Stürze von der Schanze Die Angst springt mit

Wenn alles passt, dann fühlt es sich an wie Schweben. Wenn nicht, droht Skispringern Lebensgefahr. Steht die Angst zwischen Andreas Wellinger und dem Erfolg bei Olympia?

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Von Sabrina Knoll


Andreas Wellinger stößt sich vom Balken ab, saust die geeiste Anlaufspur im finnischen Kuusamo hinunter. Wenn jetzt die Technik sitzt und die Bedingungen stimmen, dann wird sich gleich dieses Gefühl des Schwebens einstellen, das diesen Sport so einzigartig macht.

Doch etwas stimmt nicht: An diesem Novembertag 2014 schiebt Wellinger die Luft nicht nur von unten voran. Eine heftige Böe erwischt ihn von der Seite. Sein linker Ski rutscht weg, er stürzt zu Boden, schlägt mit der Schulter auf, rutscht den Hang hinab. Schreckliche Bilder.

Wellinger ist damals glimpflich davongekommen. Trotz Schlüsselbeinbruchs, trotz OP. Und er ist nach wenigen Wochen wieder rauf auf den Sprungturm, um sich wieder die Schanze hinab- und dann mit 90 Stundenkilometern Kopf voran in die Tiefe zu stürzen.

"Angst ist eine lebenswichtige Emotion"

Warum setzen Sportler sich freiwillig solchen Gefahren aus, wohl wissend, dass sie sich womöglich schwer verletzen, dass ihr Sport sie das Leben kosten kann? Haben sie gar keine Angst? Steht die Angst nicht zwischen dem Sportler und seinem Erfolg, oder ist sie gar ein wichtiger Begleiter?

"Angst ist eine lebenswichtige Emotion", sagt Professor Jens Kleinert, Leiter des Psychologischen Instituts der Deutschen Sporthochschule Köln. "Sie bewirkt, dass man sich mit einer Sache beschäftigt, das man sieht, das etwas auf dem Spiel steht, sei es körperlich, psychisch oder sozial."

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Stürze beim Skispringen: Wellinger, Morgenstern, Ammann

Auch im Leistungssport sei Angst daher ein wichtiger Begleiter - mit einem Unterschied: "Normalerweise führt Angst dazu, dass ich mich mit Konsequenzen auseinandersetze. Aber bitte nicht, während ich da oben auf dem Balken sitze! Hier muss ich mich zu 100 Prozent auf die Aufgabe konzentrieren, mich zu 100 Prozent aktivieren, psychisch und körperlich."

Mit vier Jahren ins Skispringen verliebt

Spannung, klare Gedanken, Konzentration. Das sind auch die Begriffe, die Wellinger nutzt, wenn er über seinen Sport und den schmalen Grat zwischen kalkulierbarem Risiko und purer Lebensgefahr spricht. Und er nutzt, wie so viele andere Sportler, das Wort Respekt. "Weil Angst in der Gesellschaft eher negativ belegt ist", sagt Kleinert.

Zweifel haben beim Skispringen nichts zu suchen. Das hat Wellinger früh gelernt. Er war vier Jahre alt, als er sich ins Skispringen verliebt hat. Er hatte gerade Skifahren gelernt, bretterte volle Fahrt voraus die Pisten hinunter, schon damals immer über die Schneehügel statt um sie herum: "Da habe ich den Spaß am Springen, am Fliegen entdeckt."

Wellinger versuchte sich zunächst als Kombinierer. Mit 15 hörte er mit dem Langlauf auf, mit 17 mischte er bereits den Sprung-Weltcup auf, mit 18 wurde er in Sotschi Team-Olympiasieger.

Silber beim ersten Sprung nach dem Sturz

Tausende Sprünge hat Wellinger seit seinen ersten Hüpfern auf den Anfängerpisten in Weißbach an der Alpenstraße absolviert, 500 sind es etwa pro Jahr. Zunächst auf kleineren Schanzen, dann auf immer größeren, die Sprünge wurden immer weiter. Gleichzeitig wurde das, was für den Laien so unheimlich gefährlich aussieht, für den Athleten immer selbstverständlicher, der Sportler selbst durch die jahrelange akribische Vorbereitung immer selbstsicherer.

Nur so lässt sich erklären, dass Wellinger den Sturz vor drei Jahren so schnell hinter sich lassen konnte. "Wir haben den Sprung analysiert, die Fehler und die Lösungen dazu besprochen und nach der Regeneration ging es wieder los", sagt Wellinger. "Zunächst auf der kleineren Schanze, um sich das positive Gefühl wieder zurückzuholen. Dann merkt man, dass es wieder funktioniert, und es geht zurück auf die größeren Schanzen."

Bereits bei seinem ersten Wettkampf nach dem Sturz sprang Wellinger zu Doppel-Silber bei der Junioren-WM. Auch die Rückkehr auf die Schanze in Kuusamo gelang - trotz erneut schwer kalkulierbarer Wetterbedingungen.

"Die Angst hat mich ausgesaugt"

Die Psychologie spricht hier von Kontrollüberzeugung. "Ich muss überzeugt sein, Sachen, die auf mich zukommen, im Griff zu haben. Sonst wird die Besorgnis steigen", sagt Kleinert. "Wenn ich aber diese Selbstwirksamkeit habe, dann kann ich wunderbar damit umgehen."

Was passiert, wenn diese Überzeugung fehlt, wenn die Angst vor Stürzen plötzlich lähmend statt aktivierend wirkt, erlebte Thomas Morgenstern. "Ich musste vor jedem Sprung meine Angst vor einem Sturz überwinden. Das hat mich viel Energie gekostet, psychisch und körperlich. Eine leichte Sprungeinheit war anstrengender als jedes Krafttraining. Die Angst hat mich richtig ausgesaugt", sagte Österreichs Jahrhunderttalent dem SPIEGEL.

Für Wellinger, der als Tournee-Zweiter neben Richard Freitag zu den deutschen Medaillenhoffnungen gehört, besteht der Unterschied vor allem in der Ursache des Sturzes. "Wäre es ein Reflex aus dem Unterbewusstsein, ist es schwieriger, das rauszubekommen", gibt der 22-Jährige zu. "In meinem Fall war es ein technischer Fehler im Absprung und Übergang in die Flugphase. Eindeutig und damit auch klar zu analysieren und besser zu machen."

Ob ein Sprung funktioniert, sagt Wellinger, wisse er bereits kurz nach dem Absprung. Ob es aber auch bis zur Landung passt, das wisse man nie zu 100 Prozent. "Aber jeder geht davon aus, wenn er oben losfährt."



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