Bronzesiegerin Lindsey Vonn Goldene Umarmung

Lindsey Vonn gilt als Drama-Queen. Dabei weiß sie einfach nur allzu gut, mit den Medien zu spielen. Abfahrtsgold sollte es trotzdem sein, bei Olympia ist die US-Amerikanerin aber einfach nicht in Bestform.

Sofia Goggia (l.), Lindsey Vonn
imago/ GEPA pictures

Sofia Goggia (l.), Lindsey Vonn

Aus Pyeongchang berichtet


Nein, eine Sensation ist der Sieg von Sofia Goggia in der olympischen Abfahrt der Frauen nicht. Die Italienerin führt in dieser Saison nach den Siegen in Bad Kleinkirchheim und Cortina d'Ampezzo die Weltcupwertung in der Abfahrt an, insofern war Goggias Triumph keine Riesenüberraschung.

Trotzdem hätte es der Tag der Lindsey Vonn werden sollen - zumindest in ihren Augen. Die US-Amerikanerin wollte nach Vancouver 2010 bei ihren letzten Spielen unbedingt eine zweite Goldmedaille in der Abfahrt gewinnen. Vor vier Jahren in Sotschi hatte Vonn verletzungsbedingt nicht antreten können, nun sollten es wieder Vonn-Spiele werden.

Die 33-Jährige ist unbestritten eine der besten, wenn nicht die beste Skifahrerin der Geschichte. Mittlerweile liegt sie bei 81 Weltcupsiegen, es fehlen nur noch fünf, um zu Legende Ingemar Stenmark aufzuschließen. Doch olympische Rennen folgen oft ihren eigenen Gesetzen und so gewann Vonn eben nicht Gold sondern Bronze.

Goggia findet die bessere Linie

"Es ist unglaublich, dass ich Lindsey geschlagen habe", sagte Goggia nach dem Rennen. "Ich habe sie noch auf dem Sofa beobachtet, als sie in Vancouver Gold gewonnen hat. Und heute stehe ich ganz oben." Vonn erinnerte an die gemeinsame Historie, beide fehlten in der Vergangenheit häufig wegen Verletzungen: "Ich habe so viel Respekt für Sofia. Wenn das Rennen vorbei ist, sind wir wieder Menschen und Freunde."

Anders als im Super G, als Vonn ein Fahrfehler um die erhoffte Medaille brachte und die Show der Sensationssiegerin Ester Ledecká gehörte, legte Vonn in der Abfahrt bei einer Spitzengeschwindigkeit von 110 Stundenkilometern eine saubere Fahrt hin, vielleicht fehlte am Ende das letzte Risiko. Goggia fuhr noch eine Spur geradliniger, meisterte die vielen Gleitpassagen und langgezogenen Kurven nahezu perfekt und konnte so sogar einen leichten Geschwindigkeitsnachteil im Zielhang ausgleichen. "Ich wollte die beste Sofia sein, die es gibt", sagte Goggia weiter. "Dass dabei Gold rausgekommen ist, macht mich glücklich."

Vonn hatte bei der Vergabe der Startnummern bewusst eine höhere Nummer gewählt als die Italienerin, um ihre größte Konkurrentin von oben beobachten zu können. Als sie mit der Nummer 7 im Ziel ankam und auf der Anzeigetafel nur der zweite Platz aufleuchtete, zeigte Vonn mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die vor der Wand der Führenden wartende Goggia. "Ich wusste einfach, dass ich sie für Gold schlagen muss", sagte Vonn. Kurz zuvor hatten sich die beiden Kontrahentinnen noch eine Spur länger als gewöhnlich umarmt.

Es ist nicht überliefert, ob Vonn einfach nicht mehr losgelassen hat, aber sie war sich der Bedeutung dieser Geste sicher bewusst. Wie so oft in den Tagen von Pyeongchang. Vonns Hund hatte sie auf die meisten Termine begleitet. Sie startete am Valentinstag, klagend über ihr Single-Dasein, eine Männer-Suchaktion. Vonn erzählte tränenreich vom Verlust ihres Großvaters. Und dann erzählte sich noch schlagzeilenträchtiger, es gebe da draußen Leute, "die mich hassen und hoffen, dass ich eine Klippe runterfahre und sterbe."

Silber für Mowinckel

So hatte Vonn es geschafft, in den bisherigen zwei olympischen Wochen in den Schlagzeilen zu stehen, obwohl bis zur Abfahrt nur ein sechster Platz herausgesprungen war. Sie wurde mehrfach als "Drama-Queen" bezeichnet, dabei versteht sie einfach nur wie kaum eine andere das Spiel mit den Medien.

Nun also Bronze hinter der Norwegerin Ragnhild Mowinckel, die nach Silber im Riesenslalom mit der hohen Startnummer 19 überraschend eine zweite Medaille gewinnen konnte. Für Vonn sind die Olympischen Spiele damit noch nicht vorbei, am Donnerstag (3.30 Uhr MEZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE) steht noch die Kombination mit einer weiteren Medaillenchance an.

Doch es sind Vonns letzte Spiele, und so ist das Ziel klar zu erkennen. "Ich werde Olympia vermissen", sagte sie. "Deshalb war es heute auch so emotional für mich. Ich wünschte, mein Körper würde nicht so schmerzen, wie er es tut."

