Finnlands Skisprung-Krise: Die Hoffnung heißt Ahonen

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Verletzungen, falsche Trainingsmethoden, kein Geld: Die einst so erfolgreiche Skisprung-Nation Finnland steckt tief in der Krise. Einer hat wohl genug von der anhaltenden Erfolglosigkeit. Schon zum zweiten Mal will Janne Ahonen die Ehre der finnischen Skispringer retten.

Finnland: Absturz einer Skisprung-Nation Fotos
AP

Hamburg - Matti Nykänen, Toni Nieminen, Janne Ahonen: Die Geschichte des finnischen Skispringens ist reich an großen Namen und reich an Titeln. Doch die ruhmreichen Zeiten sind vorbei, das finnische Team springt aktuell nur noch hinterher.

Am vergangenen Wochenende waren beim Mannschaftswettkampf in Zakopane sogar Italien und Tschechien besser. Polen erreichte mit drei Springern so viele Punkte, wie das gesamte finnische Quartett. Die Skisprung-Gegenwart der Nation ist trostlos und es gibt wenig Aussicht auf Besserung. Ein Jahr ist noch Zeit bis zu den Olympischen Winterspielen, in Sotschi droht ein Debakel.

Verhindern soll das Janne Ahonen. Wieder einmal. Der finnische Skisprung-Held hat sein zweites Comeback angekündigt, mit 35 Jahren. "Ich habe mich ein paar Jahre ausgeruht und bin wieder total frisch. Nichts hält mich jetzt noch davon ab, ein Jahr lang alles zu geben. Ich glaube zu 100 Prozent an mich", sagte er in einem Fernsehinterview.

Im Frühjahr 2011 hatte Ahonen seinen Rücktritt bekannt gegeben. Seither gelang es keinem anderen Finnen, an die Erfolge des großen Idols anzuknüpfen. Bereits nach der Weltmeisterschaft 2009, bei der Finnland keine Medaille gewonnen hatte, half der Altmeister für zwei Jahre aus, um sein Team bei den Spielen in Vancouver vor der totalen Olympia-Blamage zu bewahren. Die Vierschanzentournee konnte er damals als Zweiter beenden, bei den Spielen hielt er zumindest mit seinem vierten Platz im Einzelwettkampf von der Großschanze die finnische Flagge hoch. Das Team wurde im Mannschaftsspringen mit Ahonen ebenfalls Vierter.

Jetzt ist die Situation ähnlich wie vor vier Jahren. Beim Heimweltcup in Kuusamo wurde die finnische Mannschaft lediglich Siebter. Eine Woche zuvor war Janne Happonnen bei der Qualifikation für das Springen im norwegischen Lillehammer gestürzt und hatte sich zum dritten Mal das Kreuzband gerissen. Das bislang beste Saisonergebnis war der 16. Platz des jungen Lauri Asikainen in Wisla. Er war auch der einzige von anfangs vier finnischen Springern, der die Vierschanzentournee beendete. An Siege mag in Finnland derzeit niemand mehr glauben, der letzte Erfolg im Weltcup liegt bereits über zwei Jahre zurück, damals gewann Ville Larinto vor Matti Hautamäki.

Ein Grund für die finnische Misere ist das anhaltende Verletzungspech. Bestes Beispiel dafür ist Happonen. Als talentierter Nachwuchsspringer war er einst Teil der Olympiamannschaft und holte 2006 in Turin mit dem Team die Silbermedaille. Zudem konnte Happonen drei Weltcupsiege im Einzel und einen mit der Mannschaft feiern. 2008 erlitt er dann beim Training im deutschen Klingenthal einen Oberschenkelbruch, diesem folgten drei Kreuzbandrisse. Der letzte in dieser Saison, für die Happonnen nun komplett ausfallen wird.

Knieverletzungen sind bei den finnischen Skispringern keine Seltenheit. Der 22-jährige Larinto stürzte beim Neujahrsspringen 2011 schwer. Diagnose: ebenfalls Kreuzbandriss. Seine alte Form, die ihm bereits einen Weltcupsieg und zwei zweite Plätze einbrachte, hat er bis heute nicht wiedergefunden. Auch Anssi Koivuranta, der kurz vor der Saison noch operiert wurde, Olli Muotka und der derzeit einzige Weltcupspringer Lauri Asikainen, klagen immer wieder über Knieprobleme.

Auf der Suche nach den Ursachen sind sich die finnischen Experten uneinig. Der ehemalige Trainer Tommi Nikunen sieht das Problem in einer zu hohen Flugkurve und den enormen Geschwindigkeiten. "Der Wert, der die Sportart immer attraktiver machen soll, und die Sicherheit der Springer gehen nicht immer Hand in Hand", kritisiert er. Toni Nieminen, ehemaliger Springer und aktuell Experte im finnischen Fernsehen, wirft Nationaltrainer Pekka Niemelä falsche Trainingsmethoden vor. "Schon gegen Ende meiner eigenen Laufbahn hat man damit begonnen, den Fokus auf das Trainieren der maximalen Absprungkraft zu legen. Nun frage ich mich, ob wir in unserer Mannschaft zu viel Wert auf das Krafttraining legen", sagte der Juniorentrainer. Gerade bei jungen Springern sei der schnelle Aufbau maximaler Kraft ein Grund für die Anfälligkeit von Knieverletzungen.

Weiteres Problem: Ohne Erfolg gibt es kein Geld. In diesem Winter betrug das Budget der Skisprungabteilung gerade einmal 100.000 Euro. Ein Bruchteil von dem, was der Konkurrenz aus Deutschland, Österreich oder Norwegen zur Verfügung steht. "Sie hatten im Vorjahr nicht mal genug Geld für ein Trainingslager", sagt Nieminen. Für diese Saison fanden sich ein paar Geldgeber, es gab sogar eine Werbekampagne mit den Springern im Fernsehen.

Im vergangenen Sommer war der Verband zudem eine Kooperation mit der Mannschaft aus Estland eingegangen. Während die Esten vom Material und Fachwissen der Finnen profitieren wollten, hofften die Skandinavier auf finanzielle Unterstützung für Weltcupkosten und Trainergehälter. Tatsächlich hat sich die finanzielle Lage etwas entspannt, die Probleme auf der Schanze bleiben aber die selben.

Dort soll Ahonen Abhilfe schaffen. Doch neben dem Einsatz für das Team hat der schweigsame Finne noch eine persönliche Rechnung offen: Eine Olympische Medaille gewann er in einem Einzelspringen noch nie. Sie wäre der letzte fehlende Titel in einem erfolgsgekrönten Lebenslauf.

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Vierschanzentournee: Rekordsieger
Athlet Land Siege
Janne Ahonen Finnland 5 (1999, 2003, 2005, 2006, 2008)
Jens Weißflog Deutschland 4 (1984, 1985, 1991, 1996)
Björn Wirkola Norwegen 3 (1967, 1968, 1969)
Helmut Recknagel Deutschland 3 (1958, 1959, 1961)
Jochen Danneberg Deutschland 2 (1976, 1977)
Veikko Kankkonen Finnland 2 (1964, 1966)
Matti Nykänen Finnland 2 (1983, 1988)
Andreas Goldberger Österreich 2 (1993, 1995)
Hubert Neuper Österreich 2 (1980, 1981)
Ernst Vettori Österreich 2 (1986, 1987)
Gregor Schlierenzauer Österreich 2 (2012, 2013)