Eishockey in Indien: Puckjagd am Sechstausender

Von Jakob Horstmann

Eishockey im Himalaya: Heilige Kühe und Handbesen Fotos
Tyler Kretzschmar

Die Luft ist extrem dünn und minus 16 Grad kalt, selbst die fittesten Spieler sind rasch außer Atem - aber Aussicht und Stimmung sind phantastisch: Im Himalaya ist Eishockey groß in Mode gekommen. Auch Teams aus Europa reisen inzwischen zum Kultturnier in 3500 Meter Höhe.

Bis zum möglichen Triumph sind es nur noch ein paar Minuten. 2:1 führt das deutsch-finnische Eishockey-Team "Geronimo" in diesem letzten Drittel, aber der Gegner aus London macht Druck. Immer wieder kommen die "Spitfire" zu großen Chancen. Hilfe bekommen die "Geronimos", darunter einige ehemalige deutsche Nationalspieler, bei ihren Abwehrbemühungen in der Schlussphase von der Spielfläche: Das Eis wird immer holpriger.

Auf den zu Auswechselbänken umfunktionierten Bierbänken sind die zum fliegenden Wechsel gekommenen Spieler beider Mannschaften an diesem Januartag völlig außer Atem. Die extrem dünne Luft in 3500 Metern Höhe lässt selbst bei den fittesten unter ihnen kaum mehr als 30 Sekunden pro Einsatz zu. Ganz nebenbei ist es bei minus 16 Grad auch noch klirrend kalt.

Trotz der Erschöpfung und des intensiven Schlussabschnitts blicken die Spieler immer wieder staunend in die Umgebung. Im Hintergrund des Freiluft-Eisstadions glüht der Sechstausender des Stok Kangri, direkt gegenüber der Auswechselbänke überragt das knapp 1000 Jahre alte buddhistische Spituk-Kloster und der mittelalterliche Stadtpalast Leh das Natur-Eishockeyfeld. Eine Herde Kühe hat sich zu der Hundertschaft Zuschauer gesellt. Willkommen beim Eishockey im Himalaya.

"So etwas habe ich noch nie erlebt"

Es ist das Finale des "Friendship Ice Hockey Cup 2013" in Leh, Ladakh, Kaschmir, und die beiden europäischen Amateurteams "Geronimo" und "Spitfire" sind die ersten internationalen Mannschaften, die die Reise zu dem jährlich stattfindenden Turnier mitten im Himalaya-Gebirge Indiens auf sich genommen haben. "Die Atmosphäre ist einfach unglaublich. Wir haben schon überall auf der Welt gespielt, aber so etwas habe ich noch nie erlebt", sagt der Münchner Markus Nirschl, Kapitän der "Geronimos", in der Drittelpause. Im Hintergrund fegen Spieler und Einheimische mit langen Bambus-Besen das Eis frei.

Was Nirschl meint ist die faszinierende Verbindung der dramatischen Landschaft mit dem Eishockey-Enthusiasmus der Einheimischen. Während der bitterkalten Wintermonate, wenn die sommerlastige Tourismusindustrie lahm liegt und die Schulen geschlossen bleiben, dreht sich in Leh alles um Eishockey. "Vom ersten Schnee im Dezember bis zum Frühlingsanfang im März lebt und atmet ganz Ladakh Eishockey", sagt N.A. Gyapo, Präsident des "Ladakh Winter Sports Club" (LWSC).

Und tatsächlich ist die Stimmung am Stadion wie auf dem Jahrmarkt. Während der Spiele ist die Mauer um den Stausee, auf dem gespielt wird, rundherum mit johlenden Zuschauern besetzt; beim Jugendtraining plauschen Dutzende Mütter und Väter, sofern sie nicht selbst auf dem Eis sind, an der Balustrade, während ihre Kleinen von Coach Tundup Namgail angefeuert werden.

Kellen aus Plastikflaschen

Nach dem Training reibt sich Namgail, der seit 13 Jahren Mitglied im LWSC ist und als Verteidiger beim Team Supor aus Leh spielt, die klammen Finger. "Eishockey ist hier im Winter unser wichtigster Lebensinhalt - beinahe der einzige", sagt er. Im Sommer spielen die Ladakhis Fußball und Cricket, sogar ein Polo-Feld gibt es. Doch während der ereignislosen Wintermonate gibt es nur Eishockey.

