Gold-Rekordhalterin Bjørgen Nummer sieben

Norwegens Langlaufkönigin hat wieder zugeschlagen. Mit der Staffel gewann Marit Bjørgen ihre siebte olympische Goldmedaille. Das ist vor ihr keiner Sportlerin gelungen. Aber die 37-Jährige will noch mehr.

Marit Bjørgen
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Marit Bjørgen

Aus Pyeongchang berichtet


Man könnte Marit Bjørgen verstehen, wenn sie irgendwann aufgehört hätte zu zählen. Deshalb noch mal als Service für die Norwegerin: Sie hatte bis zum heutigen Tag sechs Mal Olympia-Gold gewonnen, dazu sechs weitere olympische Medaillen. Sie war 18 Mal Weltmeisterin, hat 24 nationale Titel errungen. Im Weltcup hat sie 31 Sprintrennen gewonnen, 51 Distanzrennen, 20 Staffeln, 30 Etappenrennen, neun Teamsprints.

Wer im Internet eine Liste mit Bjørgens Erfolgen herunterscrollt, läuft Gefahr, sich eine Sehnenscheidenentzündung zuzuziehen. Die Statistik muss korrigiert werden: Ab heute stehen da sieben Goldmedaillen. Norwegen hat die Langlaufstaffel über 4 x 5 Kilometer gewonnen, und Bjørgen hat es wieder mal getan.

"Ich schaue eigentlich nie zurück auf das, was ich erreicht habe. Als Athletin musst du immer nach vorne gucken und an das nächste Renen denken", sagte sie nach ihrem erneuten Triumph.

Sie gehört zum olympischen Inventar

Bjørgen ist 37 Jahre alt, die Winterspiele in Pyeongchang sind ihre fünften. Wie die Deutschen Claudia Pechstein und Aljona Savchenko gehört sie zum Olympia-Inventar. Man kann sich eigentlich gar keine Spiele vorstellen, bei denen Bjørgen nicht mit leicht aufgekrempelten Ärmeln durch die Loipe hetzt.

Dennoch wird man sich wohl daran gewöhnen müssen. Die erfolgreichste Olympionikin der Geschichte hat durchblicken lassen, dass nach Südkorea Schluss ist. Besser als mit einer Goldmedaille kann man nicht aufhören. Und es können noch weitere hinzukommen.

Ihr siebtes Olympiagold, es war das, was alle von ihr und ihren Kolleginnen erhofft, nein, erwartet hatten. Die Langlaufstaffeln gehören mehr oder weniger zum norwegischen Kulturgut wie die Stabkirche oder Peer Gynt. Umso bitterer für die Skandinavier, dass sie in ihrer Paradedisziplin bei Olympischen Spielen mehrfach herbe Niederlagen einstecken mussten. Vor vier Jahren kehrten sie sogar gänzlich ohne Staffelmedaille aus Sotschi heim. Die Schweden gewannen bei den Männern und bei den Frauen Gold, die Norwegerinnen wurden nur Fünfte hinter Finnland, Deutschland, Frankreich. Es war eine Demütigung.

Jetzt ist die Hierarchie wiederhergestellt. Auch wenn es ein hartes Stück Arbeit war. Norwegen lag zur Hälfte deutlich zurück, weil Astrid Uhrenholdt Jacobsen als zweite Klassik-Läuferin furchtbar eingebrochen war. Schweden, Russland, das nicht so heißen darf, und Finnland waren über eine halbe Minute davongezogen. Und das siebte Gold war fast weg.

Ragnhild Haga steht als Nachfolgerin schon parat

Aber Norwegen hat eben nicht nur eine Bjørgen, sie hat jetzt auch Ragnhild Haga, zehn Jahre jünger als die Grande Dame des Langlaufs und möglicherweise ihre Nachfolgerin. Über zehn Kilometer hat sie schon Gold gewonnen und dabei Bjørgen auf deren Spezialstrecke geschlagen, jetzt skatete sie wie eine Wahnsinnige über die Strecke und hatte am Ende ihrer Runde die Konkurrenz eingeholt. Den Rest erledigte die Meisterin. Souverän schüttelte sie im Zielsprint die Schwedin Stina Nilsson ab, die sich zuvor wie eine Klette an sie geheftet hatte.

"Es war hart, ich musste alles geben", sagte Bjørgen. Dass sie das immer noch kann, bewies sie eindrucksvoll. Charlotte Kalla, die schwedische Nummer eins, war davon allerdings "null überrascht: Sie ist mal wieder in Bestform."

