Russlands Goldhoffnung Pljuschtschenko Märtyrer auf dem Eis

Russland liebt diesen Mann: Jewgenij Pljuschtschenko, Eiskunstlaufstar. Zwölf schwere Operationen hat er hinter sich, vier Schrauben stecken in seiner Wirbelsäule - trotzdem will er in Sotschi Gold holen.

Von , Moskau und Yuri Kozyrev (Fotos) 


Um sich ganz aufs Training konzentrieren zu können, meidet Jewgenij Pljuschtschenko, Russlands Eiskunstlauf-Ikone, in den Wochen vor Wettkämpfen den Kontakt mit Journalisten. Kurz vor der Eröffnung der Winterspiele in Sotschi aber macht er Ende Januar für den SPIEGEL eine Ausnahme. In der Sankt Petersburger Eishalle "Jubilenij", in der er seit zwei Jahrzehnten mit der Trainerlegende Alexej Mischin übt, demonstriert er Vierfachsprünge und Elemente seiner Olympiakür.

Dann bittet er in die Umkleidekabine und Trainingssäle für Trockenübungen. Er deutet auf Tattoos auf seinem nackten Oberkörper: ein Kreuz, ein Skorpion, den Namen seiner Frau Jana. So nahe hat den Superstar noch kein Fotograf beim Training zu sehen bekommen.

Pljuschtschenko hat sein Team um sich herum: seinen Choreografen, den Fitnesstrainer. Lange schon sind sie seine Freunde. Der Star wirkt so entspannt, als stünde ihm eine lange Urlaubsreise bevor, nicht aber ein umstrittener Comeback-Versuch. Holt er in Sotschi am Sonntag (16 Uhr MEZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE) bei seinen vierten Olympischen Spielen noch einmal Gold, steigt er endgültig auf ins Pantheon der größten Wintersportler der Geschichte.

Wodkalager in der Eislaufhalle

Scheitert er, würde er zur tragischen Figur. So erging es dem sowjetisch-ukrainischen Eiskunstläufer Wiktor Petrenko oder dem Amerikaner Brian Boitano, die 1994 als mehrfache Weltmeister und Olympiasieger ihr Comeback gaben und sich dann medaillenlos von den Winterspielen verabschiedeten.

"Ich bin ein Kind der Sonne", sagt Pljuschtschenko. Als Kind hatte er ständig Nasenbluten. Er wirkte so zerbrechlich, dass ihn seine erste Trainerin zunächst für ein Mädchen hielt, als Pljuschtschenko mit seiner Mutter zum Vorstellungsgespräch kam. Das war in Wolgograd, dem früheren Stalingrad. Die Sowjetunion war gerade zusammengebrochen, ein wilder Kapitalismus zog ins östliche Riesenreich ein, und die Stadtoberen verwandelten die Eislaufhalle in ein Lager für Wodka und Spirituosen.

Dennoch machte Pljuschtschenko eine Weltkarriere: Dreimal siegte er bei Weltmeisterschaften, siebenmal bei Europameisterschaften. In Salt Lake City holte er 2002 Silber, in Turin 2006 dann Olympisches Gold, vier Jahre später in Vancouver erneut Silber. Als erster Mann zeigte er die Bielmann-Pirouette. Als Erster sprang er den dreifachen Toeloop. Er war der Herr der Sprünge und über Jahre die unumstrittene Nummer Eins.

"Los geht's, Papa"

"Ich wurde in einem Dorf in Sibirien unweit der chinesischen Grenze geboren, das den Namen 'das Sonnige' trug", erzählt er. Pljuschtschenko hält das nicht für Zufall. Der Glaube an sein ewiges Glück lässt ihn nun etwas versuchen, was die meisten Sportexperten für ein aussichtsloses Unterfangen halten: Nach zwölf schweren Operationen und mit vier Schrauben in der Wirbelsäule will er in Sotschi noch einmal aufs Siegertreppchen.

Schon vor seinem Comeback war er in Russland eine Ikone. Nun umweht ihn noch der Flor des Märtyrers, der für sein Land seine Gesundheit riskiert. Kein Tag vergeht, ohne dass die Zeitungen ihm eine Schlagzeile widmen. Vor einigen Tagen erschien die größte Boulevardzeitung des Landes mit einem Foto von Pljuschtschenkos einjährigem Sohn mit Schnuller im Mund. "Los geht's, Papa", stand auf der ersten Seite.

Das Gesicht der Sotschi-Spiele

Pljuschtschenko berührt die russische Volksseele wie kein anderer Sportler in Sotschi. Denn scheinbar Unmögliches zu versuchen, ist im östlichen Riesenreich eine Art Nationalsport. Der Eisläufer ist deshalb nicht nur das Gesicht der Winterspiele 2014, die er sieben Jahre zuvor zusammen mit Putin an Land zog wie einst Beckenbauer die Fußball-WM für Deutschland.

Pljuschtschenko ist ihre Verkörperung. Sein Comeback-Versuch ist nicht weniger gewagt als Putins Entscheidung, Winterspiele in einem in den Subtropen gelegenen Schwarzmeer-Kurort und unweit des Nordkaukasus, einer Brutstätte islamistischer Terroristen, austragen zu lassen.

