Olympische Eröffnungsfeier Das Herz friert, das Ohr fiept

Die Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele von Pyeongchang sollte die perfekte Show sein. Genau deshalb geriet sie zum sterilen Langweiler, der zudem unter penetranter Dröhnmusik begraben wurde.

Aus Pyeongchang und Seoul berichten , und


Vielleicht ist es auch von einer Veranstaltung bei strengen Minusgraden zu viel verlangt, dass sie Wärme ausstrahlt. Aber die Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele von Pyeongchang wäre auch bei höheren Außentemperaturen eine kalte gewesen. Zu wenig Herz, zu viel Drohnentechnik. Die Feierstunde im Olympiastadion verstand es nur in wenigen Momenten, Lust auf das große südkoreanische Sportfest zu machen.

Es war eine Veranstaltung der verpassten Gelegenheiten. Zum Einzug der Teilnehmerländer dröhnten wummernde Bässe durchs Stadion, die jegliche Stimmung im Keim abtöteten. Dabei bot gerade dieser Einzug von Pyeongchang genug Geschichten für größere Emotionen. Die russischen Athleten zum Beispiel, die nach der Dopinggeschichte ihres Landes unter neutraler Flagge aufzutreten hatten. Den freundlichen Beifall des Publikums für die Delegation konnte man angesichts Musikradaus nur ahnen.

Auch das deutsche Team mit Fahnenträger Eric Frenzel winkte freundlich bemüht in die Menge, gegen die Stadionregie kam die Freundlichkeit nicht an.

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Olympia in Südkorea: Die Bilder der Eröffnungsfeier

Selbst als die Koreaner als Gastgeber und damit als letzte Nation mit Sportlern aus Nord und Süd auf die olympische Stadionrunde einbogen, verschwand der Jubel der Zuschauer fast unter dem musikalischen Geräuschteppich. Als hätten die Veranstalter befürchtet, dass sich auch Pfiffe unter den Applaus mischen könnten und damit der von IOC und dem Ausrichter gewünschte Effekt Schaden nehmen könne, hier werde die Vision eines friedlichen und gemeinsamen Koreas vorweggenommen.

Auch in Seoul, etwa eineinhalb Stunden mit dem Hochgeschwindigkeitszug von Pyeongchang entfernt, war zur gleichen Zeit von Euphorie wenig zu spüren. Auf der Promenade von Gwanghwamun, wo sich 2002 bei der Fußballmeisterschaft Menschenmassen vor Monitoren drängten, ging es diesmal zu wie immer. Es sei zu kalt für Public Viewing, war die offizielle Erklärung - wobei die Temperaturen zum ersten Mal seit Langem wieder über dem Gefrierpunkt lagen.

Auch in den Bars der belebten Stadtviertel Itaewon und Hongdae war das Interesse an den Feierlichkeiten in Pyeongchang offenbar nicht groß. Nur wenige der zahlreichen Restaurants und Bars übertrugen das Spektakel. Ein Taxifahrer erklärte das Desinteresse damit, dass es sich ohnehin nur noch um die Teilnahme der Nordkoreaner drehe - und nicht mehr um die Spiele selbst. "Es fühlt sich so weit weg an, richtig surreal, dass es tatsächlich hier in Südkorea stattfindet", sagte eine junge Frau.

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Olympia-Outfits 2018: Pfadfinder-Hools mit Heizkissen

Im Stadion konnte man immerhin sehen, dass sich die Macher der Show auch ein paar hübsche Ideen ausgedacht hatten. Eiskunstläuferin Kim Yu Na, den Liebling der Massen, erst ein paar Kringel auf dem Eis drehen zu lassen, bevor sie das Olympische Feuer entzündete, gehörte dazu. Dass das Feuer sich daraufhin selbst wie in einem Fahrstuhl den Weg zur Flamme suchte, ebenso. Aber ansonsten wollten die Veranstalter einfach zu viel: Ein Kinderchor, ein bisschen Klassik, die Friedenstaube, John Lennons "Imagine" - alles, was man hätte erwarten können, fand auch statt. Es gab wenig, eigentlich nichts, was wirklich anrührend war. Stattdessen regierte sterile Perfektion.

Ein Eindruck, den auch IOC-Präsidenten Thomas Bach nicht zu korrigieren vermochte. Als er gemeinsam mit Lee Hee Beom, dem Organisations-Chef der Spiele, zu seiner Eröffnungsrede schritt, ging der oberste Olympionike geradezu symbolhaft ein paar Treppenstufen zu weit. Diesmal, mit den wartenden Athleten um sich herum, schritt Bach zurück und korrigierte lächelnd seinen Fehler. Wäre er doch auch in anderen Bereichen ein so umsichtiger Präsident.

"Wir sind alle berührt von dieser Geste"

Seine Rede war geprägt von pathetischen, staatstragenden Worten. Bach lobte die Kraft, die 2016 bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro vom Team Refugee Olympic Athletes ausgegangen sei. Die fehlende Wirkung dieser an sich lobenswerten IOC-Initiative erwähnte Bach nicht. In Pyeongchang gehört das gemeinsame koreanische Team zu den bevorzugten Themen des Präsidenten: "Wir sind alle berührt von dieser Geste", sagte Bach in seiner Rede.

Dabei verpasste er die Chance, ein wahres und ehrliches Symbol an die olympische Familie zu senden. In Zeiten des vom IOC so dilettantisch moderierten Dopingskandals in Russland, fehlender Nachhaltigkeit in den olympischen Standorten, frustrierter Athleten und immer größer werdenden Schwierigkeiten, die Bevölkerung für die Spiele - oder zumindest für eine Bewerbung zu den Spielen - zu begeistern, hätte Bach mit Worten der Einsicht viel bewegen können.

So blieb es dann aber doch beim üblichen Schulterklopfen. Das IOC glaubt, so scheint es in diesen Tagen von Pyeongchang, weiter alles richtig zu machen. Dabei braucht Olympia einen Neustart, mit Thomas Bach ist das jedoch nur schwer vorstellbar.

Das IOC spricht sehr viel von Nachhaltigkeit. Diese Feier wird nicht nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Jetzt müssen es die Wettbewerbe herausreißen.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Alter Falter 09.02.2018
1.
Genau 30 Sekunden hab ich das ertragen, dann entsetzt weggeschaltet. Mal ehrlich: Wer will sowas sehen? Das ganze Leben ist mittlerweile ein Computerspiel. Ein schlechtes dazu.
blueberryhh 09.02.2018
2. aber
mit einer ziemlich guten Grafik ....
spon-facebook-1641781955 09.02.2018
3. Zum Start der Olympischen Winterspiele mittags,
was für ein liebloser Kommentar. In ein paar Jahrzehnten können Fernseher vielleicht kuscheln, aber passt das zum multikulturellen Weltevent?
sabaro4711 09.02.2018
4.
Zitat von blueberryhhmit einer ziemlich guten Grafik ....
...wenn nur nicht der Schwierigkeitsgrad so elendig hoch wäre ^^ zumal ganz ohne Speicherpunkte für Neustarts ;)
uwe.roennfeldt 09.02.2018
5. Ganz schön anstrengend...
....immer alles niederzumachen. War so die Vorgabe? Manchmal. tut Ihr Spiegel-Mitarbeiter mir richtig Leid. Warum nicht mal die teilnehmenden Sportler fragen? Ist wohl zu einfach.
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