Deutschland im Eishockey-Halbfinale Historische Chance

Der Halbfinaleinzug bei Olympia gehört jetzt schon zu den größten Erfolgen der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft. Ist das Team reif für eine Sensation?

Aus Pyeongchang berichtet


Wer sich in Deutschland für Eishockey interessiert, weiß die Spielernamen sofort einzuordnen: Erich Kühnhackl, Alois Schloder, Udo Kießling oder der verstorbene Lorenz Funk - das sind jene Helden von Innsbruck, als Deutschland 1976 zum zweiten Mal nach 1932 in der olympischen Geschichte eine Medaille gewinnen konnte. Oder Helmut de Raaf, Gerd Truntschka und Dieter Hegen, die 1992 beim legendären Kuller-Penalty von Peter Draisaitl den Einzug ins olympische Halbfinale von Albertville denkbar knapp verpassten.

In Zukunft werden auch die Namen von Christian Ehrhoff, Marcel Goc, Patrick Reimer oder Danny aus den Birken mit einer mitreißenden, vielleicht sogar historischen Eishockey-Sensation verknüpft sein. Nach dem 4:3-Sieg nach Verlängerung gegen Weltmeister Schweden steht Deutschland im Halbfinale des olympischen Turniers, ein Sieg fehlt noch für den Gewinn einer Medaille. Die erste Chance bietet das Spiel am Freitag (13.10 Uhr MEZ) gegen den aktuellen Olympiasieger Kanada. Danach folgt entweder das Finale am Sonntag (5.10 Uhr) oder das Bronze-Spiel am Samstag (13.10 Uhr, alle Partien im Liveticker von SPIEGEL ONLINE).

"Wir haben für Deutschland ein Stück Eishockey-Geschichte geschrieben", sagte Kapitän Goc nach dem Thriller gegen Schweden. Bei Yannic Seidenberg, der das Viertelfinale mit seinem Treffer in der Verlängerung gegen die Schweiz erst möglich gemacht hatte, schwang auch Genugtuung mit. "Ich glaube, viele haben nur darauf gewartet, dass wir nicht gut abschneiden, dass man wieder über das deutsche Eishockey lächeln kann", sagte der Angreifer des EHC München. "Aber wir haben allen bewiesen, dass wir auf einem guten Weg sind."

Fehlen der NHL-Stars kein Nachteil für Deutschland

Ein solch gutes Abschneiden war im Vorfeld nicht erwartet worden, auch wenn es in den vergangenen Jahren unter Bundestrainer Marco Sturm einen Aufwärtstrend gab. Sturm begann 2015 als Nachfolger von Pat Cortina, führte die Mannschaft zweimal in Folge ins WM-Viertelfinale und sicherte auch die Olympia-Qualifikation - wenn auch denkbar knapp und mit Hilfe der NHL-Stars. In dieser Zeit formte Sturm ein Team, das er in Pyeongchang so charakterisiert: "Wir sind eine große Familie. Nur so können wir Erfolge feiern."

Die Entscheidung der nordamerikanischen Liga NHL, während Olympia weiterzuspielen und den Stars die Freigabe zu verweigern, wurde im Vorfeld als Nachteil für die deutsche Mannschaft gewertet. Immerhin fehlen mit Leon Draisaitl und Tom Kühnhackl zwei Ausnahmetalente, doch der Nachteil für die anderen Nationen ist größer. In der NHL spielen derzeit sieben deutsche Profis. Bei Viertelfinalgegner Schweden sind es 91, Kanada könnte theoretisch sogar auf 421 Spieler zurückgreifen.

Spielerische Mängel gleicht Sturms Mannschaft gegen - trotz der NHL-Abstinenz - besser besetzte Teams wie Schweden mit dem Willen zur bedingungslosen Defensivarbeit aus. Es wird gegrätscht, geblockt, gerutscht, um gegnerische Schüsse gar nicht erst auf das Tor kommen zu lassen. Und wenn doch mal einer durchkommt, gegen Schweden gab es 34 Schüsse auf das eigene Tor, behält Keeper aus den Birken die Übersicht. Noch so eine erfolgreiche Maßnahme des Trainers, der dem Münchner Goalie überraschend den Vorzug vor Timo

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Pielmeier und Dennis Endras gibt.

Kanada ist favorisiert, aber nicht unschlagbar

Nun geht es gegen Kanada. Das Team von Trainer Willie Desjardins besteht überwiegend aus Spielern, die in Russland und der Schweiz ihr Geld verdienen. Bisher wurden die Spiele gegen die Schweiz (5:1), Südkorea (4:0) und Finnland (1:0) gewonnen, gegen Tschechien gab es eine Niederlage. Für die deutsche Mannschaft könnte neben der Kampfkraft die Eingespieltheit sprechen, die Kanadier liefen in der Vergangenheit in ganz anderer Besetzung auf und werden es auch wieder bei der kommenden WM in Dänemark tun.

Sturm hebt einen ganz anderen Aspekt hervor: "Glaube. Der Glaube an uns, an die Mannschaft. Der Glaube, dass wir einiges erreichen können." Für Patrick Reimer ist der Erfolg ohnehin keine Überraschung: "Wir haben immer von dem Traum gesprochen, dass wir um eine Medaille mitspielen wollen."

42 Jahre nach Innsbruck könnte es dann heißen: die Helden von Pyeongchang.

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insgesamt 4 Beiträge
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abyssmares1961 23.02.2018
1. Siegeswillen
Ich bin Schweizer und ich war, im Gegensatz zur Schweizer Nationalmannschaft, von der Beisser-Qualität und dem Siegeswillen der Deutschen Nationalmannschaft beeindruckt. Diese Mannschaft hat sicher jeweils knapp gewonnen, aber sie haben gewonnen und das Maximum aus ihren Möglichkeiten herausgeholt. Kanada hat bestimmt noch nicht gewonnen und ich hoffe, dass den Deutschen noch eine riesige Überraschung gelingt.
der_wirtschaftswaise 23.02.2018
2. Nachteil für Deutschland?
Wenn die NHL keine Spieler freigibt, ist das sicher KEIN Nachteil für Deutschland (wer behauptet denn sowas?). Sieben Spieler mit NHL-Vertrag, davon spielen fünf regelmäßig. Davon sind wiederum zwei Torhüter. Ich glaub fünf NHL-Spieler würden bei Kanada, USA, Schweden, Russland, Tschechien, Finnland..... in jeder Reihe stehen. Aber gerade deshalb: Haut rein, Jungs. Viel Erfolg.
dachhase 23.02.2018
3. Ich war 1992 beim WM Sieg
über Schweden in der Fucikhalle. Die Mannschaft hat damals genauso ein Riesenspiel gemacht, wie die letzten Tage. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ich hoffe wirklich, das es zum ganz großen Coup reicht- auf geht's Jungs!
gerechtzz 23.02.2018
4.
Mh, dann entspricht das Turnier ja in etwa dem der olypmischen Fußballer, ist also nicht viel mehr als eine bessere U23 Mannschaft statt der A Elf. Das relativiert die Bedeutung in meinen Augen erheblich.
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