Olympiasieg im Frauen-Bob Triumph der Tüftlerin

Schon wieder Gold im Eiskanal: Der Olympiasieg von Pilotin Mariama Jamanka im Zweierbob war allerdings eine echte Überraschung. Die Berlinerin hatte bis vor fünf Jahren noch nie in einem Bob gesessen.

Pilotin Mariama Jamanka (l.) und Anschieberin Lisa Buckwitz (r.)
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Pilotin Mariama Jamanka (l.) und Anschieberin Lisa Buckwitz (r.)

Aus Pyeongchang berichtet


Vor ein paar Jahren hätte sich Mariama Jamanka vieles nicht vorstellen können: in einem Bob zu sitzen zum Beispiel. Oder in Südkorea vor der internationalen Presse zu sitzen und Interviews zu geben. Oder Olympiasiegerin zu sein.

Vor ein paar Jahren war Mariama Jamanka noch Leichtathletin, betrieb in ihrer Heimatstadt Berlin Diskus- und Hammerwurf und hatte vor allem eine Abneigung: gegen Schnee und Kälte. Als Berliner weiß man, wie unangenehm die Winter in der Stadt sein können, damit wollte sie möglichst wenig zu tun haben. Und was ist stattdessen passiert? Sie hält jetzt die Goldmedaille im Zweierbob bei den Olympischen Winterspielen von Pyeongchang in der Hand, und auch die minus sechs Grad am Mittwochabend machen ihr plötzlich nichts mehr aus.

"Ich kann es noch gar nicht glauben, was hier geschehen ist", sagte sie anschließend. "Wir sind hierhergefahren und hatten überhaupt noch keine Erfahrung, was wir hier erwarten konnten." Jamanka und Anschieberin Lisa Buckwitz hatten zuvor noch nie ein Weltcuprennen gewonnen. Jetzt entschieden sie den wichtigsten Wettkampf der vergangenen vier Jahre für sich. Und mit besonderem Lokalpatriotismus: "Ein rein Berliner Bob. So etwas gab es wahrscheinlich noch nie." Als Olympiasieger in keinem Fall.

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Seiteneinsteigerinnen haben noch eine Chance

Der Frauenbobsport ist noch eine recht junge Sportart. Es ist eine Disziplin, bei der Seiteneinsteigerinnen noch ihre Chance haben. 2013, als es mit dem Hammerwurf nicht so recht voranging, schlug Jamankas Trainer ihr vor, es doch einmal mit dem Bobsport zu versuchen.

Die 27-Jährige hatte bis dahin schon einiges ausprobiert: Ballett, Reiten, Cheerleading, warum also nicht mal Bobfahren? Bundestrainer Christoph Langen erkannte ihr Talent, setzte sie ab 2015 in den A-Kader, sie tat das, was sie immer gut konnte: Sie probierte sich aus, immer mal wieder mit wechselnden Anschieberinnen, in Pyeongchang half ihr Buckwitz zu Gold. Die Reihenfolge der Rennkurven der Bahnen weltweit lernte sie über YouTube-Videos auswendig, bei der Bahn von Pyeongchang hat sie ganz offensichtlich sehr gut hingeschaut.

Deutschland hatte schon erfolgreiche Bobfahrerinnen vor Jamanka: Sandra Kiriasis war Olympiasiegerin in Turin, es gab die ehemalige Rodlerin Susi Erdmann, Cathleen Martini und Anja Schneiderheinze, die Weltmeisterinnen waren. Aber in Südkorea waren andere favorisiert: Die zweifache Olympiasiegerin Kaillie Humphries aus Kanada, die Bronze gewann und vor allem die routinierte US-Pilotin Elana Meyers Taylor, die nur ganz knapp hinter dem deutschen Bob auf Silber fuhr.

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Lob gab es von der Konkurrenz

Der Schlitten der US-Amerikanerin, wie Humphries bereits mit WM-Gold dekoriert, lag im vierten und entscheidenden Durchgang über fast die ganze Strecke vorn, aber am Ende fehlten ihr dann doch winzige sechs Hundertstelsekunden. Weil Jamanka es wie auch schon in den Läufen zuvor geschafft hatte, am Schluss noch einmal zu beschleunigen. Die Konkurrenz verlor in den letzten Kurven Zeit, Jamanka gewann sie. Ein Wimpernschlag nur, aber er entscheidet im Eiskanal über die Platzierungen.

"Sie hat diese Medaille verdient", lobte Meyers Taylor, sie habe Jamanka beobachtet, "wie sie sich entwickelt hat". Talent habe sie ohnehin schon immer gehabt, so die US-Kollegin.

Gold bei beiden Zweierbobs, dazu sechs Rodelmedaillen: Der Deutsche Bob-und Schlittensportverband ist einer der Medaillensammler bei diesen Spielen. Der Viererbob steht an den letzten beiden Olympiatagen noch aus. Klar, dass sich auch hier die Deutschen ihre Chancen ausrechnen. Die Bahn im Sliding Centre von Pyeongchang scheint ihnen zu liegen.

Vor dem Wettkampf hatte niemand von Jamanka gesprochen, dafür umso mehr von Jamaika, dem Zweierbob, um den es so viel Ärger und Streit in den vergangenen Tagen gab. Jazmine Fenlator-Victorian und Carrie Russell steuerten ihren Schlitten auf Platz 19, den vorletzten Rang. Darum hätte es gar nicht so großer Aufregung bedurft.

Jamanka hat vor den Spielen gesagt, sie sehe sich gar nicht so sehr als Sportlerin, "sondern als Mensch, als Normalo". Eben eine ganz normale Olympiasiegerin.



insgesamt 2 Beiträge
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blindsurfer 21.02.2018
1. Gratulation
zur Goldmedaille. Es findet sich jetzt leider wahrscheinlich wieder irgend ein Schwachkopf um zu sagen daß diese Topsportlerin keine echte Deutsche ist.
jujo 21.02.2018
2. ...
Kommerz hin Doping her. Schön ist doch, das es immer wieder gelingt in der hochspezialisierten Profisportler Welt Aussenseitern zu gewinnen. Ich denke nur an das ungläubige Staunen im Gesicht der Snowborderin die den Super-G der Damen gewann.
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