Neu ist die Eishockey-Faszination in Ladakh nicht. In den frühen siebziger Jahren begann die Armee-Truppe der Ladakh Scouts, sich selbstgemachte Kufen unter die Schuhe zu montieren. Dazu kamen Stöcke mit Plastikflaschen als Kellen und Pucks, die aus den dicken Gummisohlen alter Armee-Stiefel geschnitten wurden. Es waren die improvisierten Anfänge des indischen Eishockeys.

Knapp vierzig Jahre später hat Indien dank der Eishockey-Leidenschaft Ladakhs sogar eine Nationalmannschaft. 2009 nahm die erstmals an einem internationalen Turnier, dem Challenge Cup of Asia der International Ice Hockey Federation (IIHF), teil. Da verlor das fast komplett aus Ladakhis bestehende Team noch jedes einzelne Spiel und erzielte nur ein Tor. Doch 2011 waren es beim gleichen Turnier schon sechs Treffer, und 2012 dann, als Indien Gastgeber des Challenge Cup war, gelang der erste Sieg, ein 5:1 über Macau.

Einen großen Anteil an dieser Erfolgsgeschichte hat Adam Sherlip. Der 28-jährige New Yorker stand damals als Trainer hinter der Bande und betreut das Nationalteam noch heute. Seit 2008 kommt der Eishockey-Coach regelmäßig nach Indien, um mit hiesigen Mannschaften zu trainieren. Mit seiner eigens für diesen Zweck gegründeten Stiftung "The Hockey Foundation" reist er jeden Winter quer durch Ladakh und klappert alle Städte und Dörfer ab, die vom Eishockey-Virus infiziert sind.

Know-How aus Übersee

Wenn Sherlip sich an die Anfänge seiner Mission erinnert, muss er breit grinsen. "Damals kannten die Spieler noch nicht einmal die Regeln. Als ich zum ersten Mal hier war, gab es weder Face-Offs noch Abseits, und die Wechsel waren völlig willkürlich. Das ist heute nicht mehr so." Bei einer Trainingseinheit mit Sherlip auf einem außerhalb Lehs gelegenen Fluss-Arm lauschen die Spieler andächtig und diszipliniert seinen Anweisungen und führen die Übungen konzentriert aus - beobachtet von einer Schafherde. "Indien hat eine sehr junge Eishockey-Kultur, und wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns", sagt Sherlip.

Mit ein bisschen Glück könnten die Rahmenbedingungen dieser Arbeit bald deutlich besser werden. Am Stadtrand von Leh ist eine allen IIHF-Standards genügende Eishalle schon halb gebaut. Das Fundament ist seit knapp zwei Jahren fertig, die Zuschauerränge bereits sichtbar. Es wäre erst die zweite Eishalle in ganz Indien und würde für das Ladakher Eishockey einen großen Sprung nach vorne bedeuten.

Doch fehlen zur Fertigstellung die Mittel. Schon den dritten Winter in Folge liegt der Beton-Koloss geisterhaft und nutzlos im Schnee vergraben. Eine Übertragung der Baustelle von der Stadt Leh auf den Club LWSC soll jetzt helfen, bürokratische Hürden zu überwinden und Spendengelder zu ermöglichen. "Mittelfristig ist ein richtiges Stadion notwendig für die Weiterentwicklung des Sports hier", sagt US-Trainer Sherlip. "Ewig auf dem Stausee zu spielen geht eben nicht."

Die beiden europäischen Gast-Teams, die auf ebenjenem See um den Sieg des diesjährigen Friendship Cup kämpfen, stört das abenteuerliche Umfeld nicht. Zwei Minuten vor Schluss wird die drückende Überlegenheit der Londoner "Spitfires" endlich durch den erlösenden Ausgleich belohnt. Und als die Sonne schon beinahe hinter den weißen Bergen verschwunden ist, endet Ladakhs Turnier der Freundschaft mit einem versöhnlichen 2:2-Unentschieden.

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1. Eishockeybegeisterung
S.Albrecht 10.03.2013
Als großer Eishockeyfan habe ich diesen Artikel verschlungen und ich freu mich riesig für die Menschen dort, und vor allem darüber, an welch exotischen Orten sich die Begeisterung für diesen großartigen Sport Bahn bricht. Welch ein Kontrast zu den millionenschweren Scheichs, die sich einfach eine Eishalle in die Wüste setzen und ihre gelangweilten Kinder dorthin schicken. Hier kommt die Begeisterung aus der Mitte der Bevölkerung. Ich wünsche den Leuten aus Ladakh viel Erfolg. Hoffentlich hört man bald noch mehr von der indischen Nationalmannschaft!
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