Koreanisches Eishockey-Damenteam "Das hier ist größer als Sport"

0:8, 0:8 - sportlich hat die Frauen-Eishockeymannschaft Koreas keine Chance. Doch das vereint spielende Team von Nord und Süd ist eines der Highlights der Spiele - und ein Kuriosum.

Getty Images

Aus Pyeongchang berichtet Thilo Neumann


Gegentor Nummer acht ist dann doch zu viel. Als die Schwedin Rebecca Stenberg am späten Montagabend den Puck an der überforderten Torfrau Koreas zum Endstand von 0:8 einschiebt, verstummen die Zuschauer in der Kwangdong Hockey Arena für einige Augenblicke und senken ihre Fähnchen. Trotzig hatten sie die gemeinsame Mannschaft aus Nord und Süd in den Minuten zuvor nach vorne getrieben. Doch nun scheint auch ihr Wille gebrochen.

Einzig der Hallen-DJ verrichtet weiter unbeirrt seinen Dienst. Wie schon bei den sieben anderen Gegentoren spielt er auch für den Schlusspunkt der Partie die altbekannte Musik ein. Es ist "Düp Düp" von Mickie Krause, Ballermann statt K-Pop: "Alles roger in Kambodscha, alles wunderbar!" Wirklich aufmuntern können Krauses Worte die Geschlagenen nicht, unabhängig von der Sprachbarriere: Die koreanischen Spielerinnen schauen noch kurz dem Puck im Tor nach, senken dann den Blick, fahren langsam zurück zur Auswechselbank.

"Meine Spielerinnen waren bereit", sagt Sarah Murray dennoch mit fester Stimme nach Spielende, "heute sind wir zufriedener als nach dem letzten Spiel." Das hatte ihre Mannschaft ebenfalls 0:8 verloren, am Samstag gegen die Schweiz. Murray, eine Kanadierin, trainiert die 23 Süd- und zwölf Nordkoreanerinnen, das Team Korea. Sie muss ein sportliches Himmelfahrtskommando leiten.

Wenige Wochen vor Beginn der Winterspiele in Pyeongchang hatte sie erfahren, dass ihre südkoreanische Mannschaft um ein Dutzend Sportlerinnen aus dem Bruderstaat aufgestockt werden würde. Eine Entscheidung, die ihren Schützlingen aus dem Süden "Schaden zufüge", sagte Murray daraufhin Mitte Januar. Dabei ging es bei dem Projekt "Team Korea" um mehr als Sport.

Thomas Bach, Seite an Seite mit Süd- und Nordkorea

Ein Symbol des Friedens soll die Mannschaft sein, ein Zeichen der Hoffnung auf eine bessere, eine gemeinsame Zukunft auf der koreanischen Halbinsel. Staatspräsident Moon Jae In saß beim Auftaktspiel in der Eishalle, zusammen mit Kim Yo Jong, der Schwester von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un. Zwischen ihnen: Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und Friedensbote auf höherer Mission.

Nicht von ungefähr kam am Wochenende aus den eigenen Reihen ein vornehmer Vorschlag: Team Korea, dieses Vereinigungsprojekt auf Kufen, habe den Friedensnobelpreis verdient, meinte IOC-Mitglied Angela Ruggiero. "In Anerkennung der Opfer, die sie dafür gebracht haben", sagte sie und meinte damit wohl auch die weitere Schwächung einer ohnehin nur bedingt konkurrenzfähigen Mannschaft.

Tatsächlich scheint bei den Spielen des Teams der Sport nachrangig zu sein: Die Zuschauer schwenken die "Einheitsflagge", die blaue koreanische Halbinsel auf weißem Grund, und bestaunen lächelnd die Choreografien der Gäste aus dem Norden. Kim Jong Un hat Hunderte junge Damen geschickt, einheitlich gekleidet, blass geschminkt, alle tragen zartrosa Lippenstift. Sie sitzen in Reih und Glied auf den Plastikschalen, singen, klatschen, winken im Takt, angeleitet von einer stets angestrengt lächelnden Vorsängerin.

