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Lukas Müllers schwere Verletzung: Wie gefährlich ist Skispringen?

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Skispringer Müller: Schwerer Sturz am Kulm

Der österreichische Skispringer Lukas Müller hat sich bei einem Sturz schwer verletzt, seine Beine kann er nicht bewegen. Wie kam es zu dem Unfall? Wie stehen die Chancen auf Genesung? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Es ist der zweite schwere Unfall eines Skispringers innerhalb eines Jahres. Im Januar 2015 stürzte der Amerikaner Nick Fairall bei der Landung in Bischofshofen. Der 26-Jährige sitzt seitdem im Rollstuhl. Am Mittwoch verlor der Österreicher Lukas Müller am Kulm kurz vor der Landung die Kontrolle über seinen linken Ski. Auch der 23-Jährige zog sich bei seinem Sturz massive Rückenverletzungen zu.

Müller brach sich den sechsten und siebten Halswirbel und kann derzeit seine Beine nicht bewegen, wie das Universitätsklinikum in Graz mitteilte. Der Unfall löst eine neue Debatte über die Sicherheit im Skispringen aus.

Was ist passiert?

Müller nimmt als Vorspringer nicht am eigentlichen Wettbewerb teil, Skispringen war für ihn zuletzt mehr Hobby als Beruf. Vorspringer testen die Schanze für die Athleten und helfen der Jury dabei, die Länge des Anlaufs festzulegen. Der Unfall ereignete sich am Mittwoch bei einem Testsprung für die Skiflug-WM am Kulm in Bad Mitterndorf.

Kurz vor der Landung löste sich Müllers linker Ski. Bei einer Geschwindigkeit von mehr als 110 Kilometern pro Stunde konnte Müller die Balance nicht halten und stürzte in den Schnee. Bereits an der Schanze merkte er den Grazer Ärzten zufolge, dass er seine Beine nicht bewegen konnte. Müller wurde umgehend mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen und an der unteren Halswirbelsäule operiert.

Unfall am Kulm: Müller wurde mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen Zur Großansicht
Twitter/ chmiielewski

Unfall am Kulm: Müller wurde mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen

Was war die Ursache für den Sturz?

Auslöser für den Sturz war wohl ein Problem mit dem Skischuh. Kurz vor der Landung löste sich die Schnalle über dem Rist, Müller verlor daher die Kontrolle über den linken Ski. Ähnlich war auch der Sturz von Fairall in Bischofshofen vor einem Jahr abgelaufen. Unklar ist, ob ein Materialproblem oder ein persönlicher Fehler des Springers vorlag. Dies will der österreichische Verband nun untersuchen lassen.

Der dreimalige Olympiasieger Jens Weißflog sieht die verbreitete, feste Verbindung von Schuh und Ski kritisch. Zu seiner aktiven Zeit waren noch sogenannte Sicherheitsbindungen vorgeschrieben. "Bei jedem Hobby-Skifahrer, der sich einen Leihski holt, ist der Verleiher verpflichtet, die Bindung so einzustellen, dass sie sich beim Sturz löst. Im Profisport geht man da eher den umgekehrten Weg", sagt der Sport1-Experte Weißflog.

Wie geht es Lukas Müller?

Der Skispringer hat eine teilweise Querschnittslähmung. Das bedeutet, dass bei dem Sturz ein Teil der Nervenfasern in seinem Rückenmark verletzt oder durchtrennt wurde, andere aber noch intakt sind. "Bei einem Unfall wie dem Sturz verschiebt sich der Wirbelkörper, hinter dem das Rückenmark verläuft, in alle Richtungen", sagt Florian Gebhard, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie. "Wie schlimm die Verletzung ausfällt, hängt dann davon ab, wie sehr das Rückenmark dabei gequetscht wird."

Momentan kann Müller seine Beine zwar nicht bewegen, seine Sensibilität aber blieb erhalten. Patienten mit solchen inkompletten Verletzungen können oft Berührungen spüren sowie Wärme und Kälte fühlen. "Die dafür zuständigen Nervenfasern sind im Rückenmark noch aktiv ", sagt Gebhard, der als Ärztlicher Direktor an der Universität Ulm arbeitet. "Man muss sich das Rückenmark vorstellen wie einen Kabelbaum. Bei Müller wurde nicht der gesamte Baum durchtrennt, sondern es sind noch Kabel vorhanden. Man kann jedoch nicht sagen, wie viel Prozent."

Aus diesem Grund besteht auch die Hoffnung, dass Müller die Kontrolle über seine Beine wiedererlangen wird. Mittlerweile wurde er operiert. Eingriffe haben in dieser Situation zwei Ziele: die Wirbelsäule zu stabilisieren und das Rückenmark von möglichen störenden Fragmenten zu befreien.

