Kritik an Olympischen Winterspielen Kein Fest der Völker

92 Länder werden bei den Spielen von Pyeongchang vertreten sein - so viele wie nie zuvor. Ein Erfolg? Wohl kaum. Wenige Nationen dominieren, vor allem in Sportarten wie Eisschnelllauf und Rodeln.

Der einzige Athlet aus Ecuador ist Klaus Jungbluth Rodriguez
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Der einzige Athlet aus Ecuador ist Klaus Jungbluth Rodriguez

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Das Internationale Olympische Komitee (IOC) jubelt die Olympischen Winterspiele zu einem globalen Ereignis hoch. In Pyeongchang freuen sich die Veranstalter über eine Rekordanzahl von 92 teilnehmenden Ländern, darunter sechs Nationen, die zum ersten Mal an Winterspielen teilnehmen, wie es euphorisch auf der Internetseite des Organisationskomitees heißt.

Das klingt nach einem Erfolg? Es ist keiner.

Die Mehrzahl (55 Prozent) aller weltweit anerkannten 206 Nationalen Olympischen Komitees bleibt zu Hause. Bei den neu hinzukommenden Ländern handelt es sich um Ecuador, Eritrea, Kosovo, Malaysia, Nigeria und Singapur. Ecuador wird dabei beispielsweise von einem einzigen Athleten, Klaus Jungbluth Rodriguez, vertreten, der bereits 38 Jahre alt ist und die Liebe zum Langlauf beim Auslandsstudium in Norwegen entdeckt hat.

Was das IOC gerne betont, ist ein neuer Rekord teilnehmender Länder. Dabei stört es nicht, dass viele Länder wie Ecuador sportlich nicht ernst zu nehmende Minidelegationen entsenden. 18 Staaten sind mit nur einem einzigen Athleten am Start: Aserbaidschan, Bermuda, Ecuador, Eritrea, Ghana, Hongkong, Kenia, Kosovo, Luxemburg, Madagaskar, Malta, Puerto Rico, San Marino, Singapur, Südafrika, Timor, Tonga und Zypern.

13 Länder kommen mit nur je zwei Wintersportlern nach Pyeongchang: Albanien, Bolivien, Indien, Kirgisien, Malaysia, Marokko, Moldawien, Mongolei, Pakistan, Philippinen, Portugal, Togo und Usbekistan. Die genannten 31 Länder mit einem oder zwei Athleten entsenden damit zusammengenommen eine Gruppe von 44 Sportlern, weniger als ein Drittel der deutschen Delegation, die mit 156 Athleten an den Start geht. Insgesamt sind für die Spiele in Südkorea 2952 Athleten gemeldet.

Die Rekordanzahl teilnehmender Länder lenkt nicht nur von der Tatsache ab, dass jedes dritte Land mit nur einem oder zwei Athleten nach Südkorea reist. In vielen Teilnehmerstaaten gibt es kaum eine Wintersportinfrastruktur. Viele Entwicklungsländer werden von Athleten vertreten, die im Ausland aufgewachsen sind und es dort nicht in die Nationalmannschaft geschafft haben. Ein Beispiel ist Bolivien, dessen Rückkehr auf die olympische Wintersportbühne vom IOC bejubelt wird, nachdem das südamerikanische Land seit 1992 abwesend war. Beide bolivianischen Teilnehmer sind keine gebürtigen Bolivianer: der Skifahrer Simon Breitfuss Kammerlander wurde in Tirol geboren, der Langläufer Timo Juhani Grönlund stammt aus Finnland.

Einen besseren Eindruck zur weltweiten Verbreitung des Wintersports bekommt man, wenn man betrachtet, wie viele Länder in der Lage sind, Olympische Winterspiele auszurichten. Südkorea wird das zwölfte Land sein, das die seit 1924 stattfindenden Winterspiele ausrichtet; China ist in vier Jahren dann Nummer 13. Dies bedeutet, dass 94 Prozent aller 206 anerkannten National Olympischen Komitees (NOK) noch nie die Olympischen Winterspiele ausgerichtet haben.

Kein afrikanisches Land gewann bisher eine olympische Wintermedaille

Nun mag nicht jedes Land bereit sein, in die kostspielige Ausrichterrolle zu schlüpfen, aber trotzdem eine Wintersportkultur im Land haben. Hier lohnt der Blick auf die Medaillenspiegel früherer Winterspiele. In deren gesamter Geschichte haben gerade einmal 45 Länder eine Medaille gewonnen, etwa jedes Fünfte (22 Prozent) aller anerkannten Nationalen Olympischen Komitees. Kein afrikanisches Land konnte sich jemals mit einer olympischen Wintermedaille dekorieren.

