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Olympische Winterspiele 2022 in München: Ein Plan, zwei Zauderer

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Per Bürgerbegehren soll in München der Weg für eine Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2022 frei gemacht werden. Wenig euphorisch zeigen sich bisher zwei Protagonisten der gescheiterten 2018er-Initiative. Bürgermeister Christian Ude und DOSB-Präsident Thomas Bach haben ganz eigene Pläne.

Oberbürgermeister Ude (l.), DOSB-Boss Bach (Archiv): Viele Termine im September 2013 Zur Großansicht
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Oberbürgermeister Ude (l.), DOSB-Boss Bach (Archiv): Viele Termine im September 2013

Eine Olympiabewerbung von unten, initiiert von der Basis der Sporttreibenden, hat es noch nicht gegeben. Weder in Deutschland, noch sonstwo. Schon deshalb sind die Versuche bemerkenswert, in München eine Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022 auf den Weg zu bringen. Am Mittwoch werden die Pläne des Bürgerbegehrens vorgestellt - maßgeblich unterstützt von Hans-Ulrich Hesse, Kreisvorsitzender des Bayerischen Landessportverbandes in München-Stadt. Auf der Pressekonferenz im Münchner Ratskeller werden zudem prominente Spitzensportler erwartet.

Vergangene Woche war CSU-Stadtrat Thomas Schmidbauer vorgeprescht und hatte ein Bürgerbegehren angekündigt. Die Initiative ist allerdings ausdrücklich überparteilich angelegt. Bis Anfang 2013 sollen die nötigen Stimmen (rund 35.000) gesammelt werden. Im April 2013 könnte dann ein Bürgerentscheid die Weichen für eine neuerliche Olympiabewerbung von München und einiger bayerischer Gemeinden stellen. Die Sportbasis und somit der Breitensport wurden bei der Bewerbung für 2018 noch stark vernachlässigt.

Thomas Schmid, Bürgermeister von Garmisch-Partenkirchen, wo Olympiagegner im vergangenen Jahr einen Bürgerentscheid gegen die Bewerbung für die Winterspiele 2018 durchgesetzt hatten, hat bereits angekündigt, in seiner Marktgemeinde ebenfalls die Bürger abstimmen zu lassen. Möglicherweise wird es einen Bürgerentscheid auch in Ruhpolding geben, denn die Initiatoren einer neuerlichen Bewerbung favorisieren die Biathlon-Hochburg als Austragungsort für 2022.

Von einer Bewerbung sei "abzusehen"

München hatte im Wettbewerb um die Winterspiele 2018 vor 15 Monaten mit 25:63 Stimmen gegen Pyeongchang (Südkorea) verloren. Bis dahin hatte es stets geheißen, München werde langen Atem beweisen und sein Konzept dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) erneut anbieten. Davon aber wollten Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) und Thomas Bach (FDP), Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), bald nichts mehr wissen. Der DOSB verabschiedete im Dezember 2011 überraschend eine Erklärung, wonach München für 2022 nicht in Frage käme. "Zum jetzigen Zeitpunkt" sei "von einer Bewerbung abzusehen".

Dabei stünden die Chancen auf die Winterspiele 2022 schon aus Mangel an Konkurrenz außerordentlich gut. Denn es wird keine US-amerikanische Offerte geben, und es liegen bislang allein im Schweizer Kanton Graubünden mit den Wintersportorten Davos und St. Moritz belastbare Olympiapläne vor. In Graubünden findet im März 2013 eine Volksabstimmung über die Bewerbung statt. Der Schweizer Bundesrat hat bereits grünes Licht erteilt.

Das IOC wird im Mai 2013 die üblichen Fragebögen verschicken. Kurz darauf findet in Lausanne ein Seminar mit den Bewerbern statt. Die ersten Unterlagen und Bürgschaften müssen im März 2014 eingereicht werden. Sollten die Bürger in München, Garmisch-Partenkirchen, Ruhpolding und Schönau (Standort der Bob- und Rodelbahn am Königssee) im Frühjahr 2013 ihren Olympiawillen bekunden, müssten danach unverzüglich Planungsmaßnahmen eingeleitet werden. Zu großen Teilen könnte man auf die Vorarbeiten aus der 2018er Bewerbung aufbauen.

Bürgerbegehren könne "sehr wohl Schaden stiften"

Doch ausgerechnet die beiden Protagonisten der letzten Bewerbung, Ude und Bach, offenbaren Probleme mit der neuen Initiative. Ude verstieg sich vergangene Woche zu der exklusiven Bemerkung, ein Bürgerbegehren, ein Element der demokratischen Mitbestimmung, würde "überhaupt nichts positiv bewirken, aber sehr wohl Schaden stiften". Doch es ist umgekehrt: Zuletzt haben deutsche Bewerbungen daran gekrankt, dass sie von oben verordnet wurden und die Steuerzahler nicht oder erst ganz am Ende (wie im Mai 2011 in Garmisch-Partenkirchen) gefragt wurden. München 2022 könnte Geschichte schreiben und mit dieser traurigen Tradition brechen.

Das von Christian Ude und Thomas Bach stets vorgebrachte Argument, man müsse zunächst die Vergabe der Olympischen Sommerspiele 2020 abwarten (das IOC entscheidet darüber am 7. September 2013), führt ins Leere. Denn für die Spiele 2020 bewerben sich Tokio, Madrid und Istanbul. Asien richtet mit Pyeongchang 2018 schon die Winterspiele aus und kommt deshalb für 2022 nicht in Frage, schon gar nicht, wenn Tokio die Sommerspiele 2020 bekommen sollte.

