Norwegen-Stars Bjørndalen und Northug Zugucken und anfeuern. Mehr nicht

Ole Einar Bjørndalen und Petter Northug gehören zu Norwegens größten Stars im Sport. Trotzdem werden die Olympischen Winterspiele in Südkorea wohl ohne sie stattfinden.

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Ole Einar Bjørndalen muss sich keine Sorgen machen, dass er während der Olympischen Winterspiele im Februar nichts zu tun hat. Xenia wird ihn zur Genüge beschäftigen. Xenia ist ein Jahr alt, Bjørndalens Tochter, und während der Spiele von Pyeongchang ist die Mutter anderweitig beschäftigt, als sich ums Windelwechseln und das Anrichten von Breinahrung zu kümmern. Darja Domratschewa, Bjørndalens Frau, will bei den Winterspielen das tun, was 20 Jahre lang eigentlich Bjørndalens Job war: Goldmedaillen gewinnen. Der Ehemann darf zugucken und anfeuern. Mehr aber wohl nicht.

Der Norweger ist eine Ikone des Biathlonsports, er hat seit den Spielen von Lillehammer 1994 13 Olympiamedaillen errungen, acht davon haben die Farbe Gold. Er ist in diesen Jahren 20-mal Weltmeister geworden, er hat 135 Weltcupsiege auf seinem Konto, sechsmal den Gesamtweltcup für sich entschieden. Er ist der erfolgreichste Biathlet in der Geschichte. Nach ihm kommt lange niemand.

Die Wettbewerbe in Südkorea wären seine siebten Olympischen Spiele, aber es sieht alles danach aus, als fände dieses Turnier ohne ihn statt. Man kann es sich bei ihm fast nicht vorstellen, aber Bjørndalen hat in diesem Winter gelernt: Auch Superstars werden älter.

Nur 52. Platz in Oberhof

Zwei Wochen vor den Spielen feiert er seinen 44. Geburtstag, mit 40 hat er in Sotschi noch zweimal Gold gewonnen, mit 43 noch einmal Bronze bei der WM in Hochfilzen im Sprint. Mit fast 44 wurde er beim Weltcup am Wochenende in Oberhof 52. In Worten: Zweiundfünfzigster. Das Ergebnis erfüllt den Tatbestand der Majestätsbeleidigung.

Die Jüngeren im eigenen Team, sie laufen ihm jetzt davon: Allen voran die Boe-Brüder Johannes Thingnes und Tarjei, aber auch Emil Hegle Svendsen, Lars Helge Birkeland, Erlend Bjøntegaard und Henrik L'Abée-Lund: Das sind sechs Norweger, die in diesem Winter besser sind - und sechs Norweger dürfen zu den Biathlon-Wettbewerben nach Pyeongchang. Sie haben viel Geduld beweisen müssen über all die Zeit, Svendsen zum Beispiel ist mittlerweile auch schon 32. Erfolgreich ist er schon lange, dennoch muss er sich all die Jahre vorgekommen sein wie Prince Charles in England, der bei der Thronfolge warten und warten muss.

"Es wird auch für Bjørndalen keinen Freifahrtschein geben", hat Norwegens Coach Per Arne Botnan schon im Dezember gesagt. Dafür ist die Konkurrenz im eigenen Team zu groß. Olympische Spiele ohne Bjørndalen - man fühlt sich versucht, den Spruch zu schreiben: Das ist möglich, aber sinnlos. Immerhin wird die Familie durch Domratschewa wahrscheinlich würdig vertreten: Die Weißrussin, zweifache Goldgewinnerin von Sotschi, gilt als Hauptrivalin für Laura Dahlmeier, wenn es darum geht, ganz nach oben aufs Podest zu laufen.

Bjørndalen und Domratschewa sind seit zwei Jahren verheiratet. Im Weltcup reisen sie mit einem gewaltigen Truck durch die Gegend, der mit allem ausgestattet ist: Küche, Betten, Dusche, Fitnessstudio, alles inklusive. Das Kindermädchen für Xenia ist auch immer mit dabei. Die Biathlonfamilie Bjørndalen-Domratschewa ist ihr eigenes kleines Unternehmen.