Pljuschtschenkos Karriere ist auch eine Parabel auf das neue, postsowjetische Russland. Wie kein anderer Wintersportler haben er und sein Team die Wende vom Kommunismus zum Kapitalismus geschafft. Seine Frau, die bekannte Fernsehproduzentin Jana Rudkowskaja, gehört zum Moskauer und Petersburger Jet-Set. Pliuschtschenko gilt als einer der bestverdienenden Sportler Russlands, zeitweise hatte er sieben Autos in seinem Fuhrpark. "Der Luxus ist mir heute nicht mehr so wichtig", sagt Pljuschtschenko: "Ich habe schon lange alles, was ich brauche."

Auf Pljuschtschenkos Unterarm prangt ein japanisches Tattoo. "Der Weg stärkt den Wandernden", heißt es übersetzt. Nach Olympia beginnt für ihn ein neues Leben. In der Schublade liegen Pläne für Eislaufschulen und weltweite Eislaufgalas. Das ist die Welt des Showman Pljuschtschenko. Manchmal aber wirkt er, als habe er darauf eigentlich keine Lust mehr. Dann erzählt er von den Fahrradausflügen mit seinen Kindern. 200 Kilometer von Petersburg entfernt hat er mitten in einer Einöde ein Haus gebaut. "Dort kann ich in Ruhe fischen und jagen", sagt er. "Das Stadtleben hängt mir oft zum Halse raus."



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Seite 1
kahabe 09.02.2014
1. Na denn...
Zitat von sysopYuri Kozyrev/ Noor/ DER SPIEGELRussland liebt diesen Mann: Jewgeni Pluschenko, Eiskunstlaufstar. Zwölf schwere Operationen hat er hinter sich, vier Schrauben stecken in seiner Wirbelsäule - trotzdem will er in Sotschi Gold holen. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/olympia-2014-eiskunstlauf-superstar-jewgeni-pluschenko-portraet-a-952349.html
In den Nachrichten zur Eröffnungsfeier der putinschen Spiele am schwarzen Bach ist mir Irina Rodnina sofort aufgefallen. Die kenne ich, aus sowjetischen Zeiten. Dieser Jewgeni ist mir bisher tatsächlich unbekannt. Vielleicht bin ich aber auch zu alt...
thinkrice 09.02.2014
2.
Zitat von sysopYuri Kozyrev/ Noor/ DER SPIEGELRussland liebt diesen Mann: Jewgeni Pluschenko, Eiskunstlaufstar. Zwölf schwere Operationen hat er hinter sich, vier Schrauben stecken in seiner Wirbelsäule - trotzdem will er in Sotschi Gold holen. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/olympia-2014-eiskunstlauf-superstar-jewgeni-pluschenko-portraet-a-952349.html
Ein großes Lob an Sie Herr Schepp und ihren Fotografen Yuri Kozyrev. Sie sind einer der wenigen Auslandskorrespondenten in Russland, denen es gelingt ein, von der eigenen Meinung und Ideologie ungetrübtes, Bild von Russland zu zeichnen und dieses Land den Deutschen, welche sich gerne, aufgestachelt durch platte Propaganda, über dessen Bewohner erheben, näherzubringen! Danke!
serene 09.02.2014
3. optional
Ich habe Pljuschtschenko's Auftritte immer geliebt, viel Energie, technisch brilliant, super Tänzer und beim Schaulaufen auch ausgesprochen witzig. Machte immer den Eindruck eines schwer zu zähmenden Pferdes. Ob das Comeback jetzt sinnvoll ist- keine Ahnung. Katharina Witt hatte es ja auch mal versucht, mit eher peinlichem Resultat.Aber ich freue mich, ihn nochmal sehen zu können. Sympathischer Artikel übrigens, Russland hat mehr zu bieten als Putin.
Stäffelesrutscher 09.02.2014
4.
Zitat von sysopYuri Kozyrev/ Noor/ DER SPIEGELRussland liebt diesen Mann: Jewgeni Pluschenko, Eiskunstlaufstar. Zwölf schwere Operationen hat er hinter sich, vier Schrauben stecken in seiner Wirbelsäule - trotzdem will er in Sotschi Gold holen. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/olympia-2014-eiskunstlauf-superstar-jewgeni-pluschenko-portraet-a-952349.html
Sind Sie sicher, dass es kein dreifacher Toeloop war?
Alphabeta 09.02.2014
5. Mein einstiger Liebling
Auch mein Liebling im Eiskunstlauf war immer Pluschenko. Seine Eleganz und "Seele" in der Bewegung sind unerreicht! Aber die Videoclips, die ich jetzt im Netz sehen konnte, haben mich nicht mehr begeistern können, obwohl das Laufen Pluschenkos technisch wohl immer noch oder erst recht spitzenmäßig ist. Ich hatte schon überlegt, woran genau das liegen könnte. Am verlorenen Jugendcharme, vielleicht? Und jetzt lese ich, daß er schon eine künstliche Bandscheibe hat und 4 Schrauben im Rücken. Vielleicht spürt man als Zuschauer die Quälerei und die Angst, die da immer mitspringt und mittanzt? Ich glaube, die Natur lässt sich eben doch nicht überlisten, auch mit noch so viel Ehrgeiz nicht. Bin gespannt, ob er Gold holt. Ich würde es ihm gönnen und hoffe für ihn, daß dann seine Seele Ruhe findet und er mit sich zufrieden in den Eiskunstlauf-Ruhestand treten kann.
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