Kommentar Behle, bekennen Sie sich!

Das österreichische Team wird von einem Dopingskandal erschüttert - und was machen die Deutschen? Langlauf-Coach Behle schlägt sich auf die Seite der Nachbarn und spricht sich für die Abschaffung von Hämoglobin-Grenzwerten aus. Auch der NOK-Chef gibt keine gute Figur ab.

Von , Sestriere


Es ist Sonntag in Pragelato, als Jochen Behle wieder mal die Fassung verliert. Der Langlauf-Bundestrainer hat von der Doping-Razzia im österreichischen Privatquartier erfahren, er muss das jetzt kommentieren. "Eine Frechheit. Absolut menschenunwürdig, wie man mit den Athleten umgegangen ist", bellt der 45-Jährige im Zielraum. 30 Carabinieri, nur so viel weiß man in diesem Moment, haben die Häuser ab 19 Uhr am Samstag umstellt und Leibesvisitationen durchgeführt. Dann wurden die zehn Sportler von Kontrolleuren des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zu einer Dopingprobe mitgenommen.

Langlauf-Coach Behle: "Eine Frechheit"
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Langlauf-Coach Behle: "Eine Frechheit"

Der Zeitpunkt war unglücklich. Einen Tag später sollten die Austria-Langläufer in der Staffel starten. Aber laut ihrer Statuten dürfen die Tester von IOC und Welt-Anti-Doping-Agentur Wada die Athleten eben bis 22 Uhr abholen. Bei zehn Sportlern kann sich so ein Test bis spät in die Nacht hinziehen. Rechtfertigt das die Wortwahl Behles? Nein. Aber sie ist Teil einer Linie, die der Coach seit Olympia-Beginn gegen alle fährt, die sich dem Anti-Dopingkampf verschrieben haben.

Schon nach der Schutzsperre gegen Langläuferin Evi Sachenbacher-Stehle ätzte Behle gegen den Chef der Medizinischen Kommission des Internationalen Skiverbandes Fis, Bengt Saltin. Der Schwede musste sich durch Behle der Lüge bezüglich Sachenbachers Hämoglobin-Werten bezichtigen lassen. Thomas Pfüller, Sportdirektor des Deutschen Ski-Verbandes (DSV), pfiff ihn zurück, doch der irrlichternde Coach durfte am Samstag im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF diesen Vorwurf unwidersprochen erneuern. Und das war noch nicht alles: Der Trainer sprach sich auch noch für die Abschaffung der Grenzwerte und Schutzsperren aus.

Die Deutschen und das D-Wort

Wer in diesen Tagen erhöhte Hämoglobin-Werte wie die von Sachenbacher auch nur in die Nähe eines Dopingverdachts rückte, dem war Behles hysterische Reaktion gewiss. Wo aber bleibt bei aller Kritik sein Bekenntnis zur strikten Anti-Dopingpolitik von IOC und Weltantidoping-Agentur Wada? Wo war der Hinweis, dass sich auch die Deutschen vor Jahren diesem Code unterwarfen, ihn sogar aktiv unterstützten und Schutzsperren sowie Grenzwerte mittrugen? Nichts, nicht mal ein Nebensatz.

Und die deutschen Sportler? Ob Tobias Angerer, Ronny Ackermann, Evi Sachenbacher oder Viola Bauer: Sie alle erklären unisono und ungefragt, dass sie die harten Tests ausdrücklich begrüßen. "Man kann mir gern auch zehn Mal am Tag Blut abnehmen, Hauptsache, man lässt mich starten", sagte Sachenbacher. Die Athleten scheinen erkannt zu haben, dass nicht Grenzwerte, Schutzsperren, Razzien oder gar die Tester das Problem sind - sondern die Tatsache, dass nach Salt Lake City 2002 Olympische Spiele schon wieder vom Doping dominiert werden. Leider ist das bei Behle und anderen noch nicht angekommen.

Ein Präsident will nicht missverstanden werden

Sonntag, Deutsches Haus Sestriere. Klaus Steinbach meldet sich auf der Halbzeitbilanz-Pressekonferenz zu Wort. Nach Kritik und Lob formuliert der NOK-Präsident reichlich gestelzt einen Vorschlag. "Wir wollen zu einem wissenschaftlichen Symposium mit den führenden Hämatologen dieser Welt anregen, um die neuesten Erkenntnisse abzugleichen und die richtigen Ableitungen fürs Regelwerk zu treffen."

Der Schock über die Sachenbacher-Sperre und die erfolglose Klage vor dem Internationalen Sportschiedsgericht Cas sitzen offenbar noch immer tief bei den nationalen Olympioniken, dass sie das Vorgehen des IOC noch mal wissenschaftlich beleuchten wollen. Vielleicht, so die Hoffnung, zeigt sich ja doch, dass Schutzsperren Humbug und erhöhte Hämoglobinwerte weder gesundheitsgefährdend sind noch auch nur den kleinsten Hinweis auf Doping geben. Und die "richtigen Ableitungen fürs Regelwerk"?

Offenbar hat auch Steinbach das Weg-mit-Schutzsperren-und-Grenzwerten-Virus erfasst. Die Ankündigung von Wada-Chef Richard Pound, erhöhte Hämoglobin-Werte wie Doping verfolgen zu wollen, tut er als "ungerecht und unfair" ab. "Die Grenzwerte sind doch von Nichtmedizinern willkürlich gesetzt", erklärt der NOK-Chef, distanziert sich jedoch kurze Zeit später wieder davon. Von Willkür wollte er dann doch nicht sprechen. Doch Steinbach, von Beruf Orthopäde, ist trotzdem fest davon überzeugt, dass erhöhte Hämoglobinwerte "nichts mit Doping zu tun haben". Eine Aussage, die medizinisch fragwürdig ist.

Fragwürdig ist aber vor allem das Verhalten Behles. Es ist höchste Zeit, dass sich der Langlauf-Bundestrainer ausdrücklich zu harten Kontrollen und dem bestehenden Regelwerk bekennt - und nicht durch sein Verhalten den Verdacht schürt, vielleicht selbst etwas zu verbergen.

Denn was passieren kann, wenn eine Nation auch nur den (missverständlichen) Eindruck macht, nicht voll und ganz hinter der international anerkannten Antidopingpolitik zu stehen, zeigt ein Blick nach Finnland. Der Skiverband ist pleite, nachdem sich die Sponsoren seit der Heim-WM in Lahti 2001 (drei finnische Langläufer wurden positiv getestet) zurückgezogen haben. In Deutschland gibt es noch keinen Dopingfall. Aber der Verdacht, es könnte demnächst einen geben, wird durch das aktuelle Verhalten sicher nicht ausgeräumt.

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