Eisschnelllauf-Star Pechstein Polarisieren bis zur Rente

Claudia Pechstein steht vor ihren siebten Olympischen Spielen. Sportlich ist die fast 46-Jährige ein Phänomen. Ob die Eisschnellläuferin bei der Eröffnungsfeier die Fahne tragen soll, ist dennoch umstritten.

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Claudia Pechstein hat sich angewöhnt, am Ende ihrer Rennen den Finger vor den Mund zu legen, das Symbol dafür, dass man schweigen solle. Es ist ein Signal an ihre Kritiker, und von denen gibt es einige, und es soll bedeuten: Seht her, ich bin immer noch da und bringe Leistung, und ihr habt daher mal gefälligst den Mund zu halten.

Selbst ist sie allerdings weniger schweigsam, wenn es um ihre Sache geht. Im Vorfeld der Olympischen Winterspiele von Pyeongchang hat Claudia Pechstein noch einmal ordentlich draufgehauen, wenn es um die Funktionäre des Eisschnelllauf-Weltverbands Isu geht. Nach Pechsteins Lesart haben diese Funktionäre sie um ihre "Olympiateilnahme in Vancouver betrogen", und so etwas vergisst sie nicht.

Für zwei Jahre war Pechstein wegen vermeintlichen Blutdopings 2009 gesperrt worden, sie selbst hat stets ihre Unschuld betont und auf eine genetische Anomalie ihres Bluts hingewiesen. Mehrere Wissenschaftler haben diese Version gestützt, der DOSB hat sie sich zu eigen gemacht, der Weltverband allerdings hat seine Sperre nie zurückgezogen.

Seitdem vergeht keine Gelegenheit, dass die Sportlerin auf ihren "Kampf gegen diese Ungerechtigkeit" hinweist. "Für mich gibt es nur siegen oder sterben", hat Pechstein in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" gesagt. Eine Nummer kleiner macht sie es eben nicht. Sie ist vor den Bundesgerichtshof gezogen, um den Weltverband zum Zahlen von Schadensersatz zu zwingen, sie hat sich mal mit der US-Amerikanerin Amanda Knox verglichen. Zur Erinnerung: Knox wurde in Italien wegen Mordes verurteilt und später rehabilitiert.

45 Jahre alt ist Pechstein inzwischen, im Februar wird sie 46, Pyeongchang werden ihre siebten Olympischen Spiele, fünfmal hat sie Gold geholt. Sie ist damit immer noch die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin in der olympischen Geschichte, und dass sie im gesegneten Sportleralter 2018 immer noch berechtigte Chancen auf eine Medaille hat, spricht nicht nur gegen die jüngere Konkurrenz, sondern auch für ihren außergewöhnlichen Willen, für ihre außergewöhnliche Disziplin.

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All das wären normalerweise genug Dinge, um Pechstein als deutsche Sportheldin zu feiern. Auch ob sie eine angemessene Fahnenträgerin bei der Eröffnungsfeier am 9. Februar sei, müsste man danach nicht erörtern. Dennoch ist Claudia Pechstein immer umstritten gewesen, sie ist es auch heute noch. Und daher ist das mit der Rolle der Fahnenträgerin so eine Sache.

Wer das deutsche Team bei der Eröffnungsfeier ins Stadion führt, sollte auch Vorbild- und Integrationsfigur sein. Und zumindest beim zweiten Punkt dürfte man nicht zuallererst an die Berliner Eisschnellläuferin denken. Pechstein hat sich schon lange von der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft DESG isoliert, sie hat ihr eigenes Trainerteam, sie hat vor allem ihren eigenen ständigen Begleiter an ihrer Seite, ihren Lebensgefährten Matthias Große, den sie als ihren Mentalcoach bezeichnet.

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Große hat sich durch sein robustes Auftreten gegenüber Sportlern und Journalisten keine großen Freunde im deutschen Lager gemacht. Die ihn nicht so mögen, nennen ihn Pechsteins Bodyguard. Die Sportlerin jedoch hält ihn für unverzichtbar, es gibt kein Interview, indem sie nicht betont, wie wichtig er für sie sei. Der DOSB hat sich dieser Version mittlerweile angeschlossen. Anders als vor vier Jahren gab es keine großen Diskussionen mehr, ob Große mit einer DOSB-Akkreditierung dem Team in Südkorea angehören wird. Es gab noch ein paar kritische Presseberichte, das war's.

Ohnehin ist DOSB-Chef Alfons Hörmann einer der großen Pechstein-Unterstützer geworden. Er hält sie für rehabilitiert, Pechstein sei "Opfer, nicht Täter". Dass sie in die engere Auswahl von fünf Athleten für den Fahnenträgerjob gekommen ist, über die noch bis gestern im Internet abgestimmt wurde, hat er ausdrücklich begrüßt. Pechstein würde dies "wahnsinnig gerne" machen, weil: "Das wäre der i-Punkt auf der Rehabilitation."

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Pechstein ist auf einer Mission unterwegs. Jede Medaille, die sie jetzt noch erringe, sei "eine schallende Ohrfeige" für den Weltverband, sagt sie. Das hält sie am Laufen, sie kann sich gut vorstellen, auch nach den Spielen weiterzumachen. 1992 in Albertville waren ihre ersten Olympischen Spiele, Pechstein ist die Letzte im deutschen Team, die als Juniorin noch für die DDR an den Start gegangen ist, im Osten hat sie bis heute ihre meisten Unterstützer. Die "Super Illu" hat sie auf das Titelbild gepackt, der "Berliner Kurier" mit seiner überwiegenden Leserschaft im Osten der Hauptstadt nennt sie durchgehend nur "Pechi".

