Eisschnelllauf-Nation Niederlande Golden wie Gouda

Die Läuferinnen und Läufer aus den Niederlanden beherrschen auch bei diesen Winterspielen das Eis fast nach Belieben. Keine andere Nation hat in dieser Sportart so perfekte Bedingungen zu bieten.

Niederländische Eisschnellläuferin Esmee Visser
AFP

Niederländische Eisschnellläuferin Esmee Visser

Aus Pyeongchang berichtet


Es gibt ganz unterschiedliche Erklärungen dafür, warum die Niederlande auch in Pyeongchang wieder ein Eisschnelllaufgold nach dem anderen abräumen. Für eine US-Fernsehjournalistin liegt es daran, dass der Schlittschuh in den niederländischen Städten, in Amsterdam, Den Haag und Rotterdam, ein wichtiges Verkehrsmittel sei, wie sie ihrem Sender erzählte. Möglicherweise ist ihr dabei eine Verwechslung mit dem Fahrrad unterlaufen. Die "Zeit" erinnerte an die heilige Lidwina, die im 14. Jahrhundert in den Niederlanden angebliche Blutwunder vollbrachte und als Patronin der Eisläufer gilt.

Möglicherweise liegt es allerdings auch an den idealen Trainingsbedingungen in Heerenveen, an den Hunderten von Top-Trainern im Lande, an den Tausenden von Kindern, die im Sommer Fußball spielen und im Winter aufs Eis gehen, an den Superstars von Sven Kramer über Jorit Bergsma bis Ireen Wüst, die immer wieder neue Nachahmer finden, weil die Fans auch so werden wollen wie ihre Vorbilder.

Das Ergebnis von all dem: Oranje hat bei den Winterspielen bislang sechs Goldmedaillen gewonnen, dazu kommen fünf Silber- und zwei Bronzemedaillen, also 13 Mal Edelmetall, elf davon kommen aus dem Eisschnelllauf, eines aus dem Shorttrack, was strenggenommen ja auch Eisschnelllauf ist.

Nur ein Niederländer kann Niederländer schlagen

Bisher haben die Niederlande nur in einem Wettkampf eine wirklich schmerzhafte Niederlage einstecken müssen, das war auf der 10.000-Meter-Strecke der Männer, den Niederländern fast so heilig wie das Blutwunder der Lidwina, als die Rennmaschine Kramer im Schlussdrittel überraschend einbrach. Gold ging stattdessen an den Kanadier Ted-Jan Bloemen, geboren in Leiderdorp, Provinz Südholland, seit 2014 für Kanada startend. Wenn einer die Niederländer besiegt, dann muss er schon selbst ein gebürtiger Niederländer sein.

Schon bei den Spielen von Sotschi 2014 konnte man sich vor "Oranje Boven"-Überschriften kaum retten. 24 Medaillen standen am Ende in der Bilanz des Flachlandes. Deutschland, die Biathlon-Rodel-Ski-Bob-Skisprung-Nation, hatte 19. Kurzstrecke, Mittelstrecke, Langstrecke - ganz egal, am Ende wurde immer die Hymne Het Wilhelmus gespielt. König Willem-Alexander kam als Tribünengast aus dem Jubeln gar nicht mehr heraus, den Soundtrack in der Eishalle lieferte die holländische Blaskapelle "Kleintje Pils". Das muss man nicht übersetzen.

Manchmal wird das Wort Doping gegrummelt

Damals waren von der Konkurrenz allerdings auch Stimmen zu vernehmen gewesen, die das schöne Feierbild etwas trübten. Norwegens Trainer Jarle Pedersen hatte gesagt, die Dominanz von Oranje sei "zumindest auffällig", überall werde gedopt, warum dann nicht auch im Eisschnelllauf. Belege konnte er aber nicht erbringen, bisher sind alle Niederländer über Jahre aus den Kontrolltests unbeschadet hervorgegangen.

Dass das Misstrauen dennoch nicht völlig aus der Welt ist, mag auch daran liegen, dass Top-Stars wie Kramer beim Team "Lotto NL Jumbo" trainieren, das Team, das früher Rabobank hieß, und prominente Dopingfälle im Radsport wie Erik Dekker, Michael Rasmussen, Rolf Sörensen und Michael Boogerd zu verzeichnen hatte.

In Pyeongchang ist es im Ice Oval bislang still um dieses Thema. Schließlich ist die Oranje-Herrschaft diesmal nicht ganz so erdrückend wie vor vier Jahren. Bei den Frauen haben auch die Japanerinnen, Koreanerinnen und Kanadierinnen aufgeholt, die Abstände sind geringer geworden. Das hat auch seinen Grund darin, dass fast überall in der Welt mittlerweile niederländische Trainer ihr Know-how weiterreichen.

Auch in Deutschland ist das so, wo Jan van Veen der Bundestrainer ist. In den Ergebnissen hat sich dies allerdings noch nicht gespiegelt wie bei anderen Nationen. Die deutschen Eisschnellläufer rennen den Bestzeiten bislang deutlich hinterher. Hoffnungen wie die von Claudia Pechstein sind in aller Deutlichkeit zerstoben. Von falschem Training ist die Rede. Mit Pauken und Trompeten. Auch in dieser Hinsicht liefert "Kleintje Pils" die passende Musik dazu.

Am Mittwoch treten Männer und Frauen zu den Teamwettbewerben an. Es ist eigentlich von vornherein klar, welche Farbe die Medaille der beiden niederländischen Teams haben wird. Sie wird so glänzen, wie der weltberühmte Käse aus Gouda. Goud heißt auf Niederländisch Gold.



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Seite 1
aliof 20.02.2018
1. Ganz nüchtern betrachtet ..
... könnte man auch einfach sagen, daß die NL das einzige Land de Welt ist, in dem man/frau allein mit schnell „schaatsen“ reich werden kann ...
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