Abfahrer Dreßen Aus der zweiten Liga in die Weltspitze

Als Streif-Gewinner gehört Thomas Dreßen in der Abfahrt zu den Medaillenkandidaten. Zwei Österreicher führten die DSV-Fahrer aus der Bedeutungslosigkeit ganz nach oben. Die olympische Strecke sollte Dreßen liegen.

Aus Pyeongchang berichtet


Als der Österreicher Matthias Mayer 2014 in Sotschi Olympiasieger in der Abfahrt wurde, fuhr Thomas Dreßen im Europacup. Das ist die zweite Liga im alpinen Rennsport und Dreßen belegte in der Gesamtwertung der Abfahrt den 61. Platz. In den Speed-Disziplinen benötigt man viel Erfahrung, die der damals 20-Jährige noch nicht haben konnte. Dreßens Weg in die Weltspitze schien weit. Zu weit.

Heute, vier Jahre später, ist alles anders. Dreßen gehört als Kitzbühel-Sieger schon jetzt zu den Legenden seines Sports und somit logischerweise auch zu den Mitfavoriten auf eine olympische Medaille in Pyeongchang. Die Konkurrenz ist allerdings groß. Wenn am Sonntag (3 Uhr MEZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE) das Abfahrtsrennen startet, kommen mindestens acht Fahrer für eine Medaille in Betracht.

Trotzdem ist die Entwicklung aus deutscher Sicht bemerkenswert. Neben Dreßen gehören auch Andreas Sander und Josef Ferstl zur erweiterten Weltspitze. Sander fuhr in dieser Saison bereits fünfmal in die Top Ten, Ferstl feierte im Super-G in Gröden seinen ersten Weltcupsieg. Der Deutsche Skiverband (DSV) lag nach den Kreuzbandrissen der Technikfahrer Felix Neureuther und Stefan Luitz am Boden - und hofft dank Dreßen nun auf Medaillen in Abfahrt und Super-G.

Zwei Österreicher bringen die Abfahrer auf Kurs

2014, nachdem sich kein einziger deutscher Abfahrer für die Winterspiele in Sotschi qualifizieren konnte, stießen mit Mathias Berthold ein neuer Cheftrainer und mit Christian Schwaiger ein neuer Techniktrainer zum deutschen Team. Der DSV hatte bereits darüber nachgedacht, die Speed-Mannschaft komplett zu vernachlässigen oder gar aufzulösen, als die beiden Österreicher - die 2010 schon gemeinsam die deutschen Damen zu drei olympischen Goldmedaillen geführt hatten - ganz bewusst das Gegenteil einforderten.

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Deutsches Abfahrt-Team: Im Rausch der Geschwindigkeit

"Ohne Mathias Berthold und Christian Schwaiger wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin", sagt Dreßen über seine Trainer. Der 52-jährige Berthold kümmerte sich um die Psyche, Schwaiger veränderte die Trainingsinhalte. "Berthold hat Thomas Dreßen und den anderen jungen Burschen eine Wertschätzung entgegengebracht, die ganz wichtig war", sagt Markus Wasmeier, langjähriger Begleiter der alpinen Rennen für die ARD, über die Rolle des Cheftrainers. "Da sieht man mal, wie wichtig auch im Sport das Gefühl ist, gebraucht zu werden." Dazu gehörte eine gemeinsame Zielvorgabe: Ein Weltcupsieg und eine Medaille in Pyeongchang.

Schwaiger stellte das Konditionstraining um, setzte aber vor allem stärker auf technische Aspekte. "Für mich war es erschreckend, wie sie Riesenslalom gefahren sind", sagte Schwaiger im Vorfeld der Olympischen Spiele. Für den 49-Jährigen sind Erfolge in der Abfahrt nur möglich, wenn die Schwünge technisch sauber gefahren werden. Auch für Wasmeier ist das die Erfolgsformel: "Dreßen und Sander beherrschen es, die langgezogenen Schwünge sehr dosiert und ohne Druck zu fahren."

Anspruchslose Abfahrtsstrecke

Eine Kunst, die besonders im Jeongseon Alpine Centre - wo Abfahrt und Super-G stattfinden - gefragt ist. Die 2857 Meter lange Strecke gilt im Vergleich zu Klassikern wie Kitzbühel oder Wengen als anspruchslos, die Geschwindigkeit übersteigt nur selten die 110 Stundenkilometer, auch die vier Sprünge verlangen den Fahrern wenig ab. "Man darf sich keinen Fehler erlauben", sagte Dreßen nach dem ersten Training. "Es ist schwer, schnell zu sein - aber leicht, viel Zeit zu verlieren." Mit 24 Jahren fehlt ihm weiterhin Erfahrung, laut Berthold hat Dreßen sein Potenzial noch nicht ausgeschöpft.

Bleibt noch die Frage, wie der Kitzbühel-Sieger mit dem Erfolgsdruck umgeht. Die Tage nach seinem Erfolg auf der Streif sollen anstrengend gewesen sein, auch wenn er nicht jedes Angebot für ein Interview angenommen hat. In Garmisch-Partenkirchen, bei seinem Heimrennen, wo er bei Fans und Journalisten besonders im Fokus stand, hatte Dreßen einen lockeren Eindruck hinterlassen. Immer ein Lächeln, ab und zu mal ein lockerer Spruch - Sonnyboy Dreßen hat das Potenzial zum Superstar.

Mittlerweile ist etwas Ruhe eingekehrt. Seit Garmisch sind zwei Wochen vergangen und hier in Pyeongchang werden die Rennen wohl nur mäßig besucht sein. Sollte Dreßen aber tatsächlich eine Medaille gewinnen, die erste für die Männer-Abteilung des DSV seit Wasmeiers Doppelgold 1994, dürfte sich sein Bekanntheitsgrad weiter steigern.

So wie es Berthold und Schwaiger vor vier Jahren vorgegeben hatten.

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