In Norwegen wird Bjørgen verehrt, anderswo wird sie mit Argwohn beobachtet. Das böse D-Wort hat auch sie immer wieder verfolgt, der Langlauf gehört zu den Sportarten, bei denen die Erfahrung lehrt, dass ein gewisses Misstrauen durchaus angebracht ist. Die ARD-Dopingredaktion hatte erst in der Vorwoche Recherchen veröffentlicht, nach denen sich bei zahlreichen prominenten Langläufern die Blutwerte rund um die Olympischen Spiele seit 2002 auffällig verändert hatten. Namen fielen allerdings nicht.

Bjørgen wurde von ihrer ewigen Rivalin Justina Kowalczyk aus Polen bezichtigt, es gehe bei ihr nicht mit rechten Dingen zu. Das ist allerdings schon eine ganze Weile her, es war nach den Spielen von Vancouver 2010, als die Polin ihre Attacke startete: "Ohne ihre Medikamente hätte sie nicht gewonnen. Marit weiß genau, dass sie ohne ihre 'Hilfsmittel' nicht viel zu bieten hätte." Bjørgen hat damals empört reagiert, sie sagt immer noch, dass sie diese Vorwürfe schwer getroffen hätten. Die Angelegenheit verlief im Sand, Kowalczyk stand als schlechte Verliererin da.

Bald von der Loipe auf den Bauernhof

Die Norwegerin kann darauf verweisen, dass man bei ihr nie etwas festgestellt hat. Und wenn sie sagt: "Du kannst nicht einfach raus auf die Loipe gehen und Medaillen einsammeln, du brauchst sehr viel Vorbereitung", dann bezieht sie sich damit auf ihre überragende Disziplin, auf ihre Trainingsbesessenheit, die ihr geholfen hat, auch nach der Geburt ihres Sohnes in die Weltspitze zurückzukehren. Lebensgefährte Fred Børre Lundberg, selbst ein Weltklasse-Kombinierer früherer Tage, gibt derzeit den Hausmann.

Künftig wird Bjørgen wohl wieder mehr Zeit für die Familie haben, für das Leben auf dem Bauernhof. Sie ist auf dem Land aufgewachsen, musste schon als Kind mit anpacken. Insofern wäre es eine Rückkehr zu den Wurzeln.

Aber vorher hat sie noch etwas zu erledigen. Zwei Goldmedaillen fehlen Bjørgen, um die Legenden Ole Einar Bjørndalen und Bjørn Dæhlie zu überholen. Die Chancen sie zu gewinnen, hat sie am Mittwoch im Team-Sprint und am Sonntag im Massenstart über 30 Kilometer. Sollte sie beide Rennen gewinnen, wäre niemand, egal, ob Mann oder Fau, bei Winterspielen so erfolgreich gewesen wie sie. Ob sie ihrer Teamkollegin zutraue, das zu schaffen, wurde Haga nach dem Sieg gefragt. Sie lächelte kurz und sagte nur ein Wort: "Yes".

In Ländern mit einer Monarchie liegt es nahe, bei erfolgreichen Sportlern Anspielungen aufs Königshaus zu machen. Ein Zufall kann es jedenfalls nicht sein, dass die norwegische Kronprinzessin auch Marit heißt.



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fürmichistallesklar 17.02.2018
1. Einmal mehr wird jemand beschuldigt ..
Warum müssen eigentlich Kommentatoren wie hier Peter Ahrens immer noch ein bisschen "dreckeln" und versteckte Anschuldigungen in Ihre Texte einbauen und den Sportlern damit Dinge zu unterstellen, die nicht bewiesen und bis heute Gerüchte sind. War denn Björgen bei diesen Athleten dabei, die seit 2002 veränderte Blutbilder haben. Und warum zitiert man eine schlechte Verliererin, obwohl von all den Anschuldigungen von Justina Kowalczyk nichts, aber auch gar nichts übrig geblieben ist. Zitate wie: "In Norwegen wird Bjørgen verehrt, anderswo wird sie mit Argwohn beobachtet. Das böse D-Wort hat auch sie immer wieder verfolgt" sind unfair und stimmen schlicht nicht. Googeln sie einfach mal "Björgen Doping" und zeigen sie mir einen Beweis. Komisch, bei Berichten über deutsche Sportler lese ich nie solche Kommentare.
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