Rodler vor Südkorea Eiskanal ist ein deutsches Wort

Die deutschen Rodler gehören vor den Winterspielen zu den großen Goldfavoriten - wie eigentlich alle vier Jahre. Auf den Suche nach den Gründen für die Dominanz muss man in den Thüringer Wald fahren.

DPA

Eine Oberhof-Reportage von


Die Gemeinde Oberhof am Rennsteig im Thüringer Wald hat 1625 Einwohner, das sind 69 Einwohner pro Quadratkilometer. Diese Gemeinde ist für 43 Wintersport-Olympiasiege verantwortlich, umgerechnet macht das auf jeden 37. Einwohner eine Goldmedaille.

Biathlon und Skispringen werden hier gefördert, aber die Kernsportart dieses Ortes wird zwei Kilometer oberhalb der Ortschaft betrieben: Dort schlängelt sich die Bob- und Rodelbahn den Berg hinunter. Wer wissen will, warum Rodeln in Deutschland so erfolgreich ist und warum die deutschen Rodler auch bei diesen Olympischen Winterspielen wieder zu den ganz großen Favoriten zählen, der muss nach Oberhof kommen.

So wie es Hans Rinn alljährlich macht. Der Mann ist mittlerweile 64 Jahre alt, seine Zeit als aktiver Sportler ist fast 40 Jahre vorbei, aber wenn der Rodel-Weltcup nach Thüringen kommt, dann muss er dabei sein. Rinn war ein Sportheld in der DDR, 1976 bei den Olympischen Spielen in Innsbruck holte er Bronze im Einsitzer und Gold im Doppelsitzer mit seinem Partner Norbert Hahn, vier Jahre später wiederholte das Duo in Lake Placid den Erfolg. Wahrscheinlich war Rinn damals der beste Rodler der Welt.

"Diese Kombination aus Ausbildung und Material", das ist aus seiner Sicht das, was die Deutschen damals der Konkurrenz voraushatten - und was sich bis heute unter veränderten Bedingungen nicht geändert hat. "In der DDR wurde natürlich nichts dem Zufall überlassen", sagt Rinn. So kann man es sagen.

Jochen Pietzsch (vorn) und Jörg Hoffmann 1985
imago

Jochen Pietzsch (vorn) und Jörg Hoffmann 1985

Rodeln ist eine Sportart für Techniktüftler - das kommt den Deutschen schon einmal sehr entgegen. So lange basteln, bis das perfekte Material gefunden wird. Das war schon in der DDR so, und das ist heute noch so. Und wie Hans Rinn damals als Kind die Hügel des Thüringer Waldes heruntergebrettert ist, so kommt noch heute der hoffnungsvolle Nachwuchs von dort, wo man schon vor Jahrzehnten rodelte, dort, wo es seit den Siebzigerjahren wettbewerbsfähige Bahnen gab. Aus Oberhof und Umgebung, aus Altenberg oder im Westen vom Königsee. "Du brauchst einen Leitwolf als Aushängeschild des Ortes, dann ziehen die Kinder mit", sagt Jochen Pietzsch.

Auch er ist einer, der weiß, wie man Olympiagold holt. Mit seinem Kumpel Jörg Hoffmann errodelte sich Pietzsch die Medaille im Doppelsitzer bei den Spielen in Calgary 1988. "Und als ich nach Hause kam, fuhren da gerade zwei Zwerge den Berg herunter und riefen dabei: Wir machen jetzt Hoffmann/Pietzsch." Schon waren die nächsten Talente auf dem Weg.

Pietzsch betreibt heute in Oberhof eine Pension, arbeitet zudem als Sportlehrer. Insofern bekommt er hautnah mit, wie das Rodeln in der Region bis heute gehegt und gepflegt wird. Zum Weltcup Mitte Januar strömten 10.000 Besucher auf die Anlage, "und das bei einem Sauwetter, wo man normalerweise lieber daheim auf dem Sofa sitzt", sagt Rinn. Und obwohl man, wenn man ehrlich ist, so gut wie nichts sieht. Die Rodler zischen mit Tempo 120 durch die Kurven, wie Schatten ziehen sie an den Zuschauern vorbei. Wenn es nicht die Großleinwände mit dem Fernsehbild gäbe, wüsste man nicht, wer da gerade die Strecke heruntergekommen ist.

Aber das ist den Leuten egal, Rodeln in Oberhof ist mehr als Sport, es ist Teil der Identität des Ortes, man könnte es fast ein gesellschaftliches Ereignis nennen. Ministerpräsident Bodo Ramelow nimmt die Siegerehrungen vor, der Fraktionsvorsitzende der thüringischen AfD Björn Höcke schlendert durch die Menge und erfüllt Selfie-Wünsche.

