Skicross bei Olympia Selbst verrückte Typen kommen hier an ihre Grenzen

Schwere Stürze haben den olympischen Skicross-Wettbewerb geprägt. Gewarnt wurde schon vor dem Rennen - der Athletensprecher sprach sogar von Lebensgefahr.

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Aus Pyeongchang berichtet


Skicrosser sind spezielle Typen. Wilde Burschen, denen die herkömmliche Abfahrt irgendwann zu langweilig geworden ist. Sie lachen über die Streif, die ist ihnen zu fad. Lieber springen sie meterhoch durch die Luft, stürzen sich waghalsige Abhänge herab und jagen sich im Duell Mann gegen Mann durch die Kurven.

Und selbst diese verrückten Typen kommen bei der olympischen Strecke an ihre Grenzen. Oder geraten darüber hinaus.

Der Kurs von Pyeongchang ist ganz anders als viele Strecken, die die Skicrosser aus dem Weltcup kennen. Sie ist länger, ist mit mehr Hindernissen und Tücken versehen, es wurde die vierfache Menge an Schnee verbaut, die sonst üblich ist. Die kanadische Firma White Industries hat den Kurs gebaut, es ist, als wollte sie sich ein Denkmal setzen.

Auf den Ergebnislisten steht nur DNF

Auf den Ergebnislisten wird ganz lakonisch ein DNF vermerkt, wenn ein Fahrer nicht bis ins Ziel kommt: did not finish. Wie er das getan hat, das verrät das Kürzel nicht. Am Mittwoch sah das tatsächliche DNF so aus: Schon im ersten Achtelfinale verpasste der Franzose Terence Tchiknavorian einen Sprung, verkantete bei der Landung und blieb im Schnee liegen. Er schrie vor Schmerz, die Sanitäter transportierten ihn ab. Mittlerwurde wurde bekannt, der 25-Jährige hat sich das Schienbein gebrochen.

Der Österreicher Christoph Wahrstötter raste in einer Linkskurve in die Fangzäune, wieder musste der Motorschlitten zum Einsatz kommen, Wahrstötter konnte aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen.

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Skicross bei Olympia: Gold fürs heil Durchkommen

Am schlimmsten erwischte es den Kanadier Christopher Del Bosco. Der 35-Jährige ist einer de Erfahrensten im Feld, er war 2011 Weltmeister, er kennt alle wichtigen Strecken aus dem Effeff. Hier hob es ihn bei einem Sprung in die Luft, er überschlug sich noch vor der Landung und knallte mit dem Rücken auf die Piste. Die Rettungssanitäter hatten wieder zu tun.

Thomas Zangerl, einer der Goldanwärter, hatte vor dem Rennen gesagt: "Wer auf diesem Kurs Olympiasieger wird, der hat es wirklich verdient." Zangerl rutschte im Viertelfinale ins Ziel, er kam ohne größere Blessuren davon.

Strecke "gefährlich, aber nicht lebensgefährlich"

Skicrosser kennen ihr Risiko, Deutschlands bester Skicrosser, Paul Eckert, sagt: "Wer darüber am Start nachdenkt, ist definitiv nicht richtig am Platz." Stürze gehören zum Geschäft, das wissen alle, die sich daran beteiligen. Dennoch gibt es Unterschiede zwischen den Weltcupstrecken, bei denen das fahrerische Duell im Mittelpunkt steht und dem Kurs von Pyeongchang, bei dem derjenige gewinnt, der heil durchkommt.

DSV-Sportdirektor Heli Herdt hat die Strecke "gefährlich, aber nicht lebensgefährlich" genannt. Er bezog sich darauf, dass der deutsche Athletensprecher Konstantin Schad zuvor gesagt hatte, er habe keine Lust, hier sein Leben zu riskieren.

Schad ist Snowboarder. Er ist selbst die Skicross-Strecke gefahren und früh ausgeschieden. Schad sagt, er habe das Risiko gescheut, hier mit vollem Einsatz zu fahren. Als er den anderen Profis am Rand der Strecke zugesehen hat, schüttelte er nur den Kopf: "Das ist doch alles nur noch krank." Der Österreicher Markus Schairer hat sich auf dem Snowboard-Crosskurs einen Halswirbel gebrochen, es gab Muskelrisse und Knochenbrüche.

