Interview mit Georg Hackl "Manche schrauben am Auto, ich am Schlitten"

Georg Hackl, 36, ist der erfolgreichste deutsche Rennrodler aller Zeiten. Vor dem Weltcup in Calgary spricht der Berchtesgadener im Interview mit SPIEGEL ONLINE übers Schlittenbasteln, den Rodelsport in Deutschland und das Misstrauen, mit dem ihm Funktionäre und Sportler begegnen.


ZUR PERSON
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Georg Hackl

Georg Hackl wurde am 9. September 1966 in Berchtesgaden geboren. Rodeln war für Hackl Schulsport, und so begann er damit bereits im Alter von 10 Jahren. Seine größten Erfolge feierte er bei den Olympischen Spielen in Albertville (1992), Lillehammer (1994) und Nagano (1998), wo er jeweils Gold gewann. Der bodenständige Bayer ist, wie so viele Wintersportler, Berufssoldat. 1999 heiratete Hackl seine langjährige Freundin Margit Datzmann. Der diesjährige Weltcupauftakt verlief für Hackl nach Plan. Im US-amerikanischen Lake Placid rodelte er auf den ersten Platz.
SPIEGEL ONLINE: Herr Hackl, Sie sind einer der erfolgreichsten deutschen Wintersportler aller Zeiten. Dennoch rangiert Rodeln in der Gunst des Publikums außer zu Olympiazeiten eher unten. Wie erklären Sie sich das?

Georg Hackl: Weil Rodeln eine Sportart ist, die nur wenige Menschen betreiben können. Es gibt kaum Rodelbahnen in Deutschland, deshalb wird es auch nie zum Massensport. Anders wäre es, wenn mehrere Sportler gleichzeitig die Bahn hinunter rodeln könnten. Dann wäre es auch für die Zuschauer spannender.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste man unternehmen, um den Sport populärer zu machen?

Hackl: Es muss sich etwas an den Fernsehübertragungen ändern. Man braucht noch bessere Kameraeinstellungen, damit der Zuschauer sich durch die visuellen Erlebnisse in den Sport hinein denken und nachvollziehen kann, was es für ein Gefühl ist, mit bis zu 140 Sachen die Bahn hinunter zu schießen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind dafür bekannt, an Ihrem Sportgerät im eigenen Hobbykeller zu basteln.Was veranlasst Sie dazu, einen Großteil Ihrer Freizeit für die Konstruktion eines Rodelschlittens zu opfern?

Hackl: Ganz einfach die Freude an der Sache. Ich betrete Neuland, entwickle etwas, was es vorher so noch nie gab. Manche schrauben an ihrem Auto, ich an meinem Schlitten. Mit dem Unterschied, dass ich den Schlitten selbst baue und die sich ihr Auto irgendwann gekauft haben. Es ist jedenfalls ein gutes Gefühl, im Rennen mit dem Schlitten unterwegs zu sein, den man selbst entworfen hat.

SPIEGEL ONLINE: Vor kurzem hat sich das Reglement beim Rodeln verändert. Die Dämpfung beim Schlitten zwischen Kufe und Schiene ist ab sofort verboten. Wie finden Sie das?

Georg Hackl während der olympischen Spiele in Salt Lake City: "Rodeln wesentlich mitgeprägt"
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Georg Hackl während der olympischen Spiele in Salt Lake City: "Rodeln wesentlich mitgeprägt"

Hackl: Traurig, denn so wird die Entwicklung der Sportart in die Steinzeit zurück versetzt. Für mich bedeutet es, dass ich einen großen technischen Vorsprung nicht mehr nutzen kann. Ich verstehe nicht, dass man Rodeln so limitiert und jegliche Art von Weiterentwicklung begrenzt.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat man das Ihrer Ansicht nach getan?

Hackl: Damit der Hackl nicht immer so erfolgreich ist. Meine Siege habe ich schließlich auch dem Schlitten zu verdanken.

SPIEGEL ONLINE: Da passt es ins Bild, dass man Sie grundsätzlich überhört, wenn Sie sich für technische Veränderungen der Schlitten aussprechen.

Hackl: Ganz genau. Wenn ich einen Vorschlag mache, dann unterstellt man mir automatisch, dass ich die Absicht habe, nur mir persönlich einen Vorteil verschaffen zu wollen.

SPIEGEL ONLINE: Wer unterstellt Ihnen das?

Hackl: Funktionäre, Sportler, einfach alle.

SPIEGEL ONLINE: Sie wittern eine Verschwörung?

Hackl: Das will ich nicht so dramatisieren. Aber ich bin ja schließlich nicht irgendeiner, der "auf der Brennsuppe daher geschwommen" ist, sondern übe diese Sportart seit fast 25 Jahren aus. Ich habe Rodeln wesentlich mitgeprägt, und wenn ich einmal die Absicht habe, die Sportart attraktiver zu machen, dann finde ich es traurig, dass man mir so was unterstellt. Aber ich habe aus diesem Misstrauen Konsequenzen gezogen: Ich werde in Zukunft nur noch mein eigenes Ding machen.

Georg Hackl bei seiner Hochzeit im Mai 1999
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Georg Hackl bei seiner Hochzeit im Mai 1999

SPIEGEL ONLINE: Was für Chancen rechnen Sie sich jetzt in Calgary aus?

Hackl: Ich glaube, ich bin momentan in einer sehr guten Form. Wenn mein Rückstand am Start nicht so groß ist, dann kann ich dort auch ein Wörtchen mitreden.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie an den nächsten olympischen Spielen teilnehmen?

Hackl: Natürlich würde ich gerne 2006 nach Turin fahren, sofern meine Gesundheit mitspielt und die Leistung noch stimmt. Ich gehe in diese Saison mit der Zielsetzung, eine Standortbestimmung zu machen und werde dann ja sehen, wie ich mich im Teilnehmerfeld behaupten kann. Mein großes Problem ist nach wie vor, dass ich am Start zu langsam bin. Da werde ich auch über die Jahre nicht mehr schneller. Es kann durchaus sein, dass es irgendwann nicht mehr reicht und ich mich im Deutschen Team nicht mehr behaupten kann.
Die Fragen stellte Philip Kuhn



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