Und die USA haben kein Interesse an den Winterspielen 2022 - bleibt also nur Europa, mit überschaubarer Konkurrenz. Ude und Bach sind dabei, diese historische Chance zu verspielen. München, Gastgeber der Sommerspiele 1972, könnte der erste Ort sein, der sowohl Sommer- als auch Winterspiele ausrichtet.

Gemäß den IOC-Regeln muss der DOSB Herr des Verfahrens sein, der Verband hat in einer Olympia-Bewerbergesellschaft das Sagen, obgleich er finanziell nichts einbringt. Thomas Bach argumentiert raffinierter als Christian Ude. Der DOSB beobachte "die Entwicklungen in München mit großem Interesse", heißt es offiziell. "Die Zustimmung der Bevölkerung und die überparteiliche politische Unterstützung" sei ein "wichtiger Faktor für die internationalen Chancen", erklärte Bach. Dies alles werde in die Entscheidungsfindung des DOSB im Herbst 2013 nach den Dreifach-Wahlen (Bund, Bayern, IOC) einfließen.

Doch da sind die Kalender von Bach und Ude bereits ziemlich voll. Denn Oberbürgermeister Ude ist SPD-Spitzenkandidat bei den bayerischen Landtagswahlen, gewählt wird am 15. September 2013. DOSB-Boss Bach will am 10. September 2013 auf der IOC-Vollversammlung in Buenos Aires IOC-Präsident werden. Außerdem steht in jenen Wochen die Bundestagswahl an. Olympiapläne stören da eher.

Ohnehin steckt der Teufel im Detail: Denn der DOSB müsste bis 14. November 2013 München als Bewerber beim IOC melden. Die Grundsatzdebatte über Olympia 2022 müsste also viel früher, parallel zu den Bürgerentscheiden, geführt und alsbald entschieden werden. Zumal: Sollte Bach IOC-Präsident werden, wird es im Herbst 2013 noch eine vierte Wahl geben müssen. Dann würde auch ein neuer DOSB-Präsident gesucht.

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1. Lasst es bleiben!
c54 15.10.2012
Weder München noch Garmisch-P. noch Ruhpolding erfüllen topographisch und meteorologisch die Voraussetzungen für eine ordentliche Winterolympiade. Auch mit hohen Kosten und der weiteren Verschandelung der Umgebung wird das nichts. Manchmal ist Bescheidenheit lukrativer als Prestigedenken.
2.
cabrioheinz 15.10.2012
... ein Bürgerbegehren würde "überhaupt nichts positiv bewirken, aber sehr wohl Schaden stiften". Wahscheinlich würde es sehr wohl etwas positives Bewirken, nämlich ein NEIN. oder hält jemand die Mehrheit der Bayern für so dämlich, Milliarden dafür auszugeben, damit sich eine Funktionärskaste Milliarden Einnahmen sichert und die Politkaste sich selbst beweihräuchern kann?. Wer Fernseh-, Sponsorengelder u-ä. kassieren will, der soll die Veranstaltung gefälligst auch selbst bezahlen.
3. Wenn Bürger dafür sind,
Millie Cash 15.10.2012
sollen sie bitteschön auch für die Bezahlung von solchem Schnee-Schnickschnack sorgen, für den sich oberhalb der Mitte Deutschlands sowieso kaum jemand interessiert
4. Ja!
gekreuzigt 15.10.2012
oder hält jemand die Mehrheit der Bayern für so dämlich, Milliarden dafür auszugeben, damit sich eine Funktionärskaste Milliarden Einnahmen sichert und die Politkaste sich selbst beweihräuchern kann?. Die Mehrheit der Bayern ist wie die Mehrheit der deutschen, also ein klares ja.
5.
Robert_Rostock 15.10.2012
Zitat von c54Weder München noch Garmisch-P. noch Ruhpolding erfüllen topographisch und meteorologisch die Voraussetzungen für eine ordentliche Winterolympiade. Auch mit hohen Kosten und der weiteren Verschandelung der Umgebung wird das nichts. Manchmal ist Bescheidenheit lukrativer als Prestigedenken.
Warum das nicht? Was genau spricht dagegen? Ich sehe es anders: Was braucht man für Olympische Winterspiele? - mehrere Eishallen für Hockey, Kunstlaufen, Curling: In München und Riessersee teilweise bereits vorhanden. - verschiedene Pisten für alpine Wettbewerbe: Mit Kandahar & Co. in Garmisch vorhanden, wer wie 2011 eine alpine Ski-WM ausrichten kann, hat auch die Wettkampfstätten für Olympia - Skisprungschanzen: Ich sag nur Vierschanzentournee - eine Bob- und Rodelbahn: Am Königssee bereits vorhanden - Loipen für Langlauf und Biathlon Sollten eigentlich nicht das Problem sein - Eisschnelllaufbahn: Wäre in Inzell vorhanden Fehlen "nur" noch die ganzen neumodischen Trendsportarten. Also, was ist nun das riesige Problem?
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Austragungsorte Olympische Winterspiele
Jahr Ort/Land
1924 Chamonix/Frankreich
1928 St. Moritz/Schweiz
1932 Lake Placid/USA
1936 Garmisch-P./Deutschland
1948 St. Moritz/Schweiz
1952 Oslo/Norwegen
1956 Cortina d'Ampezzo/Italien
1960 Squaw Valley/USA
1964 Innsbruck/Österreich
1968 Grenoble/Frankreich
1972 Sapporo/Japan
1976 Innsbruck/Österreich
1980 Lake Placid/USA
1984 Sarajevo/Jugoslawien
1988 Calgary/Kanada
1992 Albertville/Frankreich
1994 Lillehammer/Norwegen
1998 Nagano/Japan
2002 Salt Lake City/USA
2006 Turin/Italien
2010 Vancouver/Kanada
2014 Sotschi/Russland
2018 Pyeongchang/Südkorea

Große Enttäuschung, kleine Hoffnung

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