Frauen-Podium könnte komplett deutsch besetzt sein

"Für mich als Kind damals gab es ja auch fast nichts anderes, es war ja auch sonst nichts los, mit dem man abgelenkt werden konnte", sagt Rinn: "Wir hatten Jugendwettbewerbe mit 120 Teilnehmern, das war irre." So viele findet man heute nicht mehr, auch die Schulen und Vereine müssen um den Rodelnachwuchs kämpfen, aber bislang haben sich noch immer genug Spitzenathleten gefunden. Beim Oberhofer Weltcup gehen alle Wettbewerbe an die Deutschen. Im Doppelsitzer fahren sich Sascha Benecken und Toni Eggert in die Rolle des olympischen Gold-Favoriten, Ramelow und Höcke und 10.000 jubeln bei der Zieldurchfahrt: Die beiden Sportler kommen, na klar, aus Oberhof.

Unter den ersten vier im Doppelsitzer sind bei diesem Weltcuprennen drei deutsche Paare, so könnte es auch in Pyeongchang ausgehen. Bei den Frauen würde sich niemand wundern, wenn Dajana Eitberger, Natalie Geisenberger und Tatjana Hüfner das Podium unter sich aufteilen, bei den Männern hat sich Felix Loch vorzeitig den Gesamtweltcup gesichert. Zum sechsten Mal. Sein Vater ist der Rodel-Bundestrainer. Sein ganzes Leben lang ist Loch nur gerodelt, drei Mal hat er bei Olympischen Spielen schon ganz oben gestanden.

Und doch warnt Rinn davor, die Spiele in Südkorea als Selbstläufer zu betrachten. Die Bahn sei "anspruchsvoll", zudem den Rodlern aus Europa noch nicht so vertraut, auch Pietzsch rechnet damit, "dass es Überraschungen geben kann". Überraschungen - das ist kein Wort, das man im deutschen Rodelteam gerne hört. Wo man lieber von Erwartungen spricht, die man erfüllen will.

Wenn in Fernost die deutschen Rodler um Medaillen kämpfen, hat Rinn daheim in Ilmenau ein Public Viewing organisiert. Public Viewing für den Nischensport Rennrodeln - das gibt es wohl auch nur im Thüringer Wald.

Rinn hat heute eine kleine Firma, die aber weltweit Aufträge erfüllt. Sie baut Wasserrutschen und Rodelbahnen. Die Firma heißt "Rinnrutschen". Rodeln - ein Leben lang, Rinn ist einfach so hineingeschliddert.

SPIEGEL ONLINE (Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL))



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dashaeseken 08.02.2018
1. Man hätte noch mehr Wintersportler aus Thüringen nennen können
Stefan Krause/Jan Behrend als mehrfache Olympiasieger und Weltmeister, Jens Müller als Weltmeister, Europameister und Olympiasieger...ganz zu schweigen von den Rennrodlerinnen..Ute Weiss, Susi Erdmann, Gabriele Kohlisch, Jana Bode...und in letzter Zeit Tatjana Hüfner und Natalie Geisenberger..seit 1998/99 pausenlos in Folge ist der Gesamtweltcup fest in deutschert Frauenhand..und das ist gut so. ;.)
runningstar 08.02.2018
2. was ich an rodeln, bob fahren usw.
so bemerkenswert finde, ist, dass der Vorsprung teilweise tausendstel Sekunden beträgt. Passiert beim Bob fahren oder Rodeln recht regelmäßig. Das an sich ist noch nichts bemerkenswertes. Bemerkenswert ist aber, dass immer die gleichen diese tausendstel Sekunden vorne sind. Tausendstel Sekunde ist nichts. Als Mensch hat man quasi so erst mal überhaupt keine Möglichkeit eine tausendstel Sekunde zu registrieren, so wenig ist das. Mir ist das total schleierhaft, wie das funktioniert, dass man auf diese Weise in schöner Regelmäßigkeit gewinnen kann.
Waldemar Peschel 09.02.2018
3. Rodeln, Bob...
...ist so ziemlich das Letzte was man spannenden Sport nennen kann. Zeitabstände im Tausendstelbereich - Unterschiede für den Laien mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Sinnlos für Live-Zuschauer, denn die in Pelle gehüllten Schlittenfahrer sind schneller vorbei als man die Hand zum Gruß heben kann und dann die Sportanlage. Ein Sport, bei dem die Diskrepanz zum Bau und Unterhalt der Anlage zum ausüben des Sportes nicht größer sein kann. Sinnlos wird Beton an irgendeinen Haufen gepappt, für teuer Geld mit Eis versehen, nur damit nur ganz Wenige dort runterrutschen. Logisch dass in diesem Land einige Wenige geil aufs Rodeln sind - so viele Bahnen hat kein anderes Land. Warum fahren die Leute nicht eine Skipiste runter? Selber Effekt aber man sieht mehr.
derlabbecker 09.02.2018
4. im Artikel ist ein Fehler....
die Plätze 1 - 3 für Deutschland beim Doppelsitzer sind nicht möglich, da nur Eckert/Benecken und Wendl/Arlt einen Startplatz haben. Es gibt nur 2 Doppelsitzer bei Olympia....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.