Russisches Olympia-Team in Pyeongchang (Nicht) dabei sein ist alles

Russlands Sportler dürfen wegen des Dopingskandals nur unter neutraler Flagge teilnehmen. Doch wie ernst nehmen sie dieses Verbot? Ein Besuch im Russischen Haus - das natürlich offiziell so nicht heißen darf.

Eröffnung des "Sporthauses"
AP

Eröffnung des "Sporthauses"

Aus Pyeongchang berichtet


Wie war das noch mal? Was hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) angeordnet, als es Anfang Dezember 2017 das russische NOK suspendierte? Keine russische Flagge sollte wehen bei diesen Winterspielen, die russische Hymne sollte auch nicht gespielt werden. Das ging an den ersten beiden Wettkampftagen gut.

Auf der offiziellen Webseite aber, wo die Wettkampfresultate vom IOC-Sponsor Atos Origin bestückt werden, tauchten am Sonntag für die Buckelpistenfahrerinnen Regina und Marika Rachimowa kurzzeitig die russische Fahne und das Kürzel RUS auf. Und nicht etwa: "Olympic Athlete from Russia" (OAR). Das Malheur wurde bald behoben.

Die russische Hymne kann man dennoch hören in Südkorea, unweit der olympischen Sportstätten, in Gangneung, Gangmun 303-4, nahe am Strand. Dort haben die Russen ein "Sports House" eingerichtet. Die russischen Häuser bei Winterspielen waren seit 1994 legendär und berüchtigt für die wildesten Feten und einen Wodka-Verbrauch, der nur in Hektolitern zu messen war. In Gangneung ist das ein wenig anders.

Zur Eröffnung am Freitagabend war es prallvoll, einige Olympiasieger wie die Paarläufer Tatjana Wolososchar und Maxim Trankow schauten vorbei. Alexander Timonin, Russlands Botschafter in Südkorea, hielt eine Rede und behauptete, Russland sei gleichberechtigter Teilnehmer an diesen Spielen. Tänzerinnen heizten die Stimmung an. Es wurde bis weit nach Mitternacht gefeiert.

"Rebjata, Kinder, lasst ihn uns feiern!"

Es ist davon auszugehen, dass die Partys fortgesetzt werden, sobald die Eishockeyspieler der "Sbornaja" in Gangneung ins Geschäft eingreifen. Russische Olympiateilnehmer dürfen hier allerdings nicht auftreten, heißt es. Man wird sehen.

Am Samstag gab es nur Tee aus dem Samowar, "English Breakfast", aber in Russland produziert. Alkohol wurde nicht ausgeschenkt. Spätabends hielt sich keine Hundertschaft an Gästen im Sporthaus auf. Als Semjon Jelistratow im Short Track die Bronzemedaille gewann, die erste russische Plakette bei den Spielen, rief der Moderator: "Rebjata, Kinder, lasst ihn uns feiern!"

Auf einer großen Leinwand wurde Jelistratows Foto eingeblendet. Dazu ertönte die Hymne, alle erhoben sich, viele sangen mit: "Russland, unser geheiligter Staat; Russland, unser geliebtes Land; mächtiger Wille und großer Ruhm für alle Zeiten sind dein Eigentum." Der Eissprinter Jelistratow widmete seine Medaille den wegen Dopings und Dopingverdachts gesperrten Sportkameraden, allen voran Viktor Ahn, sechsmaliger Olympiasieger, eingebürgerter Koreaner.

"Sporthaus" (09.02.2018)
AP

"Sporthaus" (09.02.2018)

Natürlich finden sich Fotos von Ahn und anderen für Pyeongchang nicht zugelassenen Athleten im Sporthaus, das nicht "russisches Haus" heißen darf. Der mächtigste Russe ist sogar dutzendfach vertreten: Auf Staffeleien hat man Fotos von Wladimir Putin aufgestellt. Auf der anderen Seite des Saales Memorabilien-Schreine: alle acht Goldmedaillen, die sowjetische Eishockeyspieler und das Vereinigte Team (1992 als Auswahl der Gemeinschaft unabhängiger Staaten) bei Olympischen Winterspielen gewonnen haben. Russland, man glaubt es kaum, war nie Eishockey-Olympiasieger.

Alles im Sporthaus zu Gangneung ist in Rot gehalten. Überall prangt der Slogan "Russland in meinem Herzen". Auf Bannern, Plakaten, T-Shirts, Aufklebern, Lebkuchenherzen, Schals, Mützen, Trikots und Fähnchen.

Wer das organisiert, mögen sie nicht sagen

Einen Hinweis auf das vom IOC suspendierte russische NOK sucht man aber vergeblich. Diesbezüglich haben die Russen aufgepasst. NOK-Apparatschiks sind nicht zu sehen, halten sich vielleicht im Hintergrund auf. Ein paar Dutzend Mittzwanziger schmeißen den Laden, eine auffallend junge Truppe, einige von ihnen arbeiten für russische Sportverbände. Wer das alles organisiert? Das mögen sie nicht sagen. Das sei ein Geheimnis, sagt eine der jungen Frauen und bittet um Verständnis.

Das IOC teilt mit, man beobachte das Sporthaus aufmerksam, das von einem kommerziellen Unternehmen betrieben werde. Man habe das Unternehmen auf die Vorschriften hingewiesen, die das Exekutivkomitee für die Teilnahme des OAR-Teams erlassen habe.

Doch schaut das IOC wirklich genau hin? Neben einem russischen Sportwettenanbieter wird das Sporthaus von der "Stiftung russischer Olympiateilnehmer" betrieben. Die wird finanziert von zahlreichen Milliardären, allesamt schwer im Sportbusiness aktiv: Alischer Usmanow (Präsident des Fecht-Weltverbandes FIE), Roman Abramowitsch, Oleg Deripaska, Wiktor Wekselberg, Wladimir Lisin, Michail Prochorow - sie und viele andere, das Who is Who der Kreml-nahen Oligarchen.

Im Stiftungsrat hat auch Ministerpräsident Dmitri Medwedew seinen Platz. Im Präsidium der Olympia-Stiftung sitzen, natürlich, ebenfalls die üblichen Verdächtigen: der für Olympia gesperrte ehemalige Sportminister und aktuelle Vizepremierminister Witalij Mutko sowie NOK-Präsident Alexander Schukow. Für die Dauer der Suspendierung des NOK, die zur Schlussfeier in Pyeongchang vom IOC wieder aufgehoben werden könnte, ist Schukow auch als IOC-Mitglied suspendiert, danach aber wieder in Amt und Würden.

Im Grunde ist dieses Sporthaus also ein Russisches Haus unter anderem Namen, von jenen finanziert, die überall in Putins Reich die Puppen tanzen lassen.



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