Skisprung-Weltmeister Eisenbichler Schusters Werk

Gold und Silber gewonnen: Wie so oft sind die deutsche Skispringer beim Saisonhöhepunkt in Bestform. Markus Eisenbichler und Karl Geiger dürfen verdient feiern - der Erfolg aber gebührt Bundestrainer Werner Schuster.

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Skispringen ist eine so wechselhafte Sportart. Das liegt nicht nur daran, dass die Athleten von Wind und Wetter abhängig sind wie wenige andere im Sport. An einem Tag gelingt ein Siegsprung, eine Saison scheint man unbesiegbar zu sein, dann wieder scheint nichts zusammenzugehen. Vor drei Jahren erst war Severin Freund der Star der Szene, bei der Weltmeisterschaft 2015 flog er zu Gold. Heute nach schweren Verletzungen und Formtiefs spricht keiner mehr von ihm.

Markus Eisenbichler ist vermutlich der erste, der dies nachfühlen kann. Auch er hat schon unter Verletzungen gelitten, 2012 brach er sich im Training mehrere Brustwirbel, er hat sich mühsam wieder herangekämpft. Vor einem Jahr bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang feierten seine Kollegen Teamsilber, er war als Ersatzmann nicht dabei. Aber jetzt, jetzt steht er ganz oben. Beim Springen von der Großschanze gelang ihm im zweiten Durchgang "einer der geilsten Sprünge meines Lebens", erst bei 135,5 Metern berührte er wieder den Boden.

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WM im Skispringen: Historischer Doppelsieg

Gold für Eisenbichler, Silber für seinen Zimmerkumpel Karl Geiger - es ist auch wieder einmal das Händchen des Bundestrainers Werner Schuster, seine Athleten fürs Ereignis des Jahres in Topform gebracht zu haben. Bei der Vierschanzentournee zum Jaherswechsel waren sie schon stark, vor allem Eisenbichler, aber auch sein Teamkollege Stephan Leyhe, der hinter ihm Gesamtdritter war. Dass Leyhe am Samstag nur zugucken durfte, zeigt die Leistungsdichte beim DSV.

Kobayashi landet diesmal nur auf Platz vier

Aber bei der Tournee war noch der Japaner Ryoyu Kobayashi der große Dominator, der alle vier Wettbewerbe für sich entschied, auch am Bergisel, wo auch jetzt gesprungen wurde. Kobayashi wurde nur Vierter. In diesem Augenblick konnte er sich von all den Erfolgen in der Saison nichts kaufen.

Es ist schon eine bemerkenswerte Geschichte um diesen Markus Eisenbichler, der im Weltcup zuvor noch nie Erster geworden war. "Wie soll man das verdauen, wen man noch nie gewonnen hat und plötzlich Weltmeister ist?", fragte er sich selbst, er wisse "gar nicht, was ich jetzt eigentlich fühlen soll". Er probierte es damit, seine Freude einfach herauszuschreien. Geiger und Eisenbichler, sie teilen sich nicht nur das Quartier, sie haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Lange im Schatten von Richard Freitag und Andreas Wellinger, die in den vergangenen Jahren die gefeierten Springer waren. Nun stehen sie im Licht.

Schuster hat für Konstanz gesorgt

Für Trainer Schuster ist es noch einmal ein besonderer Moment. Der 49jährige Österreicher gibt das Amt beim DSV nach elf Jahren ab, Schuster hat den Skisprung in Deutschland geprägt, verändert. Er hat vor allem dafür gesorgt, dass in dieser Sportart, in der der Wechsel so normal ist, Konstanz einkehrt. Dass der deutsche Skisprung nach den Erfolgen von Dieter Thoma, Jens Weißflog, Martin Schmitt und Sven Hannawald nicht in ein Leistungsloch gefallen ist. Er hat immer wieder junge Springer gefunden und geformt. Auf die Nervenstärke der DSV-Springer ist mittlerweile schon fast Verlass bei Großereignissen, auch das hat der studierte Psychologe Schuster zu verantworten.

