Stimmung bei Olympia Zu kalt zum Klatschen

Die Stimmung auf den Rängen bei den Olympischen Spielen ist bisher zurückhaltend, viele Tribünen sind lediglich halbvoll. Aber nicht alle Athleten finden das schlecht.

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Obelix hat sich alle Mühe gegeben. Er schmetterte sein "Allez les bleus" in die kalte koreanische Winternacht und legte mit der Marseillaise nach. Der Mann in der Tracht des Galliers feierte das Biathlon-Gold von Landsmann Martin Fourcade, und irgendwann hatte er das Grüppchen um sich herum angesteckt.

Es war fast bis in die Hauptstadt Seoul zu hören.

Wer hier bei den Spielen laut ist, der ist sehr schnell vernehmbar. Bisher sind es Olympische Spiele der wohltemperierten Art. Die kleinen Delegationen aus Deutschland beim Biathlon oder beim Rodeln machen mit ihren Sprechchören, mit ihren Kuhglocken und Tröten auf erdenklich gute Laune, aber sie sind eben nur wenige. Die Koreaner, wenn sie überhaupt zu den Wettkämpfen in den Alpensia Olympic Park kommen, schauen etwas staunend zu, zücken ihre Smartphones und lassen sich mit dem Maskottchen fotografieren. Aber ein echtes krachendes Wintersport-Publikum sind sie nicht. Und werden es nie werden.

Die Kälte tut ihr übriges, dass die Tribünen hier bisher bestenfalls lückenhaft besetzt sind. So fing das Skispringen der Männer erst um 21.30 Uhr Ortszeit an und zog sich wegen der widrigen Bedingungen über drei Stunden. Viel zu lang für die von Wind und Minusgraden geplagten Zuschauer. Die Menschen halten sich dann lieber in den Wärmeräumen mit dem schönen Namen "Spectator Shelter" auf, versuchen, animiert von einem DJ, mit Tanzschritten die Beine einigermaßen zu durchbluten und nippen am heißen grünen Tee, Glühwein ist keine südkoreanische Spezialität. Was nicht zwingend schlecht sein muss. Immerhin soll es in den kommenden Tagen etwas wärmer werden.

Stimmung wie beim Sommer-Continental-Cup

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Stimmung bei Olympia: Mit Tracht, Tröten und heißem Tee

Hier 30 französische Fans, dort eine Splittergruppe aus Polen und 20 Meter weiter die deutsche Fraktion. Die Athleten aus der Heimat werden angefeuert, aber mangels Masse kommt es selten zu einem gemeinsamen Erlebnis. Beim Skispringen half dem neutralen Zuschauer nur noch eines gegen die Kälte: ab nach Hause. Bei Wellingers Goldsprung war das langgezogene "Zieh" der wenigen deutschen Fans und Athleten - unter anderem waren Teile des Eishockey-Teams an der Schanze - das einzige Geräusch im weiten Rund. Eine Stimmung wie beim Sommer-Continental-Cup im rumänischen Rasnov.

Dennoch ist es übertrieben, von Geisterspielen zu sprechen. Die Hallen beim Shortrack und Eiskunstlauf sind voll, auch Curling ist gut besucht. Bei allem, was Ski trägt, fehlt dem Publikum aus Südkorea schlicht der Zugang. Pyeongchang ist nun einmal nicht Ruhpolding, und Gangneung ist nicht Heerenveen, so sehr der niederländische König Willem Alexander auch willig ist, im Eisschnelllauf-Oval auf Atmosphäre zu machen. Aber nach Korea kommen nun einmal nicht Tausende Holländer, Österreicher, Bayern, Sachsen oder Thüringer. Die Olympiatouristen aus Europa sind ein versprengtes Häuflein. Damit ist die Kerngruppe des Stimmungspublikums schon einmal ausgefallen.

Dahlmeier hat gar nichts dagegen

Das ist alles nicht neu. Bei den Sommerspielen 1988 in Seoul hat man schon über die fehlende Begeisterung geklagt, bei der Fußball-WM 2002 in Japan und Südkorea ebenfalls. Mentalitäten lassen sich nicht für zwei Wochen ändern, die Südkoreaner lieben es laut und bunt, wenn es um Popmusik und Actionfilme geht. Als Sportpublikum ist man interessiert, aber nicht enthusiastisch. Selbst wenn ein eigener Shorttracker zu Olympiagold strebt, steigt die Hitze in der Halle zwar jäh an, ebbt nach dem Rennen aber genauso rasch wieder ab.

Manchmal braucht es einfach einen überraschenden Rennverlauf, um den olympischen Funken überspringen zu lassen. Als Rodler Felix Loch in der schon sagenumwobenen Kurve 9 seine Goldmedaille verlor, folgte einer der stimmungsvollsten Momente dieser Spiele. Loch kauerte minutenlang auf seinem Schlitten, Olympiasieger David Gleirscher wurde wie der Zweite Chris Mazdzer von Emotionen übermannt, und Johannes Ludwig schaute nach dem überraschenden Gewinn der Bronzemedaille ungläubig. Das brachte auch die Zuschauer in Wallung.

Es gibt sogar Athleten, die das gerne haben, wenn es um sie herum ruhig zugeht. Laura Dahlmeier hat nach ihrer ersten Goldmedaille im Sprint gesagt: "Mit ist das lieber, als wenn 50.000 Menschen schreien."

In der Ruhe von Pyeongchang liegt die Kraft.



insgesamt 6 Beiträge
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Herr Jedermann 13.02.2018
1. Ticketpreise
sind kein Grund?
hksm 13.02.2018
2. Das mit dem Zuschauen
Halte persönlich nichts davon, anderen beim Sport zuzusehen. Selber sportlich was tun ist mir eine bessere Zeitnutzung.
axelmueller1976 13.02.2018
3. Korea noch nicht reif für Winter Olympia
Das zeigen doch Allein schon die Zuschauer-Zahlen. Nach abschluß der Spiele wird das Ski-Gebiet zerfallen.
henniahn 13.02.2018
4. Ich frage mich,
wie die Berichterstattung ausgefallen wäre, wenn die Spiele im finnischen Lahti bei -15C stattgefunden hätten oder wenn in Sapporo die Japaner einfach nur höflich geklatscht hätten... Winterspiele sollten wohl einfach im kleinen Kreis der etablierten Wintersportnationen vergeben werden. Dort passiert nichts außer Norm und die allgemeinen Erwartungen werden erfüllt
thorsten35037 13.02.2018
5.
Warum kein Bericht über den japanischen Dopingfall? Ach ja, nur die Russen dopen... - - - - - - - - - Wer suchet, der findet (und es dauert auch gar nicht lange... - auf der Sport-Seite z.Zt. Bericht Nr. 5) http://www.spiegel.de/sport/wintersport/olympia-2018-erster-dopingfall-japanischer-shorttracker-kei-saito-a-1193163.html, MfG Redaktion Forum
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