Northug läuft der alten Form hinterher

Xenia und das Kindermädchen werden auch in Südkorea vor Ort sein, bei Petter Northug dagegen darf man seine berechtigten Zweifel haben. Northug ist im Langlauf fast so etwas wie Bjørndalen im Biathlon. Er ist ein Held in Norwegen, Rekordweltmeister, 13-mal scheffelte er WM-Gold, die Winterspiele in Vancouver vor acht Jahren waren Northug-Festspiele. Seinen ersten Weltcup gewann er bereits mit 20, das hat vor ihm kein Langläufer geschafft. Zeitweilig rannte Northug alles in Grund und Boden.

Jetzt ist Northug 32 Jahre, eigentlich kein Alter für einen Langläufer, aber die Form, die Magie ist weg. Der Norweger wurde von seinem Trainerteam nicht einmal für die Tour de Ski über den Jahreswechsel nominiert, auch wenn ARD-Experte Peter Schlickenrieder twitterte: "Ein Petter Northug gehört auf die Tour de Ski und zu Olympia". Die Trainer verweisen auf die schwache Form ihres Stars und haben dafür jetzt wieder neue Argumente bekommen. Am Wochenende nahm Northug an einem mäßig besetzten Lauf in Schweden teil, er landete auf dem 48. Rang. "Northugs Fiasko" titelte die Zeitung "Expressen".

Der neue Star im Lande heißt Johannes Høsflot Klæbo, elf Jahre jünger als Northug und in diesem Winter auch vier Weltcupsiege besser als er. Er soll in Pyeongchang der nächste Northug werden. Für das Original dagegen scheint kein Platz mehr.



insgesamt 6 Beiträge
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Sibylle1969 08.01.2018
1.
Schade, dass der große Björndahlen anscheinend den Zeitpunkt zum würdevollen Abtritt verpasst hat. Erst wollte er ja nur noch bis zur Biathlon-WM 2016 in Oslo weitermachen, aber dann hieß es, doch mal bis Pyongchang, also zwei weitere Saisons. Die Bronzemedaille in der Verfolgung in Hochfilzen 2017, die wohl nur aufgrund des guten Schiessergebnisses zustande kam, dürfte seine letzte Medaille bleiben.
JohnRobie 08.01.2018
2. Auch Superstars werden älter.
Tja, Herr Ahrens, wer hätte das gedacht? Das schmälert aber in keinster Weise ihre Verdienste. Beide loteten ihre Chance aus, noch einmal an Olympischen Spielen teilzunehmen zu dürfen. Wenn es nicht klappt, dann ist das aus Sicht des Zuschauers schade, aber Björndalen wird es einsehen. (Northug wird es eher einsehen müssen, wenn man sein Naturell kennt.) Ausnahmesportler sind beide.
Rahvin 08.01.2018
3.
Das, war Bjoerndalen über all die Jahrzehnte hinweg ausgezeichnet hat, war der Ehrgeiz und das harte Training, dem er sich selbst unterzog. Mannschaftsspieler war er nie. Dass man ihn diesen Winter nicht berücksichtigt, finde ich persönlich schade, aber wer das harte Auswahlverfahren der Norweger kennt, darf nicht überrascht sein, dass nun die überübernächste Generation endlich an den Start gehen darf. Aber es werden für Biathlonfans Spiele ohne Magie werden - das wird sowohl dem Austragungsort geschuldet werden als auch der Tatsache, dass einer der größten Sportsmänner überhaupt nicht mehr dabei sein wird.
Grenat76 08.01.2018
4. Darya Domracheva....
... ist nicht nur die weltbeste Biathletin, sondern sie hat in Sochi drei (und nicht wie im Artikel vermerkt zwei) Goldmedallien gewonnen.
acroflyer 08.01.2018
5. Superstars....
so ist es, nicht nur im Sport.....jeder Zeitabschnitt hat seine Superstars, wenn ich z.B. im Eishockey an die "Sbornaja" denke, die in den 70er und 80 Jahren dieses Spiel revoluzzionierten, das war auf dem Eis wie Cassius Clay im Ring....ein eisenhartes Training (mit einer 120 kg Hantel Kniebeugen!), gepaart mit körperlosem Spiel, eine Delikatesse beim Zuschauen! und heute? ein Gebolze und Geraufe auf dem Eis! Sorry für diese Abhandlung, aber an einen Björndalen heranzukommen, bedarf es nebem einem Jahrhunderttalent auch einem asketischen Lebensstil und einem entsprechenden Training.... wenn man sich mit der Materie beschäftigt, müßte man alleine draufkommen!
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