Olympiasieger Wellinger Fassungslos glücklich

Es war extrem kalt, es war nervenaufreibend, doch am Ende eines langen Wettkampfs krönte sich Andreas Wellinger zum Olympiasieger im Skispringen. Der 22-Jährige hatte Schwierigkeiten, sein Glück in Worte zu fassen.

REUTERS

Aus Pyeongchang berichtet


Das lange Warten hatte sich gelohnt, auch für Frank-Walter Steinmeier. Bei seiner Reise zu den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang stand das Alpensia Skisprung Centre auf dem Plan des Bundespräsidenten. In eisiger Kälte musste er bis 0.20 Uhr Ortszeit ausharren, ehe er die zweite Goldmedaille für das deutsche Olympia-Team bejubeln konnte.

Steinmeier stand auf der nur noch spärlich besetzten Tribüne zwischen seiner Frau und DOSB-Präsident Alfons Hörmann und winkte in den Zielbereich zu Andreas Wellinger - dem Olympiasieger von der Normalschanze. Der 22-Jährige bekam von alldem allerdings überhaupt nichts mit. Wellinger wurde nach seinem nahezu perfekten zweiten Sprung auf 113,5 Meter und der dann folgenden minutenlangen Wartezeit von seinen Emotionen überrollt. Tränen liefen über sein Gesicht und auch Minuten später wirkte Wellinger noch fassungslos: "Ich weiß überhaupt nicht, was ich sagen soll", brach es immer wieder aus ihm heraus.

Frank-Walter Steinmeier (M.)
REUTERS

Frank-Walter Steinmeier (M.)

Wellinger siegte vor den beiden Norwegern Johann André Forfang und Robert Johansson sowie den beiden Polen Kamil Stoch und Stefan Hula, die das Klassement nach dem ersten Durchgang noch angeführt hatten. Für Bundestrainer Werner Schuster war es trotzdem ein verdienter Sieg: "Wie oft gewinnt der Qualisieger dann auch den Wettkampf", fragte der Erfolgscoach eher rhetorisch und spielte damit auf den Druck an, dem Wellinger nach seinen konstanten Leistungen im Training in Pyeongchang ausgesetzt war: "Andreas musste ja zwei Tage mit dem Gefühl schlafen, ich kann hier eigentlich gewinnen." Der 48-Jährige wirkte dabei extrem aufgekratzt. Auch für ihn war es nach Jahren kontinuierlicher Arbeit ein wichtiger Sieg.

Keine irregulären Bedingungen

Wellingers Tränen und Schusters Ausgelassenheit war ein nervenaufreibendes Springen vorausgegangen, das insgesamt fast drei Stunden dauerte. Immer wieder mussten Springer einmal oder sogar mehrmals den Absprungbalken verlassen, weil die Jury keine Freigabe erteilen konnte. Der wechselnde Wind, der teilweise mit einer Geschwindigkeit von bis zu fünf Metern pro Sekunde in die Schanze blies, und Temperaturen im zweistelligen Minusbereich zerrten aber vor allem an den Nerven der Zuschauer. Die verließen das ohnehin nur zur Hälfte gefüllte Stadion dann auch in Scharen vorzeitig.

Für Besucher, die nicht so häufig beim Skispringen sind, sah es deshalb sogar nach irregulären Bedingungen aus. Allein der vierfache Olympiasieger Simon Ammann musste bei seinen insgesamt fünften Spielen den Balken im zweiten Durchgang viermal räumen, ehe er springen durfte. Für die Athleten spielte die Verzögerung jedoch keine Rolle. "Die Jury hat einen guten Job gemacht", sagte Silbermedaillengewinner Forfang, "das gehört bei unserem Sport einfach dazu". Landsmann Johansson sah auch eher in der Kälte ein Problem, konnte mit Bronze aber selbst das mit Humor nehmen: "Ich habe irgendwann meine Füße nicht mehr gespürt. Aber wenn das am Ende dabei herauskommt, ist es für mich okay."

Zuschauer in Pyeongchang
AFP

Zuschauer in Pyeongchang

Bundestrainer Schuster wünscht sich so ein Durchhaltevermögen der Jury auch im Alltag. "Im Weltcup wäre das Springen schon dreimal abgebrochen worden", sagte der Österreicher, "weil das Fernsehen gesagt hätte, sie hätten keine Zeit mehr. Ich finde es toll, dass sie es durchgezogen haben". Dabei ließ Schuster unter den Tisch fallen, dass die europäischen TV-Anstalten maßgeblich am späten Beginn des Springens beteiligt waren, um eines der Top-Events am Nachmittag zeigen zu können. In den Bergen rund um Pyeongchang hatte der Wind am Abend zugenommen, bei Tageslicht hätte das Springen wohl schneller durchgezogen werden können.

Hoffnung auf ein schnelles Weißbier

Wellinger hatte ohnehin keine Lust, über den Wind zu sprechen: "Die Verhältnisse waren gut, manchmal hat der Wind halt gedreht. Aber es war ein fairer Wettkampf." Viel wichtiger war dem Zweitplatzierten der diesjährigen Vierschanzentournee das anschließende Party-Programm: "Ich hoffe, dass ich schnell mein Weißbier bekomme und dann wird gefeiert."

Am kommenden Mittwoch geht es für Wellinger und seine Teamkollegen mit dem Training auf der Großschanze weiter, um den Olympiasieg geht es dann in einer Woche. Markus Eisenbichler, Richard Freitag sowie Karl Geiger werden dann wie Wellinger wieder zu den Medaillenkandidaten gehören, denn im Schatten des Goldjungen belegte das Trio auf der Normalschanze die Plätze acht, neun und zehn und hätte bei etwas besseren Bedingungen noch weiter vorne landen können.

Fotostrecke

7  Bilder
Andreas Wellingers Sieg in Pyeongchang: Per Schanzenrekord zu Gold

Das wird den Bundestrainer auch entspannt in den dritten Wettbewerb am 19. Februar gehen lassen, wenn Deutschland als Titelverteidiger ins Teamspringen starten wird. Wellinger ist der einzige des siegreichen Sotschi-Quartetts, der auch in Pyeongchang noch am Start ist. "Damals habe ich als 18-Jähriger einfach mein Zeug gemacht", sagte er auf die Frage nach einem Vergleich der beiden Goldmedaillen. Ihm falle nur noch eins ein: "System overload."



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
freddygrant 10.02.2018
1. Viele seiner ...
polnischen, norwegischens, slowenischen, österreichischen, deutschen etc. Springerkameranden hätten sich den Sieg oder eine Medaille verdient gehabt. Es ändert aber nichts daran, daß Andreas Wellinger seinen Sport nicht nur mit seiner Leistung, sondern auch als junger Mensch und im Team toll vertritt. Weiter so!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.