Agenda des IOC-Präsidenten Thomas Bach Die Jagd nach dem Friedensnobelpreis

Thomas Bach ist der höchste Sportfunktionär der Welt, doch das scheint dem Deutschen nicht mehr zu reichen. Die Spiele in Südkorea nutzt Bach, um einem größeren Ziel näherzukommen.

Südkoreas Präsident Moon Jae In, IOC-Chef Bach, Nordkoreaner Kim Yong Nam und Kim Yo Jong
AP

Südkoreas Präsident Moon Jae In, IOC-Chef Bach, Nordkoreaner Kim Yong Nam und Kim Yo Jong

Aus Pyeongchang berichtet


Tue Gutes und rede darüber. Jeden Tag. Immer wieder. Wie PR gemacht wird aus der Sicht des sonst so verschwiegenen Internationalen Olympischen Komitees (IOC), war am Sonntag in der Lobby des Intercontinental-Resorts von Alpensia gut zu beobachten.

Zunächst saß da Angela Ruggiero, ehemalige Eishockeyspielerin aus den USA und inzwischen IOC-Athletensprecherin, in einem braunen Sofa links vom Kamin und erzählte einem Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters, sie fände es toll, wenn das gemeinsame koreanische Eishockeyteam für den Friedensnobelpreis nominiert würde.

Eine Szene, die das nächste große Projekt der IOC-Führung zusammenfasst - die Jagd nach dem Friedensnobelpreis.

Ruggiero, 38 Jahre alt, ist dem deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach schon so manches Mal zur Seite gesprungen. Etwa im August 2017, als sie die Wada-Aktivensprecherin Beckie Scott (Kanada), eine Kritikerin der inkonsequenten IOC-Politik in Sachen russisches Staatsdoping, öffentlich als Abweichlerin brandmarkte.

So wie das damals kein Zufall war, dürfte auch ihre Bemerkung über den Friedensnobelpreis Teil einer IOC-typischen Inszenierung gewesen sein.

IOC-Präsident Bach in Pyeongchang
REUTERS

IOC-Präsident Bach in Pyeongchang

Tags zuvor hatte Präsident Bach nach der 0:8-Niederlage gegen die Schweiz zu den enttäuschten Koreanerinnen aus Nord und Süd gesprochen. Im Beisein der Schwester des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un sagte der ranghöchste Sportfunktionär des Planeten, die Spielerinnen sollten den Kopf nicht hängen lassen. Ihr Auftritt in der Eishalle von Gangneung folge "einer höheren Sache".

Kein IOC-Präsident zuvor hat derart deutlich die Politik über den Sport gestellt. Vor vier Jahren, als Olympiagastgeber Wladimir Putin während der Wettkämpfe in Sotschi die Annexion der Krim vorbereitete, war Bach verräterisch still geblieben. Statt mutige Worte zu wählen, feierte er gemeinsam mit Putin und lobte dessen gigantisch teure Spiele. Friedensstiftende Taten aus jenen Tagen sind nicht überliefert. In Korea aber verkauft sich Bach als Friedensengel, seit Monaten geht das so. Der Präsident und sein Verband leiden in demokratischen Nationen unter einem massiven Ansehensverlust. Dopingskandale und zahlreiche Kriminalfälle bestimmen seit Jahren weltweit die Schlagzeilen.

Zurück in die Lobby des Intercontinental: Angela Ruggiero und der Reporter waren kaum gegangen, da eilte beschwingten Schrittes ein dunkelhaariger Mann herbei, nahm Platz am Nebentisch, umarmte seine Partnerin - und ließ sich bereitwillig von deutschen Agenturreportern befragen und fotografieren. Auftritt Gerhard Schröder mit seiner koreanischen Liebe Kim So Yeon.

Gerhard Schröder und seine Lebensgefährtin Kim So Yeon in Pyeongchang
DPA

Gerhard Schröder und seine Lebensgefährtin Kim So Yeon in Pyeongchang

Der Altkanzler, hochbezahlter Gazprom-Lobbyist, trifft hier in Pyeongchang auf viele Freunde: Thomas Bach und den Milliardär Alischer Usmanow, der nebenbei als Präsident des Fecht-Weltverbandes FIE zu den verdienten Mitgliedern der olympischen Familie gehört. Er zählt wie Schröder zu den Gazprom-Leuten, nah an Wladimir Putin. Der neue Koreaexperte Schröder gab also seine Sicht auf die Dinge zum Besten. Tags zuvor hatte ihn Bach bereits beim ersten Auftritt des gemeinsamen Eishockeyteams mit auf die Tribüne genommen. Auch beim Präsidentendinner am Vorabend der Eröffnungsfeier war Schröder zugegen.

Bach und seine Entourage beliefern alle die es hören wollen mit ihrer PR in eigener Sache, ein Interview jagt das nächste. Am Montagmorgen legte Reuters, unter Berufung auf eine "exklusive" Quelle aus dem IOC nach: Thomas Bach werde nach den Winterspielen ins nordkoreanische Pjöngjang reisen. So sieht sich Bach am liebsten: immer auf großer Mission, als Bewahrer olympischer Ideale und des Weltfriedens.

