Streit um Jamaikas Frauen-Bobteam Schlammschlacht im Eiskanal

Seit Tagen tobt im jamaikanischen Zweier-Bobteam ein Streit um die deutsche Trainerin Sandra Kiriasis. Die Angelegenheit ist verworren, selbst ein Startverbot ist möglich.

Ex-Trainerin Sandra Kiriasis (l.), jamaikanische Bobpilotinnen
DPA

Ex-Trainerin Sandra Kiriasis (l.), jamaikanische Bobpilotinnen

Aus Pyeongchang berichtet


Jamaikas Frauen-Bobteam bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang - das könnte eine fröhliche, mit zahlreihen Karibik- und Exotenklischees angereicherte Story sein. Davon, dass es 30 Jahre nach den berühmten Cool Runnings - dem Viererbob Jamaikas -, der es sogar in die Kinos schaffte, wieder ein Team von der Insel im Eiskanal probiert.

Stattdessen wird seit Tagen über die Öffentlichkeit Schlamm geworfen, statt des Schlittens sind Anwälte in die Spur geschickt worden, und ob das Team mit Pilotin Jazmine Fenlator-Victorian und Anschieberin Carriee Russell am Dienstag und Mittwoch tatsächlich seine Läufe bestreiten kann, ist immer noch offen. Dass die unterschiedlichen Parteien ganz unterschiedliche Versionen der Angelegenheit erzählen, macht den Fall umso nebulöser.

Akkreditierung abgegeben, des Dorfes verwiesen

Im Zentrum des Streits, der Intrigen und der Beschuldigungen steht eine Deutsche: Sandra Kiriasis hat einen Namen in der Szene, sie war Olympiasiegerin in Turin 2006, sie hat Weltmeistertitel gesammelt, über Jahre war sie eine der Besten ihres Fachs. Das hat auch den jamaikanischen Bobverband angelockt, er hat die 43-Jährige im Dezember kurzfristig für die Winterspiele engagiert, ob als Trainerin, wie Kiriasis sagt, oder lediglich als Assistentin, wie der Verband beteuert, ist nicht ganz klar.

Klar ist nur: Kurz vor dem Wettkampf, mitten in der heißen Phase der Vorbereitung, wurde Kiriasis entlassen, sie musste ihre Akkreditierung zurückgeben und wurde vom Verband des olympischen Dorfes verwiesen. Mit den Sportlerinnen darf sie keinen Kontakt mehr aufnehmen. Warum genau, auch darüber widersprechen sich die Aussagen diametral.

Kiriasis hält sich für das Opfer einer Intrige

Kiriasis sagt, sie sei das Opfer einer Intrige der Verbandsoberen, die Athletinnen selbst hätten sehr gerne mit ihr gearbeitet. Sie wisse "bis heute nicht, was der Grund für die Entlassung ist", werde sich aber "nicht zur Marionette des Verbands degradieren lassen", sagte sie. Kiriasis fordert Schadensersatz. Das Ganze sei "die größte sportliche Enttäuschung meines Lebens".

Zudem spricht sie dem Verband das Recht ab, den Schlitten im Wettkampf zu nutzen, der sei schließlich nur auf ihre Vermittlung hin dem Verband zur Verfügung gestellt worden. Er sei eine Leihgabe des BSC Winterberg, Kiriasis habe das durch ihre Kontakte möglich gemacht und pocht darauf, dass sie das Besitzrecht an dem Schlitten habe. Mittlerweile hat ihr Anwalt dem Verband per einstweiliger Verfügung ein Startverbot für den Schlitten erteilt.

Doch der BSC Winterberg widerspricht: In einer der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden E-Mail schreibt der Verein: "Frau Kiriasis hat den Bob für Jamaika nicht organisiert oder besorgt. Der gesamte Prozess (außer die Übergabe) lief über einen Dritten." Wie Geschäftsführerin Diane Koch und der Vereinsvorsitzende Jens Morgenstern mitteilten, gebe es keinen fristgerecht unterzeichneten Mietvertrag.

"Destruktive Kraft"

Auch der jamaikanische Verband keilt zurück: Kiriasis sei eine "destruktive Kraft" gewesen, seit sie weg ist, sei das Klima viel besser geworden. Zudem gehöre der Schlitten nicht ihr, sondern dem Verband. Der BSC Winterberg bestätigte, dass es einen "unterschriebenen Kaufvertrag" mit dem Team Jamaika gebe. Eine jamaikanische Brauerei hatte sich inzwischen eingeschaltet und Geld für den Kauf eines Schlittens bereitgestellt, so Verbandssprecherin Kathleen Pulito. Der Deal lief öffentlich über Twitter ab, auch das gehört zu den Absurditäten dieser Geschichte.

