Stochs historischer Erfolg bei der Tournee Die Heiligen Zwei Könige

Sven Hannawalds Vierfach-Triumph aus dem Jahr 2002 war einmalig in der 66-jährigen Geschichte des Wettbewerbs - bis heute. Kamil Stoch hat auch in Bischofshofen dominiert. Die Tournee hat einen zweiten König.

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Der Mann des Tages: Kamil Stoch, natürlich. Weltmeister? Tourneesieger? Weltcupsieger? War der Pole alles schon. Olympiasieger? Ebenfalls, sogar gleich zweimal. Am Dreikönigstag 2018 hat Stoch nun endgültig den Status als Skisprunglegende gesichert. Als zweiter Athlet überhaupt gewann er alle vier Wettbewerbe einer Vierschanzentournee. Der Satz "Dieses Kunststück ist bislang nur Sven Hannawald gelungen" gehörte seit dessen Vierfach-Erfolg im Jahr 2002 zum Stehsatz im Sportjournalismus - und hat jetzt ausgedient. Ab heute hat die Tournee einen zweiten König.

Das Ergebnis: Stoch triumphierte in Bischofshofen und gewann damit auch zum zweiten Mal nach 2017 die Gesamtwertung der Vierschanzentournee. Hier geht's zur Meldung.

Kamil Stoch wird von Teamkollegen gefeiert
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Kamil Stoch wird von Teamkollegen gefeiert

Anspannung: "Ich will einfach nur gut springen", hatte Stoch vor den finalen zwei Durchgängen gesagt. (Offensichtlich das "Wir denken nur von Spiel zu Spiel" des Skispringens.) Der gewaltige Druck aber ließ sich nicht wegfloskeln: Neun Springer waren vor Stoch mit drei Siegen nach Bischofshofen gereist. Ein vierter Erfolg gelang dort jedoch einzig Sven Hannawald. Zumindest im Probedurchgang am Nachmittag wirkte Stoch noch bemerkenswert entspannt: 139,5 Meter - Bestweite.

Der erste Wertungsdurchgang: Unterschied sich kaum von der Probe, von flatternden Nerven war bei Stoch nichts zu sehen. 132,5 Meter - erneut der weiteste Satz. Knapp vor seinem Teamkollegen Dawid Kubacki (132 Meter), der in seiner Karriere zuvor noch kein einziges Weltcupspringen im Einzel hatte gewinnen können. Ausgerechnet mit dem Premierenerfolg dem Teamkollegen den historischen Triumph vermiesen? Es wäre eine ganz besondere Pointe für dieses Tourneefinale gewesen.

Stallorder: Würde Polens Skisprungtrainer Stefan Horngacher dem 27 Jahre alten Kubacki ins Gewissen reden? Kein Thema, "da bremsen wir gar nichts", sagte Horngacher in der Pause in die ARD-Mikrofone. Ohne jedes Augenzwinkern.

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Die Vierschanzentournee in Bildern: Stoch triumphiert, Freitag stürzt

Der zweite Durchgang: Eigentlich interessierten doch nur noch die letzten beiden Springer. Horngacher ließ für Kubacki überraschend den Anlauf verkürzen, von Luke 12 auf Luke 11 - und Kubacki sprang deutlich kürzer als noch im ersten Durchgang (127,5 Meter), wurde am Ende trotz Ausgleichsfaktor "nur" Neunter. Stoch segelte im Anschluss mit längerem Anlauf auf immerhin 137 Meter. Es war knapp, aber es reichte. Drei Punkte Vorsprung auf den Norweger Anders Fannemel.

Die erste Einordnung des neuen polnischen Volkshelden: "Ich weiß nicht genau, was das für mich bedeutet", sagte Stoch schüchtern nach dem Ende. Wahrscheinlich inhaltlich das Beste, was man heute zu diesem Thema hören wird.

Bester vom Rest: Andreas Wellinger, der in Bischofshofen im Vorjahr mit 144,5 Metern immerhin den Schanzenrekord verbessert hatte, dem die Schanze also grundsätzlich liegt, landete in Bischofshofen auf 129 und 139,5 Metern - und damit auf Rang drei der Tageswertung. Im Gesamtklassement reichte das, um den zweiten Platz vor dem Norweger Fannemel zu verteidigen. Auf Dominator Stoch fehlten nach acht Sprüngen aber fast 70 Punkte.

Und Östereich? Die große Skispringer-Nation befindet sich in der Krise. Auch der vierte Platz von Stefan Kraft (130,5 und 135,5 Meter) konnte davon nicht ablenken. Zum ersten Mal seit 2005/2006 beendeten sie die Tournee ohne einen einzigen Podiumsplatz, erstmals seit 40 Jahren war am Ende kein Österreicher unter den Top Ten der Gesamtwertung. Favoriten bei den Olympischen Spielen sind andere, in erster Linie natürlich: Kamil Stoch.

Sportliche Grüße: Der Mann mit dem Gelben Trikot war zunächst der ärgste Konkurrent Stochs gewesen, ehe ihn der Sturz in Innsbruck zum Tournee-Aus nötigte. Starke Hüftschmerzen sorgten dafür, dass Richard Freitag das Finale nur im Fernsehen erlebte. Begeistert war er trotzdem.

Kamil Stoch (l.), Sven Hannawald
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Kamil Stoch (l.), Sven Hannawald

2 aus 66: Schon vor dem Abschlussspringen hatte Hannawald gesagt, er gehe davon aus, sich den Rekord demnächst teilen zu müssen. Stoch habe in den Vortagen ähnlich souverän "alles in Grund in Boden gesprungen" wie Hannawald einst zum Jahreswechsel 2001/2002. "Dann sind wir eben zwei Springer in diesem elitären Klub." Hannawald hatte angekündigt, als erster Gratulant im Auslauf aufzutauchen - und hielt Wort. Es war eine der schönsten Gesten dieser Tournee.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
wolke:sieben 07.01.2018
1. Gratulation !!
....das war eine gute Leistung, die auch nicht durch die Flügellahmheit der übrigen Springer( vor allem der deutschen) geschmälert werden sollte
joe.micoud 07.01.2018
2.
Grosse sportliche Leistung von Stoch und schöne Geste von Hannawald.
affenzahn 08.01.2018
3. Flügellahm?
Unter den ersten 18 Springern sind 5 Deutsche, keine andere Mannschaft hat mehr Springer plaziert...
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