Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Doping-Fall Sachenbacher-Stehle: Comeback einer Affäre

Aus Sotschi berichtet

Evi Sachenbacher-Stehle: Zwischen Tränen und Triumphen Fotos
Getty Images

Evi Sachenbacher-Stehle hat ihre positive Dopingprobe in Sotschi bestätigt. Schon 2006 in Turin waren erhöhte Blutwerte bei ihr festgestellt worden. Damals galt eine angeborene Anomalie als Ursache - kritische Stimmen wurden einfach überhört.

Evi Sachenbacher-Stehle ist bei den Dopingkontrollen des IOC aufgefallen. Bei den Winterspielen in Sotschi wurde sie positiv auf das Stimulanzmittel Methylhexanamin getestet. Das bestätigte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) am Freitag. Sowohl die A- wie auch die B-Probe seien positiv ausgefallen. Die 33-Jährige aus Reit im Winkl sei aus dem deutschen Olympiateam ausgeschlossen worden und bereits aus Sotschi abgereist. "Jeder Dopingfall ist zuerst einmal eine große Enttäuschung. Er ist aber auch ein Beleg dafür, dass das Kontrollsystem funktioniert", sagte Chef de Mission Michael Vesper.

Es ist nicht das erste Mal, dass ihr Name mit Doping in Verbindung gebracht wird. Die Affäre Sachenbacher-Stehle hat eine kompliziertere Vorgeschichte.

Die damalige Langlaufspezialistin war 2006 gerade bei den Winterspielen in Turin angekommen, da war sie schon in den Schlagzeilen. Bei Dopingproben war ihr erhöhter Hämoglobinwert im Blut aufgefallen. Der Anteil der roten Blutkörperchen überstieg den zulässigen Grenzwert. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) reagierte mit einer zunächst auf fünf Tage beschränkten sogenannten Schutzsperre.

Der Deutsche Skiverband (DSV) hatte damals empört darauf reagiert, Bundestrainer Jochen Behle hatte von einer unerträglichen Vorverurteilung gesprochen. Dass Sachenbacher-Stehle dazu neige, vor allem nach Höhentrainings erhöhte Blutwerte aufzuweisen, liege an einer geburtsbedingten Anomalie. Dies sei seit langem bekannt.

Tränenreich die Unschuld beteuert

Die Athletin selbst beteuerte damals tränenreich ihre Unschuld. Mit Unmengen von getrunkenem Wasser gelang es ihr ein paar Tage später, den Hämoglobinwert unter die kritische Marke zu drücken. Sie durfte anschließend mit Verspätung doch bei den Spielen eingreifen und gewann sogar noch Silber in der Staffel.

Der Fall hatte 2006 zunächst zu großer Aufregung geführt, bis die weitaus spektakuläreren Dopingfälle um die österreichischen Biathleten bekannt wurden und den Fall im DOSB medial überlagerten. So ging damals auch fast unter, dass im Nachgang der Spiele der damalige Anti-Dopingbeauftragte des DSV, der renommierte Gießener Sportmediziner Paul Nowacki, zum Rücktritt gedrängt worden war. Nowacki hatte Zweifel an der offiziellen Version der Blutanomalie geäußert und musste sein Amt deswegen aufgeben.

Eine Merkwürdigkeit tauchte damals bereits auf: Nach Messungen des Weltverbandes Fis hatte Sachenbacher-Stehle tatsächlich mehrfach erhöhte Hämoglobinwerte vorzuweisen - allerdings jedes Mal nur vor den Saisonhöhepunkten der Olympischen Spiele. Auch vor den Winterspielen 2002 in Salt Lake City, als Sachenbacher erstmals im deutschen Olympiateam stand, waren die hohen Werte aufgetaucht. Damals jedoch existierte der Grenzwert noch nicht und Sachenbacher-Stehle durfte dessen ungeachtet an den Start gehen.

