Wetter in Pyeongchang Mehr Winter als Spiele

Eisige Kälte und starker Wind beherrschen die Olympischen Spiele in Südkorea. Es gibt die ersten Verschiebungen im Terminplan, die Zuschauer meiden die Tribünen. Das Problem wäre aber zu umgehen gewesen.

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Aus Pyeongchang berichtet


Vor der Tür des Pressezelts hängt ein Schild: "Please close the Door. The Wind is so cold!" Eine ganz und gar überflüssige Mahnung an die Journalisten bei den Olympischen Winterspielen von Pyeongchang. Auf die Idee, die Tür freiwillig offen zu lassen, wäre ohnehin niemand gekommen. Die Kälte ist das große Thema der ersten olympischen Tage. Und jetzt greift der Winter auch aktiv in den Ablaufplan ein.

Die für den Sonntag geplante Abfahrt der Männer musste abgesagt und verschoben werden. Eisige Windböen, die mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde über den Weg fegten, machten ein reguläres Rennen im Jeongseon Alpine Centre unmöglich. Selbst die Gondel schaffte es den Berg nicht mehr hinauf. Am Donnerstag nun sollen Thomas Dreßen und der Rest des Felds einen neuen Anlauf machen. Von da an sind wärmere Temperaturen und vor allem weniger Wind vorhergesagt.

Die Böen hatten schon den Skisprungwettbewerb von der Normalschanze am Samstag massiv beeinflusst, der Slopestyle am Sonntag konnte erst mit Verzögerung gestartet werden. Die alpine Kombination soll zwar wie geplant am Dienstag über die Bühne gehen. Ob das aber tatsächlich passiert, ist noch völlig offen, da sich an der Wetterlage bis dahin wenig ändern wird.

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Wetter in Pyeongchang: Die Olympischen Windspiele

Publikum drängelt sich in den Wärmeräumen

Auch für die Atmosphäre bei den Spielen ist die Kälte bisher ein echter Stimmungstöter. Die Zuschauer drängeln sich in den Wärmeräumen, genannt Spectator Shelter, um einen heißen Kaffee oder eine Nudelsuppe zu erhaschen. Die Tribünen bleiben dagegen leer, weil die Fans es draußen nicht lange aushalten können. Das Thermometer fällt am Dienstag auf -18 Grad, so die Wettervorhersage, da macht den Koreanern das Gucken von Biathlon und Langlauf, ohnehin nicht ihre Nationalsportarten, nachvollziehbar wenig Freude.

Schon zur Eröffnungsfeier wurden von den Verantwortlichen Mützen und Decken verteilt, bei der unterkühlten Show am Freitag war es das einzige, das das Publikum ein wenig erwärmen konnte. Die Journalisten können sich in die Pressezelte fliehen, dort erzählen sich die erfahreneren Korrespondenten ihre Heldengeschichten von den Olympischen Spielen im norwegischen Lillehammer 1994, als es nachts mal fast minus 30 Grad gewesen sein soll. Die Kollegen, die damals noch nicht dabei waren, schämen sich dann ein wenig zuzugeben, dass sie frieren.

Medaillenspiegel 2018
Platz
Land
Gesamt
1
Norwegen
14
14
11
39
2
Deutschland
14
10
7
31
3
Kanada
11
8
10
29

Ein selbstgeschaffenes Problem

Das Argument, dass es bei Winterspielen nun einmal winterlich zugehen kann, hat eine gewisse Logik. Dennoch ist die mindestens unangenehme Wettersituation auch ein Problem, das sich die Organisatoren durch ihre Zeitplanung selbst geschaffen haben. Am Tag scheint die Sonne, dann ist auch der Wind einigermaßen erträglich. Aber es findet tagsüber fast kein Programm statt.

Die meisten attraktiven Wettbewerbe wurden in die Abendstunden verlegt, ein Zugeständnis an den europäischen Fernsehmarkt: In Deutschland ist es dann Mittagszeit. Sonst wären die Veranstaltungen in die europäische Nacht gefallen, die wenig quotenträchtig ist.

Dafür findet die eigentliche Abendsportart Eiskunstlauf am Tag statt, um den US-amerikanischen Markt zu bedienen. So sitzen die Zuschauer bei Sonnenschein in der Halle und müssen abends, wenn der Wind und die Dunkelheit regieren, nach draußen, um Biathlon, Rodeln und Skispringen zu sehen. Das macht keinen Spaß.

