Verneigung vor dem Eisschnelllauf Der Sound der Eleganz

Eisschnelllaufen ist fast wie Fliegen. Eine Sportart voller Grazie. Dazu mit Typen, die ihren eigenen Kopf haben. Eine Liebeserklärung.

Niederländer Sven Kramer
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Niederländer Sven Kramer

Aus Pyeongchang berichtet


In das Geräusch habe ich mich als erstes verliebt. Dieses Klackern, wenn die Schlittschuhe das Eis berühren, wenn Schritt nach Schritt aneinandergesetzt wird. Es ist ein ganz anderes Geräusch als beim Eislaufen auf einem zugefrorenen See. Es ist das Geräusch der Eleganz.

Wenn die Eisschnellläufer durch die Kurve ziehen, wenn es kurz so aussieht, als würden sie den Boden unter den Kufen verlieren, als würden die Fliehkräfte sie davontragen, aber dann doch Fuß an Fuß setzen, exakt hintereinander, eine fließende Bewegung. Das Einbiegen in die Gerade, sie nehmen das Tempo auf, wenn sie dann in die Gerade einbiegen, lassen einen Arm baumeln, um den Schwung zu unterstützen, dann gleiten, schweben sie vorüber - das ist für mich so anrührend wie für Reinhard Mey wahrscheinlich das Fliegen in seinem Lied "Über den Wolken". Wie ein Pfeil ziehen sie vorbei.

Ich bin so gut wie nie auf Eis gelaufen, bis auf ein paar Stehversuche am Weiher. Einmal habe ich es im kalten New Yorker Winter im Central Park probiert, die Eisfläche war dermaßen überfüllt, dass man gar nicht stürzen konnte, auch wenn man es gewollt hätte. Das war gut.

Eric Heiden 1980
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Eric Heiden 1980

1980 habe ich vor dem Fernseher Eric Heiden, dem großen US-Läufer, beim Gewinnen zugeguckt. Mit welcher Kraft und welcher Anmut gleichermaßen er bei den Olympischen Spielen von Lake Placid seine Bahnen zog, das hat mich in den Bann gezogen. Den meisten ist von jenen Olympischen Spielen nur der ZDF-Reporter Bruno Morawetz in Erinnerung geblieben, der in den Wald hineinrief: "Wo ist Behle?", mal seufzend, mal flehend. Es gab auch noch den Opel-Bob, Ausbund westdeutscher Ingenieurskunst, der aus jeder Kurve im Eiskanal flog. Aber für mich war Lake Placid 1980 Eric Heiden in seinem goldgelben Rennanzug, US-Zahnpastalächeln nach jedem neuen Olympiasieg.

Seitdem verfolge ich bei allen Spielen, was sich in den Eishallen tut. Ich bin nach Heerenveen nach Friesland gereist und habe den Thialf gesehen, die Kathedrale des Sports, in der 12.000 jecke Niederländer Eisschnelllaufen zum Ereignis machen, irgendwo zwischen Karneval und Olympia. In Heerenveen sind sie fast alle ausgebildet worden, die im Moment bei den Spielen von Südkorea wieder eine Goldmedaille nach der anderen einsammeln. Eisschnelllauf ist der niederländische Sport, allein deswegen muss man das Land und die Leute so mögen.

Eisstadion Thialf in Heerenveen
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Eisstadion Thialf in Heerenveen

Das ganze Land bangt Winter für Winter darum, ob es denn noch einmal kalt genug werden kann für die Elfstedentocht, die Riesenparty des Eislaufs in Friesland, wenn die Kanäle und Grachten zugefroren sind, so dass man von Ort zu Ort schaatsen, also eislaufen kann, ein Volkslauf auf Eis. Das Bangen ist Jahr für Jahr vergebens, die Winter sind viel zu warm geworden.

10.000 Meter ist wie Meditation

Wer einmal bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften bei einem 10.000-Meter-Lauf, der Marathonstrecke der Eisschnellläufer, zugeschaut hat, braucht zur Meditation keine Therapiesitzungen aufsuchen. Runde für Runde, gleichmäßig Schritt für Schritt, es klackert und klackert, die Zuschauer mögen hinter der Bande noch so einen Radau machen, die niederländische Blaskapelle, die immer dabei ist, noch so sehr lärmen. Vom Eis geht Ruhe aus.

Zwölf Minuten brauchen die Weltbesten, Ter-Jan Bloemen, der Kanadier, der gerade so bitter gescheiterte Sven Kramer und Jorrit Bergsma, die Niederländer, für den langen Kanten, wie die Zehn-Kilometer-Strecke heißt. Zwölf Minuten, in denen man beim Zugucken über so viel nachdenken kann. Und zwischendurch wird immer wieder das Eis gemacht, geglättet und poliert, die Eismaschinen ziehen träge ihre Bahn. Eisschnelllauf ist so ein ungemein rasanter Sport, sonst würde er auch nicht so heißen, und doch macht er die Welt ein bisschen langsamer.

