Claudia Pechstein Dann eben 2022

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein verpasst ihre zehnte Olympiamedaille, und bei der Dopingkontrolle gibt es Ärger. Egal: Die 45-Jährige macht einfach weiter - bei den nächsten Spielen will sie wieder dabei sein.

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein
VALDRIN XHEMAJ/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein

Aus Pyeongchang berichtet


In der Pause des olympischen Eisschnelllaufrennens über die 5000 Meter der Frauen wurde über die Hallenregie die Titelmusik von James Bond eingespielt. Das passte gut, denn Claudia Pechsteins markiges Motto lautet: "Siegen oder sterben", das wäre auch ein guter Titel für einen Bond-Film. "Heute ging es allerdings eher in Richtung Sterben", sagte Pechstein am Ende eines für sie komplett enttäuschenden Abends. Die 45-Jährige wollte unbedingt eine Medaille holen und musste am Ende einsehen, dass die Jüngeren deutlich schneller waren.

Statt auf dem Podium und bei der Siegerzeremonie fand sich Pechstein in der Mixed Zone wieder, wo sie den lange auf sie wartenden Journalisten erklären sollte, warum es mit dem ehrgeizigen Projekt zehnte Olympiamedaille nicht geklappt und sie nur Platz acht erreicht hatte. Dabei hatte sie selbst keine Antwort auf diese Frage: "Ich weiß es absolut nicht. Wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen sagen."

Ihr Lebensgefährte Matthias Große sekundierte, Pechstein habe "in der Mitte des Rennens versucht, zu drücken und zu drücken, aber da kam nichts mehr". Im Duell mit der Kanadierin Yvanie Blondin war sie zügig und nach ihrem eigenen Zeitplan gestartet, angefeuert von ihrem Coach Peter Mueller, der sich die Seele aus dem Leib brüllte. Und der als Erster merkte, dass an diesem Abend nichts ging. Nach fünf Runden stellte er seine lautstarke Unterstützung ein und ließ Pechstein das Rennen nur noch zu Ende laufen.

Claudia Pechstein nach ihrem Rennen
DPA

Claudia Pechstein nach ihrem Rennen

Ein Rennen, das einmal mehr die Niederländerinnen bestimmten. Annouk van der Weijden hatte im ersten Rennen eine Bestzeit vorgelegt und den Druck auf die Favoritinnen erhöht. Ihre Landsfrau Esmee Visser hatte die Herausforderung angenommen und noch einmal eine neue Marke gesetzt. Die hielt bis zum Schluss - auch wenn Altmeisterin Martina Sablikova und die Russin Woronina im letzten Rennen noch nah an sie heranliefen und Silber und Bronze errangen.

Da war Pechstein schon längst geschlagen, vier Mal geht sie in Südkorea an den Start, aber dieses 5000-Meter-Rennen war das, was sie sich als ihr Rennen ausgeguckt hatte. Es gab nur zwölf Teilnehmerinnen, nur zwei Niederländerinnen, die Chancen auf eine Medaille standen gut, Pechstein hatte den einzigen 5000-Meter-Weltcup in dieser Saison für sich entschieden. Die Berlinerin hatte sich sogar schon den Moment ausgemalt, an dem ihr Intimfeind, der Weltverbandspräsident Jan Dijkema, ihr die Medaille hätte überreichen müssen. Dijkema, den sie für ihre zweijährige Dopingsperre verantwortlich macht. Eine Sperre, die sie von Anfang an für Unrecht hielt und gegen die sie bis heute ankämpft. Daraus wurde nichts.

Esmee Visser aus den Niederlanden freut sich über ihre Goldmedaille
DPA

Esmee Visser aus den Niederlanden freut sich über ihre Goldmedaille

Die Goldmedaille bekam stattdessen Visser umgehängt. Visser ist 23 Jahre jünger als die Deutsche und staubte im siebten Eisschnelllaufrennen von Pyeongchang das sechste Gold für Oranje ab. "So etwas gehört zum Sport dazu", sagte Pechstein fast gelassen klingend nach dem Rennen. Schon der Reporter einer US-Fernsehanstalt hatte, als er die Läuferin in der Mixed Zone auftauchen sah, fast triumphierend ausgerufen: "She has still a smile on her face, the Claudia."