Die Athleten nehmen es bisher relativ gelassen hin, aber auch für sie ist der Start bei eisiger Witterung kein großes Vergnügen. Olympiasiegerin Laura Dahlmeier sprach nach ihrem Sprinterfolg von "schwierigen Bedingungen", der Wind sorgte dafür, dass außer ihr nur noch eine Biathletin fehlerfrei aus dem Schießstand kam. Die Biathlonsportler sind so etwas gewohnt. Dass sie vor im wahrsten Sinne leer gefegten Zuschauerrängen antreten, mindert das Olympiagefühl allerdings extrem. Sportler und Zuschauer hätten anderes verdient.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
skeptikerjörg 11.02.2018
1. So was kommt von sowas
Wenn für IOC und Gastgeber die Vermarktung an erster Stelle steht und der Sport sich unterordnen muss, dann ist logische Folge, dass man sich im Zeitplan nach den Zeitzonen richtet, in denen die Werbepartner ihr Geld machen. Und wenn man für horrende Summen die Fernsehrechte verkaufen will, muss man die Sendezeiten der Käufer priorisieren. Und in beiden Fällen sitzen die Geldesel eben meistens nicht in Ostasien. Dazu kommt, dass kaum noch ein Ort und/oder Land die aufgeblasenen und teueren Winterspiele ausrichten will.
mwroer 11.02.2018
2.
Zitat von skeptikerjörgWenn für IOC und Gastgeber die Vermarktung an erster Stelle steht und der Sport sich unterordnen muss, dann ist logische Folge, dass man sich im Zeitplan nach den Zeitzonen richtet, in denen die Werbepartner ihr Geld machen. Und wenn man für horrende Summen die Fernsehrechte verkaufen will, muss man die Sendezeiten der Käufer priorisieren. Und in beiden Fällen sitzen die Geldesel eben meistens nicht in Ostasien. Dazu kommt, dass kaum noch ein Ort und/oder Land die aufgeblasenen und teueren Winterspiele ausrichten will.
Also zum Teil stimme ich ja zu aber Sie vergessen, meiner Meinung nach, auch ein bisschen die Zuschauer im Rest der Welt. Man muss einen Mittelweg finden um auch Zuschauern am anderen der Welt die Möglichkeit zu geben den einen oder anderen Wettbewerb zu sehen. Dabei wird übrigens nicht soviel Rücksicht genommen wie Sie vielleicht denken. Den bei uns enorm populären Eisschnellauf konnten wir nur sehen weil zufällig Wochenende ist - die ganze nächste Woche fällt es quasi aus weil alle Wettbewerbe in der Arbeitszeit liegen. Da liegen übrigens die meisten Wettbewerbe aus europäischer Sicht: Zwischen 2 Uhr morgens und 15 Uhr Mittags in Europa - wie verträgt sich das mit Ihrer Theorie 'alles nach Geld'? So toll sind die Zeiten für Europa nun auch wieder nicht - außer am Wochenende - weil das die Kernarbeitszeit ist. Olympia soll möglichst viele Zuschauer erreichen. Natürlich. Natürlich spielen da auch wirtschaftliche Interessen eine gewisse Rolle. Wo nicht?
Bueckstueck 11.02.2018
3. sagt mal, Kinder...
Hat hier tatsächlich jemand geglaubt in Südkorea wärs im Winter schön mild? Ich war Anfang des Jahrhunderts oft dort, jeweils wechselnd in Hochsommer (unfassbar schwül und heiss) oder eben zu dieser Zeit im Winter, wo es damals schon jedesmal bitterkalt und windig war - ja, die koreanische Halbinsel ist eben umgeben von Meer. Da spielt es keine grosse Rolle ob man tief im Süden oder hoch um Norden verweilt. Also hört auf zu weinen und reisst euch zusammen oder reist ab.
Herr_Jeh 11.02.2018
4. Angebot und Nachfrage
Wenn den lokalen Zuschauern nur eine Statisten-Rolle zukommt, dann soll man sie halt entsprechend bezahlen. Und wenn man den Amis ihren Eiskunstlauf geben will, den Skandinaviern ihren Langlauf usw., dann kann man das ganze Konglomerat Olympia auch gleich zerschlagen und Einzelwettbewerbe ausrichten.
der_da1234 11.02.2018
5. Zeitversetzt schauen?
In Zeiten von Mediatheken sollte das jetzt nicht so das Problem sein. Hauptsache die Wettkampfbedingungen sind gut und die Zuschauer vor Ort haben Spaß! Ist das nicht so, steigert das auch nicht die Akzeptanz der Spiele in den Ausrichterländern. Sicher, Fernsehzuschauer sind wichtig aber wenn sich für die ohnehin sehr teuren Spiele niemand mehr findet der sie ausrichtet... ..zumal das ja eh nicht kostendeckend ist, mit oder ohne Fernsehen.
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