Bilanz eines Olympia-Neulings Spur der Verwüstung

Titel, Tränen, Triumphe: Die Winterspiele in Pyeongchang boten faszinierenden Sport. Bei seiner Premiere spürte SPIEGEL-Redakteur Marcus Krämer aber permanent, wie kaputt das olympische System ist.

Thomas Bach (r.), Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC)
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Thomas Bach (r.), Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC)

Ein Kommentar von , Pyeongchang


Olympische Spiele sind beeindruckend, fesselnd, faszinierend. Dieses Gefühl hatte ich in der Vergangenheit vor dem Fernseher, und mit diesem Gefühl fahre ich auch nach zweieinhalb Wochen Pyeongchang zurück in die Heimat. Mich packen Höhepunkte wie die staunende Doppelolympiasiegerin Ester Ledecká, die Euphorie beim Shorttrack, Sensationen wie im Eishockey oder das Drama um Elise Christie. Auch stundenlang Curling zu sehen, langweilt mich nicht.

Sicher, das Bild von der olympischen Fabrik ist stimmig. Es gibt Kollegen, die schwärmen von den Zuständen bei ihren persönlichen Lieblingsspielen. London hier, Vancouver dort, Lillehammer soll besonders toll gewesen sein. Um sich dann über die Verhältnisse in Südkorea zu beschweren. Die meisten Sportler sehen das nach Sotschi 2014 im Übrigen ganz anders. Auch ich habe gemerkt, wie mich einige Dinge schon nach wenigen Tagen nervten: lange Busfahrten, die Kälte, Massenabfertigung beim Frühstück, ständige Sicherheitsüberprüfungen.

Aber, hey, es sind Olympische Spiele. Der organisatorische Aufwand ist bei knapp 3000 Sportlern, ähnlich vielen Journalisten und fast 10.000 Mitarbeitern der TV-Sender gewaltig. Dafür läuft es erstaunlich reibungslos. Die Koreaner waren, egal ob Volunteer, Busfahrer oder Zuschauer, trotz der sprachlichen Barriere stets freundlich und bemüht. Im Pressezentrum an der Biathlon-Strecke öffneten Abend für Abend zwei ältere Herren die Tür und sagten jedes, wirklich jedes Mal "thank you". Man muss sie einfach mögen.

Es gibt aber auch die andere Seite von Olympia. Die IOC-Seite.

Profitorientierung, Umweltzerstörung, Eigenlob

Die Kritikpunkte an den Verwaltern der olympischen Idee mit dem deutschen Präsidenten Thomas Bach an der Funktionärsspitze sind bekannt: Maximale Profitorientierung, fehlende Nachhaltigkeit, Umweltzerstörung, Ausbeutung der Gastgeber-Städte, Korruption, lascher Umgang mit Dopingsündern - eine Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Unvoreingenommen an die ersten Spiele vor Ort heranzugehen, fiel mir angesichts des Vorwissens schwer. Ich habe es versucht. Die ersten Stunden und Tage in Pyeongchang, Gangneung oder Alpensia gaben mir aber vor allem eins: Bestätigung. Während der IOC-Session wird Kritiker Richard Pound massiv attackiert - auf "Selbst" folgt beim IOC niemals "-kritik" sondern nur "-lob".

Bei der Eröffnungsfeier im eigens dafür gebauten Olympiastadion verpasste Bach mal wieder die Chance, ein Zeichen zu setzen. Wie soll das Vertrauen in die olympische Bewegung zurückkommen, wenn der Präsident nur verherrlicht, ablenkt und sich auf die eigene Schulter klopft? Ernsthafte Überlegungen, die inszenierte Annäherung von Nord- und Südkorea im Friedensnobelpreis gipfeln zu lassen, waren die Krönung der abgehobenen IOC-Agenda.

Stimmung wie bei den Bundesjugendspielen

Am achten Wettkampftag ging es für mich erstmals ins Jeongseon Alpine Centre. Die Strecke auf dem Berg Gariwang im Taebaek-Gebirge bestimmte wegen ihrer Windanfälligkeit die Schlagzeilen der ersten Tage. Wer mit dem Bus ins Tal ein- und mit der Seilbahn den Berg hochfuhr, sah sofort die Spur der Verwüstung, die die Streckenbauer für sechs Rennen hinterlassen haben.

Hier gab es keine alpine Infrastruktur, also wurden bis zu 100.000 Wangsasre-Birken, teilweise 500 Jahre alt, gefällt. Die weiße Spur durch das Naturschutzgebiet soll 160 Millionen Euro gekostet haben, für eine Wiederaufforstung ist kein Geld vorhanden. Und genutzt wird die Umweltsünde nach den Spielen auch nicht mehr.

Irgendwann kam beim IOC jemand auf die Idee, die Medaillen nicht mehr im Anschluss an den eigentlichen Wettbewerb zu vergeben, sondern die Sportler am gleichen oder am folgenden Abend zu einer Bühne zu fahren, um dort Gold, Silber und Bronze zu verteilen. In Pyeongchang kamen ohne koreanische Medaillengewinner aber stets nur ein paar Dutzend Interessierte und lauschten den Hymnen. Eine Stimmung wie bei Bundesjugendspielen.

"Das habe ich mir schon anders vorgestellt", sagt Doppelolympiasiegerin Laura Dahlmeier nach einer ihrer drei Zeremonien. Immerhin: Der wahre IOC-Plan, mit täglich Tausenden Besuchern die Einnahmen im mit Kitsch überfüllten Olympic Store nahe der Medals Plaza zu steigern, ging nicht auf.

