Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Absage für Münchens Olympia-Bewerbung: Triumph der Nein-Sager

Von , München

Die Befürworter für eine Münchner Olympia-Bewerbung hatten viel Geld und Prominenz auf ihrer Seite, den Gegnern reichte ein schmales Budget. Im bayerischen Landtag sind jetzt die Grünen der alleinige Gewinner des Bürgervotums.

Die Bundestagswahl wurde vergeigt, auch bei der Landtagswahl in Bayern lief es für die Grünen nicht sonderlich gut, aber an diesem Montag gibt es bei der Ökopartei nach langer Zeit mal wieder zufriedenes Lächeln. Zumindest im Freistaat - und das alles wegen der ausgebremsten Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2022.

Als einzige Fraktion im bayerischen Landtag hatten sich die Grünen gegen eine Bewerbung Münchens positioniert. Durch die vier deutlichen Absagen bei den Bürgerentscheiden in München, Garmisch-Partenkirchen sowie den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land fühlt sich die Partei jetzt mehr als bestätigt. Von einem "4:0-Sieg" ist nach den vier abschlägigen Voten die Rede. CSU, SPD und die anderen Befürworter hätten "an den Interessen der Bürger vorbei" agiert, sagte am Montag Ludwig Hartmann, Fraktionschef der Grünen im Landtag. Man könne "sich Mehrheiten nicht erkaufen".

Tatsächlich ist das klare Bürgervotum auch angesichts der unterschiedlichen finanziellen Mittel von Befürwortern und Gegnern überraschend: Rund eine Million Euro stand der Pro-Kampagne "OJa! München 2022" zur Verfügung - nicht nur der Freistaat Bayern, die Stadt München, CSU, SPD und Freie Wähler hatten sich für die Bewerbung starkgemacht, auch der ADAC, Audi, der Halbleiterhersteller Infineon und der FC Bayern München traten als Partner auf.

Fotostrecke

13  Bilder
Winterspiele 2022: Olympia dahoam fällt aus
Das Budget der Gegner nimmt sich dagegen mickrig aus: 35.000 Euro konnte "NOlympia" nach eigenen Angaben für seine Kampagne einsetzen. Neben den Grünen hatten sich unter anderem der Bund Naturschutz in Bayern, die Linke im Stadtrat, die ÖDP und das globalisierungskritische Netzwerk Attac in dem Bündnis zusammengeschlossen.

Den Kreis der Aktiven bei "NOlympia" bezifferte Münchens Grünen-Chefin Katharina Schulze am Montag auf rund ein Dutzend Leute. "Wir sind eine kleine, schlagkräftige Truppe", sagte Schulze. Die beiden Grünen-Politiker Hartmann und Schulze gelten als zentrale Köpfe bei "NOlympia". Die 28-jährige Schulze steht an der Spitze der Münchner Grünen, ist seit wenigen Wochen bayerische Landtagsabgeordnete und war dabei, als sich Bürger gegen eine dritte Startbahn für den Münchner Flughafen formierten - am Ende wurde das Projekt trotz starker Befürworter aus der Politik in einem Bürgerentscheid zu Fall gebracht.

Hartmann stieg vor wenigen Wochen zum Fraktionschef der Grünen im Münchner Landtag auf. Wie Schulze gehörte Hartmann auch bei Münchens erfolgloser Olympia-Bewerbung für 2018 zum Lager der Gegner.

"Das IOC ist der Wahverlierer"

Er gehe nach dem klaren Bürgervotum davon aus, dass Olympia-Bewerbungen in Deutschland für "die nächsten zehn Jahre vom Tisch" seien, sagte Hartmann am Montag. Der 35-Jährige wertete das Votum aber nicht als "Zeichen gegen den Sport". Vielmehr hätten die Bürger gegen "die Profitgier und Intransparenz des IOC" entschieden. "Das IOC ist der Wahverlierer."

Die Kritik am mächtigen Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und dessen fraglichen Vertragsvorgaben für Ausrichterstädte sowie die Sorge vor Naturzerstörung hatte zu den Hauptargumenten der Olympia-Kritiker gehört. In der Bevölkerung trafen sie damit einen Nerv. Offenbar hatten viele das Gefühl, dass bei einer Olympia-Sause viel Geld auf den Kopf gehauen und das milliardenschwere IOC noch ein bisschen reicher würde.

Bei manchen mag auch Verärgerung darüber hinzugekommen sein, dass bei den Wahlunterlagen lediglich die Pro-Argumente aufgeführt wurden, nicht aber die der Gegner. Und dann war da noch die zwischenzeitliche Werbung des Staatsunternehmens Deutsche Bahn: Man sei für die Bewerbung, der dafür nötige Infrastrukturausbau sichere die Zukunft des öffentlichen Nahverkehrs in München, bekamen Fahrgäste der S-Bahn via Durchsage zu hören. "Wir bitten daher auch um Ihre Unterstützung beim Bürgerentscheid" - ein reichlich plumper Versuch der Beeinflussung.

Dass sich Hartmann und Schulze bei ihrem Engagement zwangsläufig auch mit ihrem Parteifreund Michael Vesper, dem Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), anlegen mussten, war den beiden Nachwuchspolitikern herzlich egal: Die Gespräche mit Vesper seien ein "guter, sportlicher Schlagabtausch" gewesen, sagte Schulze, "mehr nicht".