Die Weltmeisterschaft ist die Abschiedsfeier für den Trainer, der mit seiner ruhigen, eher zurückgenommen Art meist den richtigen Ton getroffen hat. Ein Mann der leisen Töne. Der es vor allem hinbekam, Eifersüchteleien, Neidgefühle im Team schon zu ersticken, bevor sie aufkommen konnten. Wer gesehen hat, wie sehr sich Geiger darüber freute, dass sein Kollege Eisenbichler zum Sieg sprang, obwohl er ihm damit ja auch die Goldmedaille verdarb, der bekam einen Eindruck davon, wie gut es in der Skisprungmannschaft um die Atmosphäre bestellt ist.

Daher wird die Mission des scheidenden Trainers erst am Sonntag (14.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) so richtig abgeschlossen. Dann steht der Teamwettbewerb auf dem Programm. Dort eine Goldmedaille zu gewinnen - das würde für alles stehen, für das Werner Schuster im DSV gewirkt hat.

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Seite 1
ajantis 23.02.2019
1.
"Wer gesehen hat, wie sehr sich Geiger darüber freute, dass sein Kollege Eisenbichler zum Sieg sprang, obwohl er ihm damit ja auch die Goldmedaille verdarb, der bekam einen Eindruck davon, wie gut es in der Skisprungmannschaft um die Atmosphäre bestellt ist." Das war wirklich einzigartig, sieht man selten.
jujo 23.02.2019
2. ....
Zitat von ajantis"Wer gesehen hat, wie sehr sich Geiger darüber freute, dass sein Kollege Eisenbichler zum Sieg sprang, obwohl er ihm damit ja auch die Goldmedaille verdarb, der bekam einen Eindruck davon, wie gut es in der Skisprungmannschaft um die Atmosphäre bestellt ist." Das war wirklich einzigartig, sieht man selten.
Der Teamspirit scheint wirklich gut zu sein. Beeindruckt hat mich aber auch der Schweizer Peier, der nach der Reaktion nach seinem Sprung zu urteilen glaubte aus dem Medaillen raus zu sein, sich dann aber wahnsinnig über seinen dritten Platz freute. der hat nicht Gold verloren, der hat Bronze gewonnen.
peterw 23.02.2019
3. Schuster ist ein ganz Großer
Schade , dass er bei uns aufhört. Top- Arbeit und sehr sympathisch, der Kleinwalsertaler!
josef2018 23.02.2019
4. Schuster
hinterlässt seinem Nachfolger sehr große Fußabdrücke. Hoffentlich kann er an den Leistungen anknüpfen.
anonlegion 24.02.2019
5. Danke Werner
Einige Jahre im Betreuertross der Vierschanzentournee ind Augenzeuge von S. Hannawalds Triumph auf allen vier Schanzen ist mit das Skispringen und das Skifliegen zu 2 meiner grossen Wintersportleidenschaften geworden. Die Atmosphäre bei den Athleten ist bis auf wenige Ausnahmen schon immer besonders. Sehr kollegial, menschlich korrekt und vereint in grosser Leidenschaft für eine einstmals belächelte, oft in ihrer Komplexität nicht verstandene Sportart. Hinter den Athleten allerdings geht es um Geld, Macht und Positionen. Hier ist Wernet Schuster mit seiner Charakterstärke und Persönlichkeit eine ebenso grosse Ausnahme wie seine fachliche Kompetenz und Leidenschaft für diesen Sport unbestritten sind. Gür den deutschen Sport hat Werner Schuster Grosses geleistet, ist/ war dabei als Beispiel für Anstand, Respekt und Charakter unseren jungen Athleten Vorbild und Lehrer. Als dem Sport verbundener Zuschauer und mit einem kleinen Rest an Kenntnissen aus dem Skisprungzirkus...mein riesengrosses „Danke, Werner Schuster. Für so Viel. Und für deine Zukunft alles erdenklich Gute!“
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