Hymnen-Posse Ein Lied für Italien

Der Südtiroler Rodler Gerhard Plankensteiner hat Empörung bei seinen Landsleuten ausgelöst, als er gestand, die italienische Nationalhymne nicht zu kennen. Prompt musste er live im Fernsehen vorsingen. Das wiederum brachte Südtiroler Politiker auf die Palme.


Turin - "Ich kenne dieses Lied nicht", hatte Plankensteiner nach der Siegerehrung im Rodelwettbewerb freimütig bekannt. Seine Unkenntnis der Hymne "Fratelli d'Italia" (Brüder Italiens) wurde rasch zum Politikum. Um die Wogen der Empörung zu glätten, die sein Geständnis ausgelöst hatten, musste Plankensteiner im Olympiastudio des italienischen Fernsehsenders RAI 2 die erste Strophe anstimmen.

Plankensteiner (mit Rodelpartner Haselrieder): "Ich liebe Italien"
REUTERS

Plankensteiner (mit Rodelpartner Haselrieder): "Ich liebe Italien"

Allerdings erreichte er mit seinem Auftritt das Gegenteil - denn nun sind die Südtiroler beleidigt. "Erniedrigend und demütigend", sei die Sache gewesen, sagte der Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder, "eine Beleidigung für jeden Südtiroler". In Wahlkampfzeiten sei jede Gelegenheit gut, "uns ins rechte Eck zu stellen. Wir stehen zu unserer Heimatverbundheit, da können sie uns öffentlich zerreißen wie sie wollen". Das Ganze zeuge nicht von europäischer Gesinnung. "Lassen wir die Sportler doch einfach Sportler sein, die Leistungen erbringen wollen", so Durnwalder.

Bereits die Frage an Plankensteiner, ob er denn die Hymne von Goffredo Mameli singen werde sei weder fair, noch zeuge sie von einer für ein vereintes Europa zeitgemäßen Einstellung. "Vielmehr handelt es sich um den Versuch, einem Sportler in der Stunde seines größten Erfolges einen Strick zu drehen", sagte der Landeshauptmann.

Die Landtagsabgeordnete Eva Klotz ging noch einen Schritt weiter und sagte, dass sich viele Tiroler eigene "Nationalmannschaften" wünschten. Die Sportnation Tirol, so Klotz, stünde mit den bisher errungenen Medaillen bei den Olympischen Spielen in Turin ziemlich weit oben in der Wertung.

Der 34-jährige Plankensteiner bedauerte unterdessen, dass seine Aussage eine derartige Lawine ausgelöst habe. Er sei nach dem Rennen müde gewesen und habe die Frage des Journalisten nicht richtig verstanden. Natürlich kenne er die italienische Hymne, er liebe Italien und widme die Medaille allen Italienern. "Es war nicht meine Absicht, dieses Chaos auszulösen", sagte Plankensteiner der Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera".

"Ich liebe Italien, ich mag Italien. Es stimmt nicht, dass ich nur Augen für Südtirol habe. Ich könne auch in Sizilien oder Kalabrien leben. Ich bin ein echter Italiener", so Plankensteiner. Für Österreich zeigte er dagegen wenig Sympathie. "Ich mag Österreich nicht. Dort will ich nicht leben. Ich möchte Italiener und nichts anderes sein", so der Rodler.

jto/sid



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.