Claudia Pechstein in Pyeongchang
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Claudia Pechstein in Pyeongchang

Erhard Keller, der fröhliche Zahnarzt, der 1972 Gold in Sapporo gewann und sich später als Fernsehconferencier bei "Spiel ohne Grenzen" versuchte, Anni Friesinger, die laut-fröhliche Super-Bayerin, die angestrengte und manchmal anstrengende Claudia Pechstein, die noch mit 45 Jahren Olympiamedaillen hinterherzujagen trachtet, die selbstbewusste Ireen Wust, scharfzüngig, politisch, der schwarze Shani Davis, ein lässiger Kerl, der Gentleman Gaetan Boucher - das Eisschnelllaufen hat viele sperrige, unangepasste Typen hervorgebracht. Es ist auch ein Sport für Individualisten, man kann auch sagen Eigenbrötler. Sie gehen gern ihrer eigenen Wege. Das hat mir gefallen.

Am Abend wird Claudia Pechstein im Ice Oval über 5000 Meter versuchen, ihre zehnte olympische Medaille zu erringen. Es sind ihre siebten Olympischen Spiele. Auch eine, die nicht loslassen kann von diesem Sport. Ich kann sie gut verstehen. Auf dem Eis, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
karend 15.02.2018
1. Sehr schön
Wunderbarer Artikel! Mir geht es sehr ähnlich. Die Olympischen Spiele sind für mich auch stets das Eisschnelllaufen, der Sport der Niederländer (Glückwünsche mal ins Nachbarland).
chico 76 15.02.2018
2. Eine Liebeserklärung,
an einen Sport, den ich nie betrieb, der ich mich uneingeschränkt anschliesse. Eleganter geht nicht.
quark2@mailinator.com 15.02.2018
3.
Eisschnelllaufen ist vor allem eine Sportart, die man nur vernünftig ausführen kann, wenn jemand einem n Stadion mit ordentlichem Eis baut. Persönlich frage ich mich immer, ob das so toll investiertes Geld ist. Ich meine OK, gerne den halben Wehretat, logisch. Aber angesichts immer weniger ordentlicher Schwimmbäder (also zum Schwimmen, nicht zum Planschen) und daraus folgend immer weniger Schwimmfähigkeit bei Kindern, von Museen, Theatern, etc. ganz zu schweigen, sehe ich Eisschnelllaufen eher doch als etwas, was zwar toll ist, aber die Gesellschaft eben auch belastet. Kann aber auch sein, daß ich mich irre und der Aufwand gar nicht so hoch ist, wie ich denke.
scsimodo 15.02.2018
4.
Ich habe mir zur dieser Olympiade tatsächlich mehrmals Eisschnelllauf angeschaut. Wäre mir bisher nicht eingefallen. Dieser Sport hat aber tatsächlich etwas ästethisches und beruhigendes. Das ist mein jetzt mein Ding! Wer aber richtig tiefenentspannt sein will schaut Curling :) Völlig entschleunigt und mit Präzision. Das ist mein Sport! :)
SeasickSteve 15.02.2018
5. ...
Zitat von karendWunderbarer Artikel! Mir geht es sehr ähnlich. Die Olympischen Spiele sind für mich auch stets das Eisschnelllaufen, der Sport der Niederländer (Glückwünsche mal ins Nachbarland).
Es stimmt, Eischnelllauf ist schon eine sehr ästhetische Angelegenheit. Aber rechtfertigt das 14 (!) Einzel- und Mannschaftswettbewerbe (in keiner olymp. Winterdisziplin gibt es gleich viele oder mehr davon) in einem Sport, den ausschließlich Holländer (nicht Niederländer) ernsthaft betreiben? 1972 hat man sich noch mit acht Entscheidungen begnügt. Sechs Distanzen bislang, 5 x Gold für Oranje, 1 x Gold für einen Beute-"Kanadier" aus Leiderdorp und es besteht wohl kein Zweifel daran, dass unsere westlichen Nachbarn auch die restlichen Speed Skating Wettbewerbe diesseits des Short Tracks dominieren werden. Insofern ist es schon witzig, dass nach Lage der Dinge ein Land den Medaillenspiegel (ja, ich bekenne mich zu der sportlichen Rivalität von Deutschen und Niederländern auch in statistischen Dingen ;-)) für sich entscheiden und als Wintersportgroßmacht in die Annalen von Pyeongchang eingehen wird, das außer seinen Eisschnellläufern nur noch VIER weitere Sportler (davon drei Snowboarder) nach Korea entsandt hat.
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