Fotostrecke

8  Bilder
Koreanisches Eishockey-Damenteam: Ergebnisse sind zweitrangig

Viele Zuschauer widmen den Cheerleadern aus Pjöngjang am Montagabend mehr Aufmerksamkeit als dem Treiben auf dem Eis. Auf den Treppen neben den nordkoreanischen Blöcken bildet sich Rückstau, Journalisten und Schaulustige wollen die synchronen Einlagen der Damen auf Video festhalten: zwei Welten, zur Schau gestellt wie im Zoo.

In der ersten Drittelpause werden die Zuschauer Zeugen eines Heiratsantrags. Der Mann kniet vor seiner Erwählten, sie bejaht, die Halle johlt vor Begeisterung. Einzig die uniformierten Nordkoreanerinnen schauen irritiert hoch auf den Videowürfel unter der Hallendecke, zwei von ihnen klatschen, der Rest schweigt regungslos. Hätten Sie Smartphones oder Spiegelreflexkameras dabei, sie würden sie nun wahrscheinlich zücken.

"Wir lachen jeden Tag gemeinsam"

Eine wirkliche Annäherung kann in diesen Tagen vielleicht nur im Kleinen gelingen. "Wir lachen jeden Tag gemeinsam und umarmen uns", sagt Spielerin Park Yoon Jung nach Spielende. Park ist Südkoreanerin, wurde als Kleinkind von einer amerikanischen Familie adoptiert, spricht ihre Muttersprache nicht fließend, kommuniziert mit Teamkolleginnen oft nur in Zeichensprache. Sie sagt: "Das hier ist größer als Sport."

Die Spielerinnen trainieren zusammen, essen zusammen, tanzen zusammen. "Die Mädchen haben den Nordkoreanerinnen heute vor dem Spiel ein paar K-Pop-Tanzschritte gezeigt", sagt Trainerin Murray und schmunzelt. Nur das Schlafen und das Busfahren erfolge getrennt voneinander. Warum man nicht gemeinsam zum Spiel fahren könne? "Ich glaube, das war eine Anordnung der Regierung", sagt Murray.

Am Mittwoch wird Murrays Team seine wohl letzte Partie bei Olympia bestreiten, gegen Erzfeind Japan. Da möchte Team Korea dann doch noch ein Erfolgserlebnis feiern, auch auf dem Eis. Die Chancen stehen nicht gut. "Uns war klar, dass Olympia für uns schwer werden würde", sagt Murray, "unabhängig von der aktuellen Situation." Es droht eine erneute Abfuhr. Da hilft dann auch kein Mickie Krause mehr.

insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon-facebook-10000523851 12.02.2018
1. Und damit alle
wieder heim kommen, sitzen alle Angehoerigen in "Beobachtungshaft" Da hat Kimmie Kugelblitz sicher klare Anweisungen bei allen Reisenden hinterlassen.
fleischzerleger 13.02.2018
2.
Südkorea muß wohl damit eigene politische Ziele verfolgen, um auf solch offensichtliches Propagandaangebot Nordkoreas einzugehen. Und ich hätte gern eines dieser obskuren Nachrichtenvideos aus dem Norden gesehen - irgendwie müssen sie doch der eingesperrten Bevölkerung die beiden spielerischen Klatschen als große Wohltat für den Geliebten Größten Führer des Universums diesseits und jenseits der bekannten Materie erklären.
Crom 13.02.2018
3.
Beide Teams, Nord- wie Südkorea, haben bei der letzten WM bei den Damen noch in der gleichen Liga gespielt (ziemlich weit von der Weltspitze). Daher werden die zusätzlichen Nordkoreanerinnen keine Schwächung des Teams bedeuten. Die wären so oder so krasser Außenseiter gewesen. So rückt das in den Hintergrund und man hat eine andere Vision.
fisschfreund 13.02.2018
4.
Und in drei Wochen ist alles genauso wie vorher, wetten?
sven2016 13.02.2018
5.
Erst das Gerücht Vorschlag für den Friedensnobelpreis an Herrn Bach, jetzt an Team Korea.... Trump wurde auch wieder auf die Liste gesetzt. Manche setzen das Anforderungsprofil von Jahr zu Jahr niedriger. Die sportliche Show ist in Ordnung. Solange politische Fortschritte nicht erkennbar sind, aber irrelevant. Der Stunt kann nächste Woche schon vorbei sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.