Eiskunstlauf-Gold Eine 15-Jährige rettet Russland die Spiele

Am drittletzten Wettkampftag feiern die russischen Athleten bei den Winterspielen doch noch ihre erste Goldmedaille. Der Sieg von Teenager Alina Zagitova ist auch wichtig für das Image des russischen Sports.

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Aus Pyeongchang berichtet


13 olympische Wettkampftage wäre es sportlich nicht groß aufgefallen, wenn das IOC nach Russlands Doping-Affäre so konsequent und rigoros gewesen wäre, das russische Team komplett von den Winterspielen in Pyeongchang auszusperren. Die "Olympischen Athleten aus Russland" (OAR), wie man sie hier offiziell zu nennen hat, sind weit hinter ihren Leistungen in Sotschi vor vier Jahren zurückgeblieben. Die Mannschaft lag im Medaillenspiegel bislang auf Rang 22 - nach Platz eins bei den Heim-Winterspielen.

Erst das Eiskunstlaufen der Frauen am drittletzten olympischen Tag hat das geändert. Das Gold-Duell zwischen Siegerin Alina Zagitova und Favoritin Evgenia Medvedeva hätte der Frauenkür gefehlt, es hätte den Olympischen Spielen gefehlt. Es hätte weniger Spektakel gegeben, weniger Grazie, weniger technische Perfektion. Die zwei Moskauerinnen sind der Konkurrenz weit voraus. Lediglich die Kanadierin Kaetlyn Osmond als Dritte konnte noch einigermaßen mithalten.

Medvedeva ist als zweifache Weltmeisterin angereist, sie hat ihren Sport in den vergangenen Jahren beherrscht, niemand sonst als die 18-Jährige, die für ihr Alter schon so viel Eleganz und Reife aufs Eis bringt, wurde ernsthaft als Goldanwärterin gehandelt. Und dann kommt aus der eigenen Trainingsgruppe ein 15-jähriger Teenager daher, im Vorjahr noch zu jung, um bei den Großen zu starten und schnappt ihr das sicher geglaubte Gold weg.

Die schwierigsten Elemente am Ende

Zagitova hatte im Kurzprogramm vorgelegt, hatte den Punkte-Weltrekord, den Medvedeva erst ein paar Minuten zuvor aufgestellt hatte, noch einmal gebrochen. In der Kür musste sie als Erste von beiden aufs Eis und bewies eine Nervenstärke, wie man sie vielleicht nur in diesem Alter haben kann. Sie verlagerte all ihre schweren Dreifachsprünge in den zweiten Teil der Vier-Minuten-Kür. Dann, wenn andere schon müde werden, wenn die Konzentration nachlässt, zeigte sie ihre schwierigsten Elemente. So etwas wird von den Preisrichtern honoriert. Dass sie zur Musik von "Don Quichote" getanzt hat, konnte man im Nachhinein als Signal an die Konkurrenz umdeuten: Ihr kämpft gegen Windmühlen.

Medvedeva ist nur drei Jahre älter, aber im Eiskunstlauf der Frauen sind das Welten. Alles, was sie auf dem Eis macht, sieht gereift aus, es ist der Ausdruck einer Erwachsenen, es ist elegant, mäandert zwischen Tanz und Technik. Sie war die Anna Karenina, zu deren Musik sie auftrat. Aber sie konnte tun, was sie wollte. Gegen die kühle Sprungtechnik ihrer jungen Trainingskollegin kam sie nicht an. Beide hatten am Ende die bis hinter dem Komma gleiche Wertung für die

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Kür bekommen, Zagitovas Vorsprung aus dem Kurzprogramm reichte aus.

Als die Wertungen verkündet wurden, konnte Medvedeva, die große strahlende Favoritin, ihre Tränen nicht mehr bei sich behalten. Besiegt von einer 15-Jährigen. Exakt so, wie es der Amerikanerin Michelle Kwan bei den Spielen 1998 in Nagano ergangen war. Auch sie war auf Gold gebucht, ganz oben stand am Ende der US-Teenie Tara Lipinski.

IOC rückt noch nichts zur Schlussfeier heraus

Gold und Silber für die "Olympic Athletes of Russia", dazu in der Disziplin, die wie keine andere Anmut und Schönheit ausstrahlt - das kann so kurz vor Ende der Spiele symbolische Bedeutung haben. Noch immer will das IOC nicht damit herausrücken, wie es mit Russland bei der Abschlusszeremonie verfahren will. Ob das Land wieder wie alle anderen mit eigener Fahne und Hymne auftreten darf, als sei nie etwas gewesen. Oder ob es noch so sein wird wie bei der Siegerehrung für Zagitova: Es wird die Olympische Hymne gespielt und die neutrale Flagge mit den fünf Ringen aufgezogen.

Die russischen Fans in der Halle hatten die Frage für sich schon beantwortet: Sie feierten das erste Gold ihres Landes selbstverständlich mit der weiß-blau-roten Fahne und mit Russland-Sprechchören. Am Tag zuvor war einem Curler der OAR die Bronzemedaille aberkannt worden, weil er der Einnahme des Dopingmittels Meldonium überführt worden war. Das war eine nicht so gute Nachricht für die russischen Bemühungen, alles wieder wie früher werden zu lassen.

Der Freitag dagegen war für Russland ein guter Tag. Eine strahlende 15-Jährige und eine rührend weinende 18-Jährige, die jeder in der Halle am liebsten in den Arm genommen hätte.

Bessere Botschafter für die eigene Sache kann man sich nicht wünschen.

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