Während es für andere Athleten zum Pflichtprogramm gehört, in Interviews zu betonen, welch große Ehre es sein würde, Deutschland zu repräsentieren, hat Pechstein in der "Welt am Sonntag" noch mal mächtig Zunder gegeben. In anderen Ländern wäre sie längst eine Legende, hierzulande dagegen werde ihr kein Respekt entgegengebracht, beklagte sie. Frustrierend sei auch "der extreme Neid" in Deutschland, anderswo bekämen Sportler, die so erfolgreich sind wie sie, eine lebenslange Rente, "hier fühlst du dich einfach nur als Steuernummer". Als sie 2016 vor dem BGH abgewiesen wurde, schimpfte sie, dass "Flüchtlinge in diesem Land mehr Rechtsschutz genießen" als die Sportler.

Man kann das als ehrlich und angenehm sperrig bezeichnen. Ob sie damit die Richtige ist, die deutsche Fahne zu tragen, kann man allerdings auch fragen.

insgesamt 46 Beiträge
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Nachtsegler 05.02.2018
1. Ich habe für sie gestimmt.
Fakt ist, dass sie ohne Beweise als angebliche Dopingbetrügerin um ihre besten Sportlerjahre gebracht wurde. Wie Sportverbände und Sportgerichte sonst mit Fällen umgehen, wo Betrug bewiesen werden kann, kann derzeit schön beobachtet werden. Dass der Isu stur bleibt und an dem von ihm begangenen Unrecht festhält, ist leicht erklärbar. Er will für den der Profisportlerin entstandenen Schaden nicht aufkommen.
spon-facebook-10000156339 05.02.2018
2. Top-Athletin
Der letzte Satz Ihes Artikel - wenn er so gefallen ist - disqualifiziert Frau Pechstein allerdigs. Den Unterschied zwischen Rechtsprechung und Gerechtigkeit in unserem Rechsstaat verstehen viele nicht. Aber: Ihre Haltung gegen den Weltverband ist doch unbedingt verständlich. Und: Es ist eine unglaubliche mentale und physische Leistung, sich über einen solch langen Zeitraum auf einem athletischen Top-Niveau zu bewegen. Dass sie sich dabei in einer - Verzeihung - Randsportart bewegt, ist leider von ihr zu akzeptieren, bedeutsame Summen sind hier nicht zu verdienen, so funktioniert halt Sport in der Marktwirtschaft. Das hat sie offenbar nicht wirklich verstanden. Dass ihr allerdings zu Recht die uneingeschränkte Bewunderung für ihre Lebensleistung zusteht, daran darf kein Zweifel bestehen. Claudia Pechstein ist wahrhaft die Topathletin Deutschlands - egal, ob sie in Korea auf dem Podest stehen wird oder nicht. Ich würde mich sehr für sie freuen, trüge sie die Fahne.
Lankoron 05.02.2018
3. Der Weltverband
hatte sie gesperrt: OHNE positive Dopingprobe, aufgrund EINES auffälligen Blutwertes, mit einem nicht festgelegten Grenzwert. Vom deutschen Spitzensport kam nie Unterstützung, erst seit sie wieder erfolgreich ist (und fast die einzige Schnelläuferin mit olympiawerten Leistungen), sie wurde vom BGS mit einem Disziplinarverfahren überzogen...und sie wird mit Sicherheit nicht die Fahnenträgerin, genau weil sie nicht die pflegeleichte, stillhaltende, unmündige Athletin ist. Dass sie erfolgreich ist, weil sie z.B wie die Holländer und Amerikaner arbeitet, statt wie in Deutschland unter Funktionären und von denen ausgewählten Trainern zu arbeiten, scheint man ihr nicht anzurechnen. Ist vllt irgendwem mal eingefallen, dass das deutsche System eine Schwäche darstellen kann, wie man an vielen anderen Sportarten sieht? Leichtathletik, Schwimmen, Eisschnelllaufen, Eiskunstlauf....da gibt es Riesenprobleme, an denen aber anscheinend nie die Schuld sind, die das bezahlt organisieren und die Trainer einstellen.
Kaiserstuhlwinzer 05.02.2018
4. Recht hat sie!
Wenn ich mich richtig erinnere, hat unser ewiger Innenminister de Maiziere dafür gesorgt, daß sie ihre Stelle als Angehörige der Bundespolizei (oder hieß der Verein damals noch Bundesgrenzschutz? ) verlor. Wer sollte nach solch einer Aktion versöhnlich und integrierend sein? Ein großartiges Vorbild für Leistungswillen und Durchhaltevermögen ist sie jedenfalls. Und ein bißchen Wiedergutmachung könnte nicht schaden! Also laßt sie die Fahne tragen und zollt ihr damit die ihr gebührende Anerkennung!
lupo44 05.02.2018
5. Wo ist der Präsident des Olympischen Verbandes.....
es ist einfach genug,diese Sportlerin hat nicht gedoppt.Dagegen sind viele heute noch in Amt und Würden und beschwören nie gedopt zu haben.Welche eine Farce! Frau Pechstein ist mit einer nachgewiesenden Blutkrankheit leider behaftet die bestimmte Blutwerte anzeigt wie bei einen gedopten Menschen.Wenn man sich bei dieser Frau geirrt hat ,dann sollte man sich entschuldigen und Sie endlich von diesen Verdacht frei sprechen.Und zu den olympischen Spielen ist die 5 fache Olympiasigerin wohl die richtige Auswahl.Andere Länder wären stolz so eine Sportlerin in ihren Reihen mit 45 Jahren zu haben.
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