In vier Jahren der nächste Anlauf

Lange wollte sich die Frustrierte nicht auf Analysen vor der Presse einlassen. Dass sie so kurz angebunden war, hatte allerdings noch einen anderen Grund: Sie war sofort nach dem Rennen zur Dopingprobe gebeten worden. Für sie und Große ein erneuter Beleg, dass der Weltverband sie schikaniere. "Der Lauf war kaum zu Ende, da hatte ich schon die Anfrage." Vor den Kontrolleuren verlor Pechstein für einen Moment die Kontrolle - und zerriss das Formular für ihren anstehenden Dopingtest.

Der Kampf, dem Claudia Pechstein sich verschrieben hat, geht weiter. Wer glaubt, die 45-Jährige, die in der kommenden Woche ihren 46. Geburtstag feiert, würde nach einer sportlichen Enttäuschung nun doch den Rücktritt bekanntgeben, der irrt. "Ich mache weiter und hoffe auf meine Chance in vier Jahren in Peking", sagte sie als erste Wortmeldung. "Wenn ich dann noch lebe und mich qualifizieren kann, dann will ich dort dabei sein." Es wären ihre achten Olympischen Winterspiele, so viel hat nur der ewige japanische Skispringer Noriaki Kasai vorzuweisen.

Pechstein wird in Peking (4. Februar bis 20. Februar 2022) fast 50 Jahre alt sein, das wäre tatsächlich einmalig, wenn sie dann noch dem deutschen Team angehören würde. Vier Jahre sind lang, noch gibt es kaum Konkurrenz im eigenen Lager, ob das bis 2022 so bleibt, weiß niemand. Für die Zeit bis dahin kann sie sich einen echten Bond-Titel als Slogan zulegen: Stirb an einem anderen Tag.

insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
ptb29 16.02.2018
1. Leider gibt es nicht genug Nachwuchs
in Deutschland, der sich auf dem Eis quälen will. So kann eine 46-Jährige ihren persönlichen Kampf weitertreiben. Wer allerdings das Rennen heute gesehen hat, sah auch deutlich, dass ihr Zenit schon lange überschritten ist.
Sibylle1969 16.02.2018
2.
Man wird nicht jünger, ich bin selbst in ähnlichem Alter wie Pechstein. Ich glaube nicht, dass sie mit dann fast 50 Jahren noch in der Lage sein wird, um Medaillen zu laufen. Man sollte den Zeitpunkt zum Aufhören nicht verpassen, sonst wird es vielleicht traurig. Ole Einar Björndahlen lässt grüßen. Das Foto von Pechstein zeigt, wie sie - denke ich - ein Asthmaspray inhaliert, legales Doping... bin selbst Asthmatikerin und kann mir daher nur schwer vorstellen, dass man mit dieser Krankheit Weltklasseleistungen in Ausdauersportarten erzielen kann.
xvxxx 16.02.2018
3.
An die beiden erste Kommentatoren: Sie ist immer noch in der Lage, Weltcuprennen zu gewinnen auf den 5000 Metern. Und selbst hier in Korea gab es noch vier jüngere, die hinter ihr waren. Von der deutschen Konkurrenz will ich lieber garnicht reden...
territrades 16.02.2018
4. Warum nicht?
Wenn der Nachwuchs sie nicht aussticht, warum sollte sie es nicht noch einmal probieren. Mit 50 ist dabei sein dann vielleicht auch wieder alles.
kopi4 16.02.2018
5.
In Deutschland gibt es kaum, über die offensichtlich besonders verhaßten 5000m keinen Nachwuchs. Da kann es durchaus sein das Pechstein,als anerkannte Kilometerfresserin, auch 2022 mitmacht. Aber mit einer Medaille? Könnte doch sein das sich unter den zig Holländerinnen die zuhause bleiben müßen obwohl sie besser sind als 90 Prozent der anderen Läuferinnen einige auf die, auch in den Niederlanden eher unbeliebten, 5000 m konzentrieren.....
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