Wie sind seine Genesungschancen?

Das kann zum aktuellen Zeitpunkt leider niemand sagen, auch nicht seine behandelnden Ärzte. "Bis heute kann man die Heilungschancen bei einer solchen Verletzung des Rückenmarks nicht vorhersehen und auch nicht durch Medikamente beeinflussen", sagt Gebhard. "Ein Grund dafür ist, dass Röntgenbilder nur den Zustand nach dem Unfall zeigen. Sie geben aber keine Auskunft darüber, wie sehr das Rückenmark während des Unfalls beschädigt wurde." Wie schwer die Folgen seiner Verletzung wirklich sind, können nur die nächsten Monate zeigen.

Welche Sicherheitsmaßnahmen gibt es?

Neben den üblichen Gefahren beim Skispringen kommt an der Schanze am Kulm der vergleichsweise steile Hang hinzu. Walter Hofer, Renndirektor vom Ski-Weltverband Fis beteuerte, man habe die Schanze bereits sicherer gemacht und den Anlauf verbessert. Auch die Sprungski seien besser als früher. Damit seien "zwei Drittel des Sprungs wesentlich sicherer", sagte Hofer. "Nur an der Landung und beim Ausfahren müssen wir noch arbeiten."

Um die Wirkung von Stürzen abzumildern, sind mittlerweile auch Rückenprotektoren erlaubt, die im alpinen Ski schon üblich sind. Allerdings tragen aus dem gesamten Feld nur zwei Springer die Schutzkleidung regelmäßig - unter anderem deshalb, weil viele Athleten sich damit unwohl fühlen. Auch Müller trug keinen Protektor.

cte/irb/sid/dpa

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Was für eine blöde Frage!
aschu0959 15.01.2016
Natürlich lebensgefährlich. Wer sich mit 150 km/h einen Berg runterschiesst sollte schon einen guten Grund dafür wissen und eine ordentliche Versicherung bezahlen können. Dem Springer trotzdem alles gute.
2. Irgendwann....
wohin 15.01.2016
....überholt sich auch d i e s e r Sport! Wen interessiert schon noch der Kampf um Meter bzw. Zentimeterchen? Jeder Sportler sollte sich nach dem Sinn seines Sports fragen, vor allem, wenn es um höher, schneller, weiter geht. Da lob ich mir doch die Mannschaftssportarten, auch Biathlon oder Fußball, da ist wenigstens noch ein bißchen Spannung drin.
3. steiler Hang= Gefahr?
roby1111 15.01.2016
Also das hatte ich andersrum in Erinnerung, im Scheitelpunkt des Hangs liegt ja auch üblicherweise der sogenannte kritische Punkt, d.h. eine Landung im flacheren Bereich des Hangs ist meines Wissens und Erachtens gefährlicher. Denn: im Profil angeschaut, sieht man, daß der "Sprung" von der Schanze eher ein Dahingleiten parallel zum steilen Hang ist, die Wurfparabel schneidet sich dadurch erst recht weit hinter dem Absprung mit dem Hang=Landepunkt. Je steiler der Hang, desto weniger Impulsanteil wirkt als Aufprall, sondern wird in eine Vorwärtsbewegung des gelandeten Skispringers umgesetzt. Daher kann ich diese Aussage nicht verstehen! Rückenprotektoren sollten zur Pflicht werden, sowie im Training eine "Fallschule", wie sie etwa im asiatischen Kampfsport Judo üblich ist und allein durch Körperhaltung und Muskelspannung Schäden vermeiden helfen kann! Auch von mir gute Besserung an Herrn Müller, ich hoffe, sie schaffen die vollständige Regeneration!
4. Wann ist man tot----
kasam 15.01.2016
Wenn man unten ankommt und nie mehr was sagen kann----
5.
max.snijder 15.01.2016
"Allerdings tragen aus dem gesamten Feld nur zwei Springer die Schutzkleidung regelmäßig - unter anderem deshalb, weil viele Athleten sich damit unwohl fühlen." Seit meine Schwester sich beim Skifahren einen Rückenwirbel gebrochen hat (zum Glück ohne bleibende Schäden), trage ich beim Skifahren jetzt auch einen Rückenprotektor. Ich finde das sogar angenehm, der hält warm und beim Liftfahren hat man ein angenehmes Polster im Rücken. Mag aber sein, dass das zusätzliche Gewicht beim Skispringen ein paar cm kostet. Sinnvoll wäre es aber vermutlich dennoch, dann aber wohl verpflichtend für alle, um Chancengleichheit zu wahren.
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