Bei den Winterspielen in Sotschi 2014 gewannen 26 Länder eine Medaille, ungefähr 30 Prozent aller teilnehmenden Nationen. Es gibt dabei eine enorme geografische Konzentration: 19 Länder (73,1 Prozent) waren aus Europa (Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kroatien, Lettland, die Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Russland, Slowakei, Slowenien, Schweden, die Schweiz, Tschechien, Ukraine und Weißrussland); vier Medaillen gewinnende Länder stammten aus Asien (China, Japan, Kasachstan, Südkorea); hinzu kommen noch zwei nordamerikanische Länder, die USA und Kanada, sowie Australien.

Viele Wettbewerbe werden von nur wenigen Ländern dominiert. Ein Beispiel ist der Eisschnelllauf: Niederländische Athleten gewannen in Sotschi acht von zwölf Goldmedaillen und 23 von insgesamt 32 Medaillen. Beim Shorttrack haben China (neun) und Südkorea (21) fast zwei Drittel der 48 Goldmedaillen gewonnen, seit der Sport 1992 ins olympische Wintersportprogramm aufgenommen wurde.

Deutschland dominiert das Rennrodeln, das seit 1964 olympisch ist. Mehr als die Hälfte aller Medaillen gingen seither an deutsche Teams. Kein Wunder, dass die Internetseite des Internationalen Rennrodelverbandes neben Englisch nur noch auf Deutsch verfügbar ist. Der Internationale Rennrodelverband listet dort 52 Mitgliedsverbände, darunter Ministaaten wie Andorra. An der letzten Weltmeisterschaft haben nur 27 Länder teilgenommen.

Rennrodeln ist selbst in seiner Hochburg kein Massensport: Der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) hat nach eigenen Angaben gerade einmal 6500 Mitglieder in rund 100 Klubs. Das Beispiel Rennrodeln zeigt: Nicht nur weltweit ist Wintersport kaum verbreitet, selbst in seinen Hochburgen fristet er nur ein Nischendasein.



insgesamt 22 Beiträge
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axelmueller1976 09.02.2018
1. Werde mir keine Asthma-Spiele ansehen
Wie die Kronenzeitung berichtet hat Norwegen 6000 Packungen Asthma Medikamente einfliegen lassen weil viele Sportler Asthma haben.Bei uns wird immer über Feinstaubelastung gesprochen und ich glaubte immer in Norwegen ist die Luft so rein.
shmubu 09.02.2018
2. Nichtssagender Artikel
Was ist denn nun die Quintessenz? Dass in Afrika keine Winterolympiade ausgetragen wird? Natürlich konzentrieren sich sowohl die Austragungen, als auch die Erfolge auf die Länder in denen regelmässig SCHNEE liegt. Da haben es die Fidjis nunmal schwer. Und Ihre Behauptung, Wintersport friste "selbst in seinen Hochburgen nur ein Nischendasein"? Klar, deswegen gibt es in den Faschingsferien nie Stau vor den Skigebieten, deswegen gibt es in den Alpen kaum Skilifte, deswegen lässt sich mit Outdoorbekleidung ja auch kaum Geld verdienen...
feuerfloh 09.02.2018
3. Was soll denn dieser Kommentar bewirken?
Gerade viele Wintersportarten sind entweder sehr von den klimatischen und geografischen Bedingungen abhängig, oder sehr materialintensiv - oder beides. Rodeln im Tschad? Riesenslamom auf Sri Lanka? Biathlon auf den Seychellen? Was soll das? Der Bob aus Jamaica war ein netter Gang im Film - der aber nur deshalb so gut funktioniert hat, weil man Jamaica halt nie und nimmer mit Wintersport verbindet. Freuen wir uns über den Starter aus Ecuador, weil das dem olympischen Gedanken noch nahe kommt - im Gegensatz zum rein kommerziellen Character der letzten Spiele - sommers wie winters.
studibaas 09.02.2018
4. Oh mein Gott...
Beinahe ein kompletter Kontinent konnte noch nie in einer Wintersportart domnieren. Heul Heul. Beinah ein kompletter Kontinent hat auch noch nie Schnee gesehen. Genauso gut könnte man sich darüber aufregen das China beim Tischtennis immer so dominiert, was an der massive Förderung liegt. (Bei denen sind TopStars sowas wie bei uns Top Fussball Stars). Oder dass fast alle Spitzensprinter Schwarze sind. Buhuuu. Dabei sein ist alles, dachte ich... .
baumanagement 09.02.2018
5. Dümmlich
Sinnloser Artikel. Haupsache 'was geschrieben. Leider gibt es keinen Journalismus mehr, sondern nurnoch Geschwätz in den Medien.
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