Der Verband will darüber hinaus dazu nichts mehr sagen, Presseanfragen werden abgelehnt, gleichzeitig teilte Delegationschef Leo Campbell in einem Interview in der "Welt" gegen Kiriasis aus: "Sie respektiert uns nicht und ist unprofessionell. Sie ist eine Lügnerin." Das war kurz nachdem der Verband noch herausgestellt hatte, man bedauere die Trennung, man danke Kiriasis "für ihren unschätzbaren Beitrag, den sie für das Bobteam geleistet hat".

"Wie eine Obdachlose"

Der Streit ist mittlerweile auf tiefergelegtem Niveau angekommen: Kiriasis hatte beklagt, sie sei aus dem olympischen Dorf rausgeworfen worden und habe sich über Tage "wie eine Obdachlose" ein Quartier suchen müssen. Campbell behauptet, man zahle ihr nach wie vor eine schicke Unterkunft. Die Geschichte ist verworren.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Deutsche hier nicht nur für Jamaikas Verband tätig ist, sie betreut auch die Kanadierin Kaillie Humphries, die zu den Goldanwärtinnen von Pyeongchang gehört. Eine Akkreditierung hatte sie jedoch lediglich über Jamaikas Verband, sodass Kiriasis nun auch zu Humphries keinen Zugang mehr hat.

Kiriasis sieht sich klassisch ausgebremst und will das nicht einfach so hinnehmen: "Ich bin keine Vollidiotin, da haben sie sich die Falsche ausgesucht, wenn sie glauben, dass sie das mit mir machen können", sagte sie der "Welt".

Dienstag geht es los

Das steht in jedem Fall außer Zweifel. Kiriasis war immer schon streitbar. Im deutschen Verband hatte sie sich in ihrer aktiven Zeit mit mehreren Teamkolleginnen angelegt, das Verhältnis mit Konkurrentin Susi Erdmann galt über Jahre als zerrüttet. Mit ihrer Anschieberin Romy Logsch hatte sie sich so sehr überworfen, dass diese daraufhin in den Bob von Rivalin Cathleen Martini gewechselt war.

Am Dienstag beginnt der Wettbewerb mit den ersten beiden Läufen, es wäre schon ein kleines Wunder, wenn sich Fenlator-Victorian und Russell unter diesen Umständen ihre Top-Leistungen bringen könnten.

Falls der Schlitten, getauft auf den Namen "Cool Usain", überhaupt im Eiskanal zum Einsatz kommt.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
torflut 19.02.2018
1. Schade
Das Thema "DOPING" Überschattet den Leistungssport seit Jahren. Nun kommen noch Unsportlickeiten hinzu, die weit weg vom olympischen Gedanken sind. Noch dazu in medaillenfernen Gefilden. Schade!
toll_er 19.02.2018
2. Stoff für einen Film
Oh ja, das ist doch spannender Stoff für einen neuen Film, der cool Running in nichts nachsteht und mit diesen Intrigen richtig lustig werden kann....
kurzanbinden 19.02.2018
3. unschön für..
...alle Beteiligten. Aber sicher gefundenes Fressen für die nächste Verfilmung. Uncool runnings.
gefaehrlicheshalbwissen 19.02.2018
4. Was soll das Frau Kiriasis?
Dem Verband den Bob wegnehmen und somit den Sportlerinnen die Teilnahme an den Spielen zu verwehren, lässt mich eher an die Aussage des Verbandes glauben.. Sie seien "eine destruktive Person". Wenn sie ein Problem mit dem Verband haben, klären sie das mit selbigen, aber tragen sie diesen Streit nicht auf dem Rücken der Sportlerinnen aus.
M. Vikings 19.02.2018
5. Kiriasis ist in der Haftung für den Bob.
Kiriasis hat einen bis Ende Februar gültigen Leihvertrag mit dem BSC Winterberg. Sie haftet dafür, dass der Schlitten unversehrt bleibt und mögliche Veränderungen zurückgebaut werden. Selbst wenn der jamaikanische Verband den Bob gekauft hat, entscheidet wohl Kiriasis darüber, wer ihn bis Ende Februar nutzen darf. Möglicherweise hat der jamaikanische Verband die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Ich bin gespannt was da noch kommt.
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