Kanadische Eistanzsieger Virtue und Moir Goldene Sandkastenliebe

Tessa Virtue und Scott Moir sind seit 21 Jahren ein Tanzpaar auf dem Eis - und hatten die Karriere eigentlich schon beendet. Für die Olympischen Spiele haben sie sich noch einmal zusammengetan. Und wieder Gold gewonnen.

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Aus Pyeongchang berichtet


Wenn Mädchen acht Jahre alt sind, finden sie Jungs normalerweise richtig doof. Eltern wissen das. Tessa Virtue hat mit acht Jahren ihren Tanzpartner fürs Leben kennengelernt.

Eine Tante hatte das kleine Mädchen Tessa ausgesucht, weil sie für ihren zehnjährigen Neffen jemanden brauchte, mit dem er seine Eislaufschritte üben könnte. Der Neffe hieß Scott Moir, und bei seiner Tante muss er sich wohl jetzt noch einmal erkenntlich zeigen: 21 Jahre später haben Virtue und Moir den olympischen Eistanzwettbewerb von Pyeongchang gewonnen, es ist ihre dritte olympische Goldmedaille, und ohne die Tante wären sie möglicherweise nie zu den bekanntesten Gesichtern Kanadas geworden.

Es ist eine geradezu herzerwärmende Geschichte, diese nun 21 Jahre währende Beziehung auf dem Eis zwischen Tessa Virtue aus London, Ontario, und Scott Moir aus London, Ontario. Fast so produktiv wie Lennon/McCartney, nur dass die sich nicht auf ewig treu geblieben sind.

Schon in Vancouver begeisterten sie das Publikum

Virtue und Moir haben sich hochgetanzt von den Junioren zur Altersklasse, von den kanadischen Meisterschaften zu den Welttitelkämpfen, von London, Ontario, zu den Olympischen Spielen von Vancouver, Sotschi und Pyeongchang.

In Vancouver haben sie vor einem begeisterten Publikum Gold gewonnen vor ihren ewigen Rivalen Meryl Davis und Charlie White aus den USA, in Sotschi hatte dann das US-Paar die Nase vorn. Und mit der Silbermedaille wollten sich Moir und Virtue auch eigentlich von Olympischen Spielen verabschieden.

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Eistanz in Pyeongchang: Foxtrott, Tango, Walzer und ganz viel Gefühl

Zwei Jahre lang setzten die beiden aus, trainierten zwar ein bisschen weiter, aber nur so zum Spaß, und um auf der Eisrevue "Stars in Ice" ihren Ruhm zu versilbern. Als sie ihre Nachfolger an der Spitze der Eistanzwelt, die Franzosen Gabriella Papadakis und Guillaume Cizeron, groß werden sahen, hat sie noch einmal der Ehrgeiz gepackt für einen allerletzten olympischen Galaauftritt. Das französische Paar hat dieselbe Trainingsgruppe wie die Kanadier, man sieht sich täglich, man stachelt sich an. Ergebnis: Gold für die Kanadier, Silber für das französische Paar.

Eistanz ist noch sportlicher geworden

Das Eistanzen hat sich verändert, seit Virtue ein kleines Mädchen war. Es ist noch sportlicher geworden, die Hebefiguren, die Drehungen, all die Elemente, die an den Paarlauf der Eiskunstläufer erinnern, haben an Bedeutung gewonnen. Eine anmutige und vor allem auf den Tanz abzielende Jahrhundertkür, wie sie Christopher Dean und Jayne Torvill 1984 mit ihrem berühmten Bolero aufs Eis zelebrierten, würde heute möglicherweise anders bewertet. So zeitlos und ewig gültig sie auch ist.

Virtue und Moir bekommen beides hin, sozusagen den Spagat zwischen Grazie und Athletik. Ihre Kür nach der Musik von "Moulin Rouge" hatte mit 63,36 Punkten den höchsten technischen Wert, das war die Grundlage, den Vorsprung aus dem Kurzprogramm vor Papadakis und Cizeron zu verteidigen. Bronze ging nach einer fulminanten Kür an die US-Geschwister Maia und Alex Shibutani.

Als Bruder und Schwester haben die US-Läufer eines den Kanadiern voraus: Sie werden nicht andauernd gefragt, ob sie auch neben der Eisfläche ein Paar sind. Als Virtue und Moir im Kurzprogramm so viel Gefühl aufs Eis legten, dass es mit einer neuen Weltrekordwertung belohnt wurde, brummten Facebook und Twitter vor Mutmaßungen und Schwärmereien: Wer so viel gemeinsame Emotionen transportiere, könne ja nur auch im Privatleben zusammen sein.

Aufregung um fehlende "Sex-Anspielungen"

Virtue und Moir haben sich an dieses Thema gewöhnt. Die Eistänzer müssen seit jeher und spätestens seit Torvill/Dean damit leben, dass ihnen in der Öffentlichkeit auch die Themen Liebe und Erotik angeheftet werden. Was zuweilen von außen auch leichter ist, als die technischen Anforderungen im Eistanz zu beurteilen - schließlich gibt es hier keine Sprünge.

So war nach dem Kurzprogramm der mediale Aufreger, dass sich bei Papadakis der Verschluss ihres Kleides gelöst hatte und sie ungerührt davon weitertanzen musste. Und im Vorfeld der Kür hatte der "Express" damit aufgemacht, Moir und Virtue hätten "Sex-Anspielungen" aus ihrer Darbietung entfernt. Wobei das Paar nur auf ein Element verzichtet hatte, das aus ihrer Sicht nicht ästhetisch genug gewirkt hatte.

Auf die Frage, was es denn bedeute, schon 20 Jahre so eng als Paar auf dem Eis zusammen zu sein, antwortete Moir: "Das bedeutet für mich, dass wir seit 20 Jahren auf dem Eis zusammen sind."

Eine so unromantische Antwort hat dann doch das Zeug zum alten Ehepaar.



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