Zu den Verlierern des Votums gehört auch Münchens Oberbürgermeister Christian Ude. Der SPD-Politiker darf bei der Kommunalwahl im kommenden März nicht erneut kandidieren, für das scheidende Stadtoberhaupt bleiben zum Schluss seiner Amtszeit damit zwei Niederlagen: als SPD-Spitzenkandidat bei der Landtagswahl im vergangenen September und jetzt beim Bürgerentscheid.

Auch Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hatte sich wohl ein anderes Ergebnis erhofft, schließlich gehörten Landesregierung und seine Partei zu den Olympia-Befürwortern. Am Sonntagabend, das Bürgervotum dürfte sich bereits abgezeichnet haben, kündigte Seehofer an, die Mitsprache der Bevölkerung ausweiten zu wollen. "Große Entscheidungen sind ohne Rückendeckung der Bevölkerung im 21. Jahrhundert nicht mehr möglich", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Bei seiner "Koalition mit dem Bürger" macht ihm so schnell keiner was vor.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 156 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Und der Herr Beckenbauer
tommirf 11.11.2013
Zitat von sysopDPADie Befürworter für eine Münchner Olympia-Bewerbung hatten viel Geld und Prominenz auf ihrer Seite, den Gegnern reichte ein schmales Budget. Im bayerischen Landtag sind jetzt die Grünen der alleinige Gewinner des Bürgervotums. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/muenchens-olympia-gegner-feiern-votum-der-buerger-a-932950.html
hat sogar die Stirn, sich hinzustellen und voauszusagen, daß den Gegnern bzw. denjenigen, die ihre demokratischen Rechte wahrgenommmen haben, "ihre Dummheit" später noch "leid tun" werde. Wss bildet sich diese Gestalt eigentlich ein...?
2. undemokratie
Discordius 11.11.2013
Zitat von sysopDPADie Befürworter für eine Münchner Olympia-Bewerbung hatten viel Geld und Prominenz auf ihrer Seite, den Gegnern reichte ein schmales Budget. Im bayerischen Landtag sind jetzt die Grünen der alleinige Gewinner des Bürgervotums. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/muenchens-olympia-gegner-feiern-votum-der-buerger-a-932950.html
Die Abstimmung war undemokratisch. Alle Deutschen hätten befragt werden müssen. Die 18 Argumente der NOlympia-Bewegung waren ohne Ausnahme unwahr oder erfunden. Leider lassen sich die meisten Deutschen heutzutage damit hinters Licht führen, dass man sagt "das würde etwas kosten". Wenn der Gedanke hochkommt, etwas vom "eigenen" Geld hergeben zu müssen, kann man jeden deutschen Deppen (Frauen nicht ausgeschlossen) um den Finger wickeln.
3. optional
steelman 11.11.2013
"Und dann war da noch die zwischenzeitliche Werbung des Staatsunternehmens Deutsche Bahn: Man sei für die Bewerbung, der dafür nötige Infrastrukturausbau sichere die Zukunft des öffentlichen Nahverkehrs in München, bekamen Fahrgäste der S-Bahn via Durchsage zu hören. "Wir bitten daher auch um Ihre Unterstützung beim Bürgerentscheid" - ein reichlich plumper Versuch der Beeinflussung." Das Geld ist also da, wird aber nur bei/für Olympia rausgerückt? Welch ein Eigentor!
4. Klatsche für das IOC
gogot421 11.11.2013
Das war eine erneute Klatsche für das IOC. Wir sind nicht das erste Land, wo sich die Bürger gegen die Bedingungen stellen, die das IOC stellt. Die Zeiten, wo "Brot und Spiele" reichten, um den Bürger alles schlucken lassen zu können, scheinen endlich langsam vorbei zu sein. Zeit wird es!
5. vorsicht
matz-bam 11.11.2013
Zitat von tommirfhat sogar die Stirn, sich hinzustellen und voauszusagen, daß den Gegnern bzw. denjenigen, die ihre demokratischen Rechte wahrgenommmen haben, "ihre Dummheit" später noch "leid tun" werde. Wss bildet sich diese Gestalt eigentlich ein...?
vorsicht, der mann ist gefährlich.Zitat Beckenbauer:"Am besten ist, wir sprengen das Stadion einfach weg. Es wird sich doch ein Terrorist finden, der für uns die Aufgabe erledigen kann."
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Olympische Winterspiele
Jahr Austragungsort (Land)
2022 Peking (China)
2018 Pyeongchang (Südkorea)
2014 Sotschi (Russland)
2010 Vancouver (Kanada)
2006 Turin (Italien)
2002 Salt Lake City (USA)
1998 Nagano (Japan)
1994 Lillehammer (Norwegen)
1992 Albertville (Frankreich)
1988 Calgary (Kanada)
1984 Sarajevo (Jugoslawien)
1980 Lake Placid (USA)
1976 Innsbruck (Österreich)
1972 Sapporo (Japan)
1968 Grenoble (Frankreich)
1964 Innsbruck (Österreich)
1960 Squaw Valley (USA)
1956 Cortina d'Ampezzo (Italien)
1952 Oslo (Norwegen)
1948 St. Moritz (Schweiz)
1936 Garmisch-Partenkirchen (Deutschland)
1932 Lake Placid (USA)
1928 St. Moritz (Schweiz)
1924 Chamonix (Frankreich)

Fotostrecke
Votum gegen Münchner Winterspiele: Heimatliebe vs. Gigantismus

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: