Spiele in Pyeongchang Die olympische Fabrik

Die Wettkampfstätten kaum besucht, statt Olympischer Geist durchweht den Olympiapark der Charme eines Gewerbegebiets. Die Spiele in Südkorea sind zwar gut organisiert - Stimmung ist vor allem im Deutschen Haus.

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Aus Pyeongchang berichtet


Man darf sich Olympische Spiele wie eine riesige Fabrik vorstellen. Nach dem Frühstück wird man mit dem Shuttlebus zum Werkstor gefahren, der Securitycheck ist die Stechuhr, die Volunteers sind die Hunderte von Arbeitern. Morgens rein in die Fabrik, heute Skicross, Eiskunstlauf und Shorttrack, morgen Abfahrt, Biathlon und Langlauf. Abends, besser gesagt nachts, geht es wieder raus, ab in den Shuttlebus, ab ins Bett.

Wer es darauf anlegt, kann hier 14 Tage verbringen, ohne dass es wirklich auffällt, dass man sich in Südkorea am anderen Ende der Welt aufhält. Viel ist in der letzten Zeit von Filterblasen die Rede, Olympische Spiele sind wirklich eine.

Journalisten und Sportler sind in Hochhausburgen untergebracht, die das Media Village und das Olympic Village bilden. Bei vergangenen Spielen gab es häufiger Beschwerden: zu eng, zu laut, zu kalt, zu warm. Diesmal herrscht bei den Athleten weitgehende Zufriedenheit mit der Unterbringung. "Meine Rückmeldung von den Sportlern ist: Es sind die bisher besten Bedingungen bei Olympischen Spielen, die wir kennen", sagt DOSB-Präsident Alfons Hörmann.

Ohne Bus geht hier nichts

Mediendorf und Olympisches Dorf liegen nah an den Wettkampfstätten, dennoch: Ohne Bus geht hier nichts. Das Transportsystem hat in den ersten Olympiatagen etwas gehakt, seitdem läuft es problem- und reibungslos. Zuschauer und Journalisten sind dafür extrem dankbar, wenn, wie beim Skispringen, die Wettkämpfe erst nach Mitternacht beendet sind und es erst danach vom Berg hinunter geht.

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Olympia 2018: Kommt der Bus?

Komfortabler wohnt, wenig überraschend, die sogenannte Olympische Familie. Die IOC-Mitglieder und ihre Gäste residieren im Hotel Intercontinental in der Bergregion von Pyeongchang. Es ist übrigens auch neben den Security-Checkpoints der einzige Ort, an dem nicht gefilmt werden darf. Die meist älteren Herren wollen ungestört und unter sich bleiben. Der deutsche Journalist und SPIEGEL-Autor Jens Weinreich erhielt gleich zu Beginn der Spiele eine Abmahnung, da er angeblich im IOC-Hotel Filmaufnahmen gemacht habe. Weinreich hat das bestritten. Dass es sich bei ihm um einen als IOC-kritisch bekannten Berichterstatter handelt, ist natürlich reiner Zufall.

Viele Volunteers kommen erst gar nicht

Weniger angenehm als die IOC-Funktionäre haben es die rund 14.000 Volunteers, die bei den Spielen ihren ehrenamtlichen Dienst versehen. Meist sind sie weit weg untergebracht, teilweise zu zehnt in Apartments, die für vier Leute ausgelegt sind, es soll nicht überall heiße Duschen geben. Bezahlt werden sie nicht, wenn sie Wettkämpfe sehen wollen, müssen sie ganz normal Eintritt bezahlen.

150 von ihnen haben mittlerweile vorzeitig ihren Dienst quittiert, fast 2000 hatten gar nicht erst ihren Dienst angetreten. Mit den Volunteers allerdings steht und fällt die gesamte olympische Logistik, zumal auch für die Paralympics in einigen Wochen noch einmal 6000 Freiwillige gebraucht werden.

Der Kontrast dazu sind die Villen, die sich die unterschiedlichen Nationen für die Dauer der Spiele angemietet haben. Das Deutsche Haus liegt in den Bergen im Birch Hill Golf Club, tagsüber eine Oase der Ruhe, abends Partyzone, wenn die deutschen Medaillen abgefeiert werden. Es gibt deutsches Graubrot, Weißbier, Journalisten machen Selfies mit den Goldgewinnern, der Ruf der Abende im Deutschen Haus hat auch andere erreicht. Die norwegischen Skispringer feierten ihre Teamgoldmedaille lieber bei den Deutschen, als allein im Hotelzimmer des olympischen Dorfs mit einer Dose Bier auf Gold anzustoßen.

Selfies mit Soohorang und Bandabi

Auch die Sportstätten selbst haben von den Athleten bislang viel Lob bekommen, "weit besser, als ich erwartet habe", sagt Hörmann. Wenn nur das mäßige Zuschauerinteresse nicht wäre. Die spektakulären Super-G-Rennen im Skigebiet sahen ein paar Hundert Gäste, wenn die Nordkoreaner nicht ihren Cheerleader-Block ab und zu in die Berge geschickt hätten, wäre der Anblick der Tribünen noch trauriger gewesen.

Traurig - so könnte man auch den eigentlichen Olympiapark in Gangneung an der Küste nennen. Das Gebiet verströmt den Charme eines Gewerbegebiets, die Sponsoren haben sich ihre fetten Repräsentanzen dort hingestellt, von Coca-Cola bis zu der chinesischen Ali-Baba-Gruppe. Die Besucher können Selfies mit den Maskottchen Soohorang und Bandabi machen, auf der Medal Plaza, auf der die eigentliche Siegerehrung stattfindet, herrscht atmosphärischer Totentanz. Wenn die Olympische Familie weitergezogen ist, liegen die Eishallen wie an der Küste angeschwemmte Wale in der Gegend herum, und die Medal Plaza wird wieder zum Großparkplatz.

Die Firma zieht um. Die Fabrik wird in zwei Jahren in Tokio wieder aufgebaut.



insgesamt 2 Beiträge
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mammamiaolympia 21.02.2018
1. Leider blutleer
Ich bin seit ich als Kind mein erstes Winter-Olympia gesehen habe brennender Fan der Winterolympiaden. Ich weiß nicht genau ob ich bloß blöde erwachsen werde oder warum das so ist, aber das olympische Feuer brennt diesmal leider bei mir nur auf kleiner Flamme. Die tolle Mischung aus Kultur, Sport, der Olympischen Geschichte, Völkerverständigung und dem Olympischen Gedanken zündet diesmal nicht. Es ist halt so...wo Coca Cola, MCDonalds und Co sich breit machen, geht der Zauber solcher menschlicher KulturLeistungen wie dem Olympischen Gedanken den Bach runter oder werden konterkariert. Olympia ist eben keine Fabrik.
alleswirdbesser 21.02.2018
2. über 1 Mio Tickets
angeblich sollen deutlich über 1 Mio Tickets verkauft worden sein. Wer in Europa würde sich nachts um 23:00 noch Schispringen vor Ort live ansehen. Wo ist eigentlich das Problem?
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