für Fernsehzuschauer wäre es daher super, wenn bei jeder Sportart ein Zuschauer ausgelost wird, der mit den Profis mitmachen muss, egal ob Skisprung, Hürdenlauf oder 100m-Rennen
3. Interessant...
hayakyu-ou 23.01.2016
Es ist also tatsächlich ein bisher unerkanntes Mysterium, wenn ein ambitionierter Hobby-Skifahrer, zwischen 30 und 40, mit im Höchstfall drei bis sechs Pistenwochen im Jahr nicht an die Spitzenzeiten eines Profi-Skifahrers zwischen 20 und 30, mit ganzjährigem Training und einer langjährigen Abfahrtserfahrung herankommt. Dass die meisten, hauptsächlich männlichen Alpinskifahrer an einer grandiosen Selbstüberschätzung leiden, zeigen die orthopädischen Abteilung in den Krankenhäusern der Skigebiete. Nur weil ich mir Sportgeräte mit angeblicher Profisportherkunft kaufe, bin ich technisch und physisch noch kein Profisportler. Und ja, Abfahrtshänge sind steil. Nicht nur in Kitzbühel...
4. Die Berge so steil
christian0061 23.01.2016
da staunt der Holländer, Westfale und Hamburger mit seinen drehfreudigen Carvingski! Oh Wunder der Berge, diese Steilheit!
5. Jungejunge
Fangio 23.01.2016
schon drei Topfahrer gestürzt. Die versammelte Prominenz u.a. aus der F1 bekommt ein spektakuläres Rennen geboten..
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