Beim IOC sind sie angehalten, Bachs Begegnungen mit Staats- und Regierungschefs genau zu notieren. In unregelmäßigen Abständen erstattet das Komitee der Öffentlichkeit darüber Bericht. Weit über 100 Staatsoberhäupter und Ministerpräsidenten hat Bach demnach bereits getroffen, viele mehrfach, viele hat er geschmückt mit Olympischen Orden. Mit Spezialdemokraten wie Putin oder Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping versteht er sich besonders gut. Einige Führer der westlichen Welt aber, wie einst Barack Obama oder Angela Merkel, möchten mit dem IOC-Präsidenten eher weniger zu tun haben.

Der Bundeskanzlerin, so hört man aus Berliner Kreisen, habe es schon gereicht, nach der Fußball-WM 2006 in einem Hinterzimmer dem damaligen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter das Bundesverdienstkreuz verliehen zu haben. Da solle ihr niemand mit diesem ähnlich schlecht beleumundeten IOC kommen. Obama war im Herbst 2015, als sich die olympische Sportwelt in Washington versammelte, nicht bereit, zur Gala herüberzukommen, er schickte seinen Vizepräsidenten. Derlei Missachtungen wurmen Bach gewaltig. In Korea aber, im Süden wie im Norden, kann er sich austoben als Friedensengel.

Führende Sportfunktionäre buhlen seit Jahrzehnten um den Friedensnobelpreis. Der korrupte, inzwischen verstorbene Fifa-Präsident João Havelange wollte ihn, sein Nachfolger Blatter sowieso. Bachs IOC-Ziehvater, der langjährige Präsident Juan Antonio Samaranch, hatte 1993 sogar eine Werbeagentur damit beauftragt, das Nobelpreiskomitee zu beeinflussen und den Preis zu akquirieren. Nachdem der norwegische Journalist Frank Brandsås diese Geschichte enthüllte, kurz vor den Winterspielen 1994 in Lillehammer, wurden Samaranch und das IOC zur Lachnummer.

Medaillenspiegel 2018
Platz
Land
Gesamt
1
Norwegen
11
9
8
28
2
Deutschland
10
6
4
20
3
Kanada
6
5
6
17

Als 1988 erstmals Olympische Spiele in Südkorea stattfanden, die Sommerspiele in Seoul, boykottierte der Norden und fand in Kuba, Nicaragua, Albanien, Äthiopien, Madagaskar und den Seychellen Unterstützung. "Die Verhandlungen, die das IOC damals führen musste, waren viel komplizierter als heute", sagt einer, der dabei war: Richard Pound, IOC-Mitglied aus Kanada, damals mächtiger Marketingchef des IOC. Dagegen sei es für Bach einfach.

Samaranch musste damals, mitten im Kalten Krieg, ein diplomatisches Meisterstück abliefern. Es ging darum, einen weiteren Großboykott zu verhindern, nachdem 1980 in Moskau viele Länder des Westens und 1984 in Los Angeles fast der komplette Ostblock boykottiert hatten. Samaranch schaffte das. Seitdem hat es immer wieder Annäherungen der beiden Staaten auf der Bühne des Weltsports gegeben, bei Weltmeisterschaften von Fußball-Junioren, bei der Tischtennis-WM und bei den Eröffnungsfeiern von drei Olympischen Spielen (Sydney 2000, Athen 2004 und Turin 2006) sowie mehreren Asienspielen, als die Koreaner gemeinsam einliefen.

Nie zuvor aber waren derlei Ereignisse politisch so überfrachtet wie diesmal. Und dies folgt einer olympischen Agenda.



insgesamt 51 Beiträge
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derhey 12.02.2018
1. Blos nicht
mich würde es aber nicht wundern. Wäre der Sepp dann nicht auch noch ein Kandidat?
rohfleischesser 12.02.2018
2. SPON extrem zynisch
Auch wenn die Kim-Dynastie schlicht diktatorisch herrscht, gibt es doch für Korea langfristig nur drei Optionen: A) einen militärischen Konflikt, und den kann keiner ernsthaft wollen, da Nordkorea mittlerweile Defacto-Atommacht ist. B) eine Rebellion oder Revolution in Nordkorea, sehr unwahrscheinlich oder C) eine friedliche Annäherung. Wenn ich mir die Berichterstattung zur Winterolympiade in Südkorea anschaue, beschleicht mich tatsächlich das Gefühl, dass eine friedliche Lösung für einige der Schreiberlinge hier keine Option ist und sämtliche Versuche in die Richtung mit Zynismus und übler Polemik beantwortet werden. Geschichtsvergessenheit pur.
newline 12.02.2018
3. Wenn das Nobel-Komitee
dem IOC den Friedensnobelpreis zuerkennt, dann kann es gleich die Selbstauflösung verkünden.
saskiasophie 12.02.2018
4. falscher Preis
Friedensnobelpreis ist Blödsinn. Aber der Wirtschaftsnobelpreis wäre höchst verdient. Wie man mit ein paar hundert Sportlern, die man mit ein paar Euro abspeist, Milliarden sich in die Tasche steckt, das ist schon "bewundernswert".
experte1305 12.02.2018
5. Wenn der Nobelpreis
nach der Vielzahl der negativ behafteten Adjektive seines Charakters geht, dann hat er ihn verdient
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