Ein ganz bisschen Drama gab es dann also doch noch.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
rieberger 21.02.2018
1.
L. Vonn ist eine außergewöhnlich gute Skirennfahrerin mit ungebremsten Ehrgeiz. Dieser ist sicher von Nöten, um in der Liga zu fahren, in der sich L. Vonn befindet. Ihre mediale Außendarstellung zeigt aber ein zutiefst zerbrechliches Wesen, das Gefahr läuft, an diesem Zirkus zu scheitern. Ihre Augen sind tieftraurig. Es drängt sich der Verdacht auf, dass diese begnadete Sportlerin zutiefst depressiv ist. Sollte das zutreffen, müssen ihre Angehörigen bzw. Menschen, die L. Vonn etwas bedeuten, die Reißleine ziehen. Sonst kann das für Vonn und den Sport sehr böse enden.
ksail 21.02.2018
2. Ferndiagnose
Zitat von riebergerL. Vonn ist eine außergewöhnlich gute Skirennfahrerin mit ungebremsten Ehrgeiz. Dieser ist sicher von Nöten, um in der Liga zu fahren, in der sich L. Vonn befindet. Ihre mediale Außendarstellung zeigt aber ein zutiefst zerbrechliches Wesen, das Gefahr läuft, an diesem Zirkus zu scheitern. Ihre Augen sind tieftraurig. Es drängt sich der Verdacht auf, dass diese begnadete Sportlerin zutiefst depressiv ist. Sollte das zutreffen, müssen ihre Angehörigen bzw. Menschen, die L. Vonn etwas bedeuten, die Reißleine ziehen. Sonst kann das für Vonn und den Sport sehr böse enden.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass man so eine Ferndiagnose eher den Wünschelrutengängern und Handleserinnen überlassen sollte. Aus der medialen Inszenierung Lindsey Vonns Depressionen herauslesen zu wollen, find ich etwas gewagt. Ich kenne ein paar deutsche Leistungssportler persönlich und kann nur sagen, dass das öffentliche Bild absolut gar nix mit dem Menschen zu tun hat. Medien, Sponsoren und Manager inszenieren da irgendwas, was sich halt gut vermarkten lässt und die Sportler geniessen es teilweise sogar, sich dahinter verstecken zu können.
rieberger 21.02.2018
3.
Zitat von ksailIch bin mir ziemlich sicher, dass man so eine Ferndiagnose eher den Wünschelrutengängern und Handleserinnen überlassen sollte. Aus der medialen Inszenierung Lindsey Vonns Depressionen herauslesen zu wollen, find ich etwas gewagt. Ich kenne ein paar deutsche Leistungssportler persönlich und kann nur sagen, dass das öffentliche Bild absolut gar nix mit dem Menschen zu tun hat. Medien, Sponsoren und Manager inszenieren da irgendwas, was sich halt gut vermarkten lässt und die Sportler geniessen es teilweise sogar, sich dahinter verstecken zu können.
Berufsbedingt habe ich täglich mit sehr vielen Menschen zu tun. Und ich erkenne bei vielen an ihrem Blick, wie es um ihr Seelenleben bestellt ist. Insofern kein Handlesen, sondern Augenlesen. Natürlich mit dem Risiko des Sich-Irrens, denn es ist tatsächlich eine Ferndiagnose.
Sibylle1969 21.02.2018
4. Falsche Englisch-Übersetzung
Wenn Lindsey Vonn sagt "I have so much respect for Sofia", dann heißt das im Deutschen nicht "Ich habe so viel Respekt für Sofia", sondern "Ich habe Hochachtung vor ihr" oder "Ich ziehe meinen Hut vor der Leistung von Sofia" o.ä. Respekt vor etwas zu haben, bedeutet im Deutschen eher, dass man eine schwierige Aufgabe ernst nimmt oder Angst vor etwas hat.
zaunreiter35 21.02.2018
5. Erstmal
herzlichen Glückwunsch an alle drei, die auf dem Treppchen stehen: Goggia, Mowinckel und Vonn. Wär man nicht wirklich mit reich geworden, wenn man drauf gewettet hätte, aber die Norwegerin dazwischen war auch nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Jetzt zu Lindsey Vonn. So wie ihre Landsfrau Mancuso versteht es auch sie, sich in das rechte Licht der Öffentlichkeit zu setzen. Sie spielt gut mit auf der Klaviatur der Medien. Find ich gut, habe ich kein Problem mit. Irgendwie muss man ja heutzutage seine Talente zu Geld machen und Sponsoren finden. Dass sie ein Problem mit der Psyche hat, sprich: depressiv ist, das ist auch schon jahrelang bekannt und ist keine Neuigkeit von gestern. Jeder Sportler, der auch Medaillen gewinnen will, muss halt eine Gratwanderung begehen, die mir als Sofasportler natürlich abgeht. Ist klar. Ich hätte Angst gehabt, mich vom Starthaus die Piste runterzustürzen und mitten durch die ersten drei Tore auch noch eine direkte Linie zu finden. So, und dann hat man als Sportler ein hochsensibles Körperbewusstsein entwickelt, und wenn man dann um ein paar Hundertstel daneben liegt, ist man halt enttäuscht und die einen lächeln tapfer in der Öffentlichkeit wie Vonn und die anderen heulen wie Gut oder Weirather. Achja...gestern kam ja wieder "Ewige Helden". Ich schau die Sendung gerne. Da gibt keiner bei einem Wettkampf auf. Die machen mit, auch wenn sie nur letzte werden. Und helfen sich auch noch gegenseitig. Und schön find ich dann die Rückblicke der Sportler, von ihren Anfängen und mit ihren Höhen und Tiefen. Da merkt man halt schon, dass die einen besonderen Ehrgeiz haben bzw. hatten.
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