Deutsche Skirennfahrer bei Olympia Allein-im-Wind-Steher gesucht

Die Bilanz des deutschen Alpin-Teams fällt ernüchternd aus: Ohne Felix Neureuther fehlte eine Führungsfigur. Viktoria Rebensburg konnte diese Rolle nicht ausfüllen. Die Hoffnung heißt Thomas Dreßen.

Viktoria Rebensburg
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Viktoria Rebensburg

Aus Pyeongchang berichtet


Der Dissens zwischen Alpindirektor Wolfgang Maier und seiner großen Medaillenhoffnung Viktoria Rebensburg war bezeichnend für die Tage des deutschen Alpin-Teams in Südkorea. Es wollte einfach nichts gelingen und so verlagerte sich die auf Rebensburg zugespitzte Bewertung dieser zwei Wochen in die Öffentlichkeit.

"Ich kann mir keinen Vorwurf machen", sagte die einzige DSV-Athletin in der Weltspitze nach ihrem neunten Platz in der Abfahrt. Rebensburg sprach dabei über die beiden vorherigen Rennen, als sie im Riesenslalom und im Super-G als Vierte und Zehnte jeweils ohne Medaille geblieben war. So wie die gesamte Mannschaft, daran dürfte auch der Team-Wettbewerb am Samstag (3 Uhr MEZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nichts ändern. Zum Abschluss der zehn Einzelwettbewerbe landete Fritz Dopfer beim Slalom-Sieg von Andre Myhrer auf dem 20. Platz.

Maier bewertete Rebensburgs Rennen völlig anders. Für die 28-Jährige hätten "zwei Medaillen auf dem Silbertablett" gelegen, sie hätte nur beherzt zugreifen müssen. Im Riesenslalom war ihr im ersten Durchgang jedoch ein ärgerlicher Fehler unterlaufen, an einer Stelle, die alle anderen Spitzenfahrerinnen problemlos passierten.

Im Super-G lag sie auf Medaillenkurs, ehe sie kurz vor dem Ziel etwas die Orientierung verlor und ganz kurz abbremste. "Mit den Speed-Rennen kann ich sehr zufrieden sein", sagte Rebensburg, was angesichts fehlender Praxis eine berechtigte Einschätzung war. "Und im Riesenslalom musste man riskieren, das habe ich getan. Der Fehler war der entscheidende Faktor." Widersprechen wollte ihr niemand, auch wenn in ihren Worten wenig Selbstkritik mitschwang.

Rebensburg und die Frage nach dem Karriereende

Doch damit waren die Differenzen zwischen Rebensburg und Maier noch nicht beendet. Während die Athletin nach Riesenslalom-Gold in Vancouver 2010 und Bronze in Sotschi vor vier Jahren eine Fortsetzung ihrer olympischen Karriere bis Peking 2022 als "unwahrscheinlich" bezeichnete, wollte der Alpindirektor das so nicht stehen lassen: "Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen." Klar, Rebensburg sei enttäuscht, aber bei "richtigen Rennfahrern" komme das Feuer doch ganz schnell zurück. Bei den Spielen in Peking wird sie 32 sein.

Möglicherweise ist Maier aber auch nur Bange vor der Zeit ohne Rebensburg. Kira Weidle ist ein gutes Stück von der Weltspitze entfernt und die Slalom-Spezialistinnen Marina Wallner, Christina Geiger und Lena Dürr bestätigten in Pyeongchang den Eindruck, keine Fortschritte zu machen. "Die Vicky muss immer alleine im Wind stehen", sagte Maier und zeigte Verständnis für Rebensburgs Probleme, den Erwartungsdruck allein schultern zu müssen.

Ein entscheidender Faktor für die Bewertung des gesamten Alpin-Teams ist die Tatsache, dass mit Felix Neureuther und Stefan Luitz zwei Medaillenkandidaten mit Kreuzbandrissen in der Heimat bleiben mussten. Gerade Neureuther, der in der Vergangenheit bewiesen hat, zum Abschluss großer Events Bestleistungen abrufen zu können, fehlt der Mannschaft. Als Anführer, als Leistungsträger, als Allein-im-Wind-Steher, aber auch als Mann für die gute Stimmung. "Wir vermissen Felix", sagte Dopfer.

Dreßen kann Neureuthers Rolle übernehmen

Ohne Medaille blieben auch die Speed-Männer Thomas Dreßen, Andreas Sander und Josef Ferstl, die mit großen Ambitionen angereist waren. Dreßen bestätigte mit den Plätzen fünf und zwölf in Abfahrt und Super-G seine gute Form, Sander war mit zwei Top-Ten-Ergebnissen ähnlich stark, nur Ferstl fiel etwas ab. Die Routiniers aus Norwegen, Österreich und der Schweiz waren auf der windanfälligen Strecke in Jeongseon einfach noch zu gut.

"Ich werde alles daran setzen, in der Weltspitze zu bleiben", lautete das Fazit von Dreßen. Genau das dürfte die Hoffnung des Deutschen Skiverbands sein. Der Abfahrer ist erst 24 Jahre alt, in vier Jahren wird er ohne Verletzungspech die nötige Erfahrung gesammelt haben. Und sein Umgang mit dem Sieg auf der Streif in Kitzbühel hat gezeigt, dass er auch Neureuthers Rolle als Gesicht des Alpin-Teams übernehmen kann.

Mit Material des sid

insgesamt 2 Beiträge
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Sibylle1969 22.02.2018
1.
Wenn man sich die Ergebnisse von Rebensburg in den Speed-Disziplinen bei Olympia anschaut, dann muss man sagen, dass der 9. bzw. 10. Platz ziemlich genau ihrem Leistungsvermögen im Weltcup entsprechen, aus meiner Sicht war sie in diesen Disziplinen definitiv keine Medaillenkandidatin. Lediglich im Riesenslalom war eine Medaille realistisch, und da ist es natürlich ärgerlich, dass es "nur" der 4. Platz geworden ist, aber das kann halt passieren. Auch die im Slalom in dieser Saison überlegene Shiffrin hat in Pyeongchang gepatzt und wurde in ihrer Spezialdisziplin nur Vierte, kann sich aber natürlich mit Gold im Riesenslalom und Silber in der Kombination trösten. Nach den Verletzungen von Neureuther und Luitz konnte man realistischerweise nur mit einer Riesenslalom-Medaille durch Rebensburg rechnen sowie vielleicht auf eine Speed-Medaille durch Ferstl, Dreßen oder Sander hoffen. Bei den Speed-Rennen der Männer sind die Medaillen aber an die gegangen, die auch im Weltcup meist vorne sind (Svindal, Jansrud, Feuz...).
aktivist1000 22.02.2018
2. Sportförderung miserabel
Falls es noch keinem aufgefallen ist: die Sportförderung in D ist so schlecht wie die Bildung, zudem Ländersache. Die politische zuständigen Personen sind zudem alt und wenig innovativ. Dressen ist deswegen auf die Sporthauptschule Neustift im Stubaital gegangen. Es wird alles diesem Fußball untergeordnet!!
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