"Meldonium ist wie Aspirin"

Dafür war der Zeitplan überfüllt und maximal gestreckt. Warum gibt es elf Biathlon-Wettbewerbe? Warum braucht es im Rodeln einen Staffel-Wettbewerb? Warum wird ein Skispringen so spät angesetzt, dass es nach Mitternacht endet? Die Universalantwort des IOC lautet: "Wir machen alles im Interesse der Athleten." Nur gefragt wurden diese nicht.

Und dann ist da noch der Skandal um das staatlich gelenkte Dopingsystem in Russland. Statt eine Kollektivstrafe gegen das russische NOK auszusprechen, hatte das IOC mit einer wachsweichen Entscheidung Einzelstarts unter neutraler Flagge möglich gemacht. Zwei aktuelle Dopingfälle ließen dem IOC nun keine andere Wahl, als die russische Flagge auch bei der Schlussfeier nicht zuzulassen.

Die unverzerrte IOC-Fratze in der Russland-Frage zeigte Exekutivmitglied Gian-Franco Kasper mit einer Verhöhnung der Kritiker: "Meldonium ist wie Aspirin." So wird Olympia nicht gesunden.

insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
uhu_13 25.02.2018
1. Kompromisse
Projektmanagement ist immer Kompromisse finden. Im Gegensatz zu Deutschland, wo Flughaefen un Bahnhoefe nicht fertig werden haben die Spiele immer begonnen. Und ja, das Budget muss stimmen, also Skispringen zu Fernsehzeiten im Westen. Es gibt immer Raum fuer Verbesserungen, die Nachnutzung der Anlagen (Sportlich, wirtschaftlich, Regionalentwicklung, ...) kann viel besser werden. Der olympische Geist muss mehr am Leben gehalten werden. Kostenteilung ist sowieso immer eine Frage. Und ja, solche Organisationen neigen zu unsympatischem Management, Eigenlob und selbst deren strafbaren Ablegern. Jetzt kann man es kaputargumentieren (wie in D Volksabstimmungen geschehen), oder stetig an Reformen Arbeiten. Und ja, ich wuerde hoffen, dass eines Tages Garmisch und Insbruck sich gemeinsam bewerben.
Achmuth_I 25.02.2018
2. Bin mal gespannt ob der Kommentar durchdarf!
Nur einzelne russische Athleten unter neutraler Flagge? Gegen wen ist denn die deutsche Eishockeymannschaft unterlegen? Waren das ein paar Kumpels die sich da nur zufällig getroffen haben? Wie hat sich die Mannschaft überhaupt qualifiziert? Verlogen bleibt verlogen Herr Bach!
dr.haus 25.02.2018
3.
Die Russen als Nation wie auch immer auszuschliessen war seit den unseligen Zeiten eines immer wieder bücklingshaften Willi Daume seit Jahrzehnten überfällig. Dass uns jetzt aber die Norweger auf der Nase herumtanzen und alle/viele Asthma haben - liesse sich noch einfacher nachweisen ob oder ob nicht- wie die Altersbestimmung über die Handwurzelknochen, aber verstösst wahrscheinlich auch schon wieder gegen die Persönlichkeitsrechte.
mwroer 25.02.2018
4.
"Auch ich habe gemerkt, wie mich einige Dinge schon nach wenigen Tagen nervten: lange Busfahrten, die Kälte, Massenabfertigung beim Frühstück, ständige Sicherheitsüberprüfungen." Soll man die Unterkünfte für die Journalisten auch gleich neben die Sportstätten stellen und noch mehr Natur verwüsten? Am besten noch mit Glaskabinen und Heizkraftwerk damit Ihr armen nicht friert. Die Kälte ... ja damit hätte man bei Winterspielen ggf rechnen müssen und das bei 10.000 Journalisten keine Einzelbetreuung beim Frühstück drin ist, sollte einleuchten. Also worüber beschweren Sie sich, als Reporter und Journalist, nun genau? Das die Arbeitsbedingungen nicht einem 2 Wochen Urlaub auf Hawaii ähneln? Tipp: Nächstes Mal über die Sommerspiele berichten. Ja, das IOC ist in vielerlei Hinsicht schlecht, korrupt und nimmt kaltlächelnd den Ruin lokaler Firmen in Kauf. Statt aber darüber, ausführlich und immer und immer wieder zu berichten, schreiben Journalisten lieber monatelang über das Staatsdoping in Russland. Auch wichtig, klar, aber wo bleibt denn der journalistische Druck auf das IOC? Warum wird nicht im Detail über all diese Fehler berichtet? Schon im Vorfeld, im Detail, nachvollziehbar. Übrigens stammt der Aspirin-Vergleich von Maria Sharapova. Kasper hat das wohl aufgegriffen.
marthaimschnee 25.02.2018
5. 100% Kommerz
das alleine reicht schon aus, um den Sport zu zerstören. "Dabei sein ist alles" heißt das olympische Motto. Pah, drauf geknödelt, Gold ist alles! Oder zumindest Medaille. Das haben die Reporter bei Eurosport sogar des öfteren bestätigt. Und dafür wird alles getan, eben nicht nur Training bis zur Perfektion, sondern auch ein immenser technischer wie auch finanzieller Aufwand, wie ihn zB ein Hirscher treibt. Und eben auch Doping, wobei sich das IOC da wunderbar als politischer Akteur etabliert hat, denn dieses Problem ist ganz sicher nicht auf Russland beschränkt, aber gegen Russland zu treten paßt eben gerade so schön ins Geschäft.
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