Von Peter Ahrens
Bei den vergangenen beiden Spielen in Salt Lake City und Turin hieß es noch: Gold für Deutschland, Silber für Deutschland, Bronze für Deutschland. Wenn man das so sieht, dann stellte Vancouver demnach einen schweren Rückschlag für das deutsche Rodlerinnen-Team dar: Nur Gold und Bronze für Hüfner und Geisenberger. Anke Wischnewski, die Dritte im Bunde, schwächelte. Sie wurde Olympia-Fünfte. Es ist doch tatsächlich das schlechteste Ergebnis für die deutschen Rodel-Frauen seit 16 Jahren.
Der Rest der Welt hat längst abgewunken und die deutsche Überlegenheit in Sachen ausgefeilter Technik und körperlicher Fitness anerkannt. Die Wettanbieter zahlen beim Frauen-Rodeln zwar hohe Gewinne aus - aber nur für den Fall, dass einmal keine Deutsche ganz oben steht. Für die Rodlerinnen ist die innerdeutsche Olympia-Qualifikation fast wie eine Weltmeisterschaft. Wer einen der begehrten drei Startplätze für die Winterspiele innehat, kann schon einmal einen Platz im privaten Trophäenschrank für die Medaille freiräumen.
Eine Goldmedaille mit Ansage
Das Gold für Tatjana Hüfner war denn auch eine Medaille mit Ansage. Selbst unter den dominanten deutschen Rodlerinnen ragt sie noch ein kleines Stück heraus. Die 26-Jährige aus Blankenburg im Harz. Dreimal am Stück hat sie den Weltcup gewonnen, drei Weltmeistertitel hat sie gesammelt, schon in Turin 2006 stand sie als Bronzemedaillengewinnerin auf dem Treppchen. Hüfner ist die logische Olympiasiegerin 2010.
Dabei hätte es auch passieren können, dass sie nie mit dem Rodelsport in Berührung gekommen wäre. Wenn ihr Vater nicht Zahnarzt wäre. Irgendwann hatte Vater Hüfner mal den Rodeltrainer Uwe Müller bei sich auf dem Zahnarztstuhl sitzen. Zwischen Wurzelbehandlung und Plombierung kamen beide übers Rodeln ins Gespräch, und Müller sagte, das sei doch mal ein guter Sport für die Kinder des Arztes. So ging es los. Am Ende stand der Olympiasieg.
Dazwischen durchlief Hüfner die klassische Karriere der deutschen Erfolgsrodlerinnen. Mit 14 Jahren wechselte sie aus dem Harzstädtchen ins Leistungszentrum nach Oberwiesenthal. 2003 rückte sie aus dem Juniorenbereich in das Frauen-Nationalteam auf. 2004 schon Zweite der Europameisterschaften, 2005 erster Weltcupsieg, 2006 die Olympiamedaille von Turin. Erfolg nach Programm.
Paradiesische Trainingsbedingungen
Beruflich hält die Bundeswehr ihr den Rücken frei. In der Sportfördergruppe hat sie seit Jahren alle Spielräume, sich ausschließlich auf das Rodeln zu konzentrieren. Paradiesische Verhältnisse für eine Spitzensportlerin - auch das unterscheidet die Deutschen vom Rest der Welt. So professionell wie in Oberwiesenthal, in Oberhof oder am Königsee wird diese Sportart nirgends sonst durchgeplant.
Von daher war der zweite Rang von Vancouver für die Österreicherin Nina Reithmayer die eigentliche Überraschung des olympischen Rodelwettbewerbs. Die junge Innsbruckerin hatte zuvor noch nie wirklich Aufsehen in der Weltspitze erregt. Im Eiskanal von Whistler behielt sie jedoch vier Durchgänge lang die Nerven, lag nach dem ersten Lauf sogar mal kurz ganz vorne. Ihr größter Erfolg war bisher eine Bronzemedaille bei den Europameisterschaften dieses Jahres im lettischen Sigulda. Die deutschen Rodlerinnen waren dort allerdings nicht am Start gewesen.
Als bei der Weltmeisterschaft 2009 die US-Amerikanerin Erin Hamlin völlig überraschend auf Rang eins einfuhr, schrieben die Agenturen anschließend von einem "schwarzen Tag für deutsche Rodel-Frauen". Es war aber auch wirklich dramatisch. Natalie Geisenberger holte damals nur Silber.
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