Massenstarts bei Olympia Biathleten im Visier der Kritik

Zu langsam auf der Strecke, zu unkonzentriert am Schießstand: Das Abschneiden der deutsche Biathleten in Vancouver ist größtenteils enttäuschend. Während die Frauen im Massenstart mal wieder auf Magdalena Neuner hoffen, droht den Männern ein historisches Debakel.


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Biathlon-Massenstart: Hoffen auf Neuner, Greis will Medaille
Drei Rennen, null Medaillen: Die Bilanz der deutschen Biathlon-Herren bei den Olympischen Spielen in Vancouver ist vor dem Massenstart-Rennen über 15 Kilometer (Sonntag, 19.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) eine große Enttäuschung. "Das ist schon traurig, das kann man nicht leugnen", sagt denn auch Thomas Pfüller, Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes (DSV). Er fordert im Massenstart und in der Staffel am Freitag, den "aktuellen Eindruck zu korrigieren". Doch das dürfte schwierig werden - den deutschen Männern droht ein historisches Debakel. Erstmals seit 42 Jahren, seit Grenoble 1968, könnten sie bei Winterspielen ohne Medaille bleiben.

Dabei kommt die Flaute der jahrelang überragenden DSV-Biathleten, die nun ins Visier der Kritik geraten sind, nicht überraschend. Arnd Peiffers Weltcup-Erfolg in Antholz war der einzige deutsche Sieg in der laufenden Saison. Und da waren Emil Hegle Svendsen und Ole Einar Björndalen, Gold- und Silbermedaillengewinner im Einzelrennen über 20 Kilometer, gar nicht am Start.

Außer Peiffer schaffte Michael Greis mit einem zweiten Platz in Oberhof und einem dritten in Ruhpolding noch zweimal den Sprung aufs Podest. Das war es mit deutschen Top-Platzierungen in den bislang 17 Saisonrennen. Andreas Birnbacher und Christoph Stephan, die beiden anderen Deutschen im Massenstart-Rennen, schafften die interne Olympianorm nur mit Mühe. Das bisherige Abschneiden der Biathleten ist ein Scheitern mit Ansage.

Platz fünf bestes Ergebnis bislang

Dennoch gibt sich Bundestrainer Frank Ullrich vor dem vierten Herren-Einzelwettbewerb kämpferisch. "Wir sind hier bei Olympischen Spielen. Da geht es darum, Medaillen zu gewinnen. Unser Ziel ist eine Einzel- und eine Staffelmedaille. Das ist noch möglich." Die bisherigen Ergebnisse machen indes wenig Mut, dass Ullrichs Forderung auch erfüllt wird. Platz fünf von Greis in der Verfolgung ist das bislang beste Ergebnis der Herren, die bei den Winterspielen in Turin vor vier Jahren noch fünf Medaillen gewonnen hatten, davon vier goldene und eine bronzene.

Allein Greis stand damals dreimal ganz oben auf dem Siegerpodest und gibt sich derzeit betont gelassen: "Olympische Spiele sind Momentaufnahmen. Ich habe in Turin einen außergewöhnlichen Moment erlebt und dreimal Gold gewonnen. Ich sehe das hier ganz entspannt und mache mir keinen Druck." Entschlossenheit klingt anders.

"Der Druck ist riesig"

Erfreulicher als bei den Herren ist das Abschneiden der deutschen Biathletinnen in Vancouver. Von Magdalena Neuner, um genau zu sein. Hätte die 23-Jährige nicht olympisches Gold in der Verfolgung und Silber im Sprint gewonnen, die Frauen würden wahrscheinlich ähnlich in der Kritik stehen wie die Männer.

Während Neuner im Massenstart-Rennen (Sonntag, 22 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ihre nächste Medaille anpeilt und vor Selbstvertrauen strotzt ("Der Massenstart liegt mir. Da sind meine Chancen aufs Siegerpodest sehr gut"), haben andere deutsche Starterinnen mehr mit sich selbst zu kämpfen als mit stumpfen Skiern oder Wind am Schießstand. "Der Druck ist riesig. Ich will unbedingt eine Einzelmedaille", sagt zum Beispiel Kati Wilhelm, zweifache Olympiasiegern bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City und Goldmedaillengewinnern bei Olympia in Turin vor vier Jahren, die als Vierte im 15-Kilometer-Rennen ihr Ziel nur knapp verfehlt hatte.

Ein Schießfehler kostete Wilhelm die Medaille, als sie zu lange gewartet hatte. "Das sollte einem mit so viel Erfahrung eigentlich nicht mehr passieren, aber es ist halt passiert", sagte sie anschließend. Eine ähnlich inhaltsschwere Analyse präsentierte Andrea Henkel, 2002 zweimal mit Olympiagold dekoriert und Sechste über die 15 Kilometer: "Ich wollte schon eine Medaille gewinnen, aber leider habe ich es im letzten Schießen vergeigt."

Die Frauen patzen am Schießstand, die Männer in der Loipe

Letztlich, so scheint es, brauchen Wilhelm, Henkel und die anderen deutschen Starterinnen die Hilfe von Magdalena Neuner, um ihre ersehnte olympische Medaille in Vancouver zu ergattern. Dann nämlich, wenn sie alle gemeinsam in der Staffel antreten (Dienstag, 20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Im Quartett ist Deutschland Top-Favorit - wenn die Nerven halten. Denn die Frauen haben in Vancouver bislang vor allem am Schießstand gepatzt. Die Männer hingegen liefen in der Loipe stets hinterher. Daher hörte sich Greis' Statement nach dem Einzelrennen über 20 Kilometer, in dem er als bester Deutscher mit zwei Schießfehlern Zehnter wurde, fast schon resignierend an: "Läuferisch hätte es heute auch bei null Schießfehlern nicht für ganz vorne gereicht." Die deutschen Männer haben folglich ein Materialproblem. Oder ein Konditionsproblem. Oder beides.

Mit Material vom sid

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