Auch Herdt hatte die Strecke kritisiert, hatte von Gigantismus gesprochen und gesagt, bei den Sprüngen würden seine Jungs "zu Skispringern". Seine Jungs - Paul Eckert, Florian Wilmsmann und Tim Hronek - schieden am Mittwoch allesamt im Achtelfinale aus. Sie sollten froh darüber sein, ihre Knochen noch beisammen zu haben.

Olympiasieger wurde übrigens am Ende der Kanadier Brady Leman. Im Finale der besten Vier stürzten der Russe Sergej Rydzik und der Kanadier Kevin Drury. Leman und Marc Bischofberger kamen durch. Dafür wurden sie mit Gold und Silber belohnt.



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Kradfahrer 21.02.2018
1. Wen wundert sowas wirklich?
Olympische Spiele (NEIEN, die Olympiade umfasst die 4 Jahre zwischen zwei Olympischen Spielen) sind nur noch gekennzeichnet durch pubertäre Schwanzverlängerung und das Raffen von Geld. Dabeisein ist alles? Die größte Lüge seit Erfindung des Faustkeils. Panem et circensis, Brot und Spiele, das wäre ehrlich. Die Sportler sind nichts weiter als unter der Hand hervorragend bezahlte (wie war das mit den Amateuren, denen Olympische Spiele vorbehalten sind?) moderne Gladiatoren, die ihre Gesundheit auf dem Altar der Sensationsgeilheit opfern. Wen wundern denn dann wirklich solche Anforderungen der alten Funktionärsriege? Und jeder, der dem Trugbild Olympia hinterherhechelt und diese sensationsgeile Lügenveranstaltung finanziell unterstützt, macht sich mitschuldig! Tut mirleid, aber wenn die Jungs aus Klein Kleckerstorf gegen die aus Groß Kleckerstorfauf der Weide von Bauer Harms Fußball spielen oder im Winterzu einer Schneeballschlacht antreten, das ist Sport, das ist die gelebte Olympische Idee!
steph_der_r 21.02.2018
2. herkömmliche Abfahrt zu langweilig?
Sehr interessante Sicht auf eine Sportart, die ihre Sportler größtenteils aus gescheiterten Alpinen rekrutiert. Die typische Karriere schaut ja so aus (stichprobenhaft bspw. nachzuvollziehen bei den ersten 10 auf der Quali-Startliste der gestrigen Nacht), dass es die Jungs und Mädels bis zum Alter von ca. 18-20 Jahren bei den Alpinen versuchen und dort über ein Niveau von 50 bis 70 FIS-Punkten nicht hinaus (bzw. drunter) kommen. Da dies für NorAm / EC oder gar Weltcup nicht ausreicht, wechselt man anschließend zum Skicross, um sich die Chance auf internationalen Spitzensport anderweitig zu erhalten. Die ein oder andere Ausnahme (mancher fuhr bspw. NorAm-Cup) - sogar im Sinne "Abfahrt zu langweilig" (Daron Rahlves) - mag es geben, die Regel sieht anders aus. Soll keine Herabwürdigung sein, aber im angemessenen Verhältnis sollte man die Sportarten schon betrachten. Gruß, der Steph
darthmax 21.02.2018
3. Gladiatoren
um unbeschadet die Strecke zu überstehen kann man langsamer fahren, selbst Formel 1 Fahrer bremsen, allerdings , wer als letztes bremst gewinnt oder stirbt. Warum soll das nun bei dieser Veranstaltung anders sein.
just_thinkin 21.02.2018
4. Sehr Gefährlich
Habe mir alle Käufe angeschaut. Es ist mir nicht klar wie das noch Sport genannt werden kann. Es ist Survival of the Luckiest. Auf deutsch: derjenige mit dem meisten Glück gewinnt. Die drei schweren Unfälle wurden Fahrfehlern zugeschrieben. Was ist das für ein Fahrfehler wenn der Skifahrer vor dir dir per Ellbogen den Weg versperren darf? Es darf gestossen und gesperrt werden während man zu viert mit 50-60 kmh über Hindernisse jagt. Verrückt!
M. Vikings 21.02.2018
5. Sport ist immer gefährlich.
Das Problem scheint eher das Streckenprofil zu sein. Oder ist die Abtransportrate bei normalen Weltcups auch so hoch? Wenn für den olympischen Wettbewerb bewusst solche Killerstrecken gebaut werden, muss der Verband ein Regelwerk für den Bau der Strecken entwickeln, damit das Risiko überschaubar wird. Die olympische Abfahrt findet ja auch nicht in der Eiger Nordwand statt.
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