Der DSV bemühte sich im Nachgang der Spiele von Turin um eine Ausnahmegenehmigung für die Athletin, mit der sie trotz erhöhter Werte jeweils hätte starten dürfen. Diese wurde jedoch durch die Fis zum Unwillen der DSV-Leitung verweigert. Besonders der damalige Chef des Deutschen Skiverbandes, Alfons Hörmann, hatte sich immer wieder für Sachenbacher-Stehle eingesetzt. Hörmann ist heute Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Für ihn ist die Situation bei seinen ersten Olympischen Spielen als oberster deutscher Sportfunktionär daher doppelt unangenehm.

2012 zum Biathlon gewechselt

In den Jahren danach wurde es ruhig um Sachenbacher-Stehle und ihre Blutwerte. Bei den Spielen 2010 gab es keinerlei Beanstandungen. Ihre Leistungsschwankungen waren jedoch beträchtlich: So konnte sie im Anschluss an eine starke Olympiasaison keine Top-Platzierungen im folgenden Winter landen. Sie selbst sprach damals von Nahrungsunverträglichkeiten, die sie beeinträchtigt hätten. Anschließend gab sie ihren Wechsel vom Langlauf zum Biathlon bekannt.

Die heute 33-Jährige zählt zu den erfolgreichsten Sportlerinnen, die der DSV vorzuweisen hat. Eine Vorzeige-Athletin geradezu: Gold 2002 in der Staffel, Silber im Sprint, Silber 2006 in der Staffel, Gold 2010 im Teamsprint und noch einmal Staffelsilber. Sotschi sollte ihr letzter großer olympischer Auftritt werden - der fast erneut mit einer Medaille gekrönt worden wäre. Im Biathlon-Massenstartrennen wurde sie trotz ausgezeichneter Schießergebnisse nur Vierte. Den Sprung aufs Podest vergab die gelernte Langläuferin ausgerechnet in der Loipe.

Der DOSB wird im Nachhinein sagen: zum Glück. Wenigstens muss man den Medaillenspiegel dadurch nicht noch nach unten korrigieren.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 88 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
l.augenstein 21.02.2014
Zitat von sysopGetty ImagesEvi Sachenbacher-Stehle hat ihre positive Dopingprobe in Sotschi bestätigt. Schon 2006 in Turin waren erhöhte Blutwerte bei ihr festgestellt worden. Damals galt eine angeborene Anomalie als Ursache - kritische Stimmen wurden einfach überhört. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/olympia-in-sotschi-sachenbacher-stehle-a-954894.html
Es ist schon erstaunlich, wie sehr und wie lange sich die deutschen Sportfunktionäre im Fall Sachenbacher-Stehle auf beiden Augen blind gegeben haben. Durch ihre gesamte Laufbahn gab es bei ihren Werten Merkwürdigkeiten. Aber sie hat ja Medaillen gewonnen. Da sind die Funktionäre ja nicht nur gerne blind sondern auch noch taub.
2. Zufälle gibt es....
mimas101 21.02.2014
Ich will keinem was unterstellen (und an Doping denkt beim Spitzenleistungssport wohl jeder) aber bei Frau Sachenbacher-Stehle gibt es ein paar auffällige Zufälle zu viel und wenn ich mich recht erinnere scheint diese Blutanomalie irgendwie bei den dt. Damen zu grassieren, da war doch mal was mit einer Frau Pechstein.
3.
ik3wer 21.02.2014
Zitat von sysopGetty ImagesEvi Sachenbacher-Stehle hat ihre positive Dopingprobe in Sotschi bestätigt. Schon 2006 in Turin waren erhöhte Blutwerte bei ihr festgestellt worden. Damals galt eine angeborene Anomalie als Ursache - kritische Stimmen wurden einfach überhört. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/olympia-in-sotschi-sachenbacher-stehle-a-954894.html
Da fragt man sich als Laie ob das die gleiche Anomalie ist die auch Claudia Pechstein plagt. Symptome stimmen ja überein (erhöhter Hämoglobinwert).
4.
01099 21.02.2014
Wenn man sich anschaut, wie viel Geld direkt oder indirekt mit sportlichen Erfolgen gemacht wird, sind solche Fälle - so denn der Verdacht verifiziert wird - die logische Konsequenz. Sponsoren zahlen eben nur, wenn Gewinner geschaffen werden. Das Gleiche gilt für lukrative Werbeverträge im Anschluss an die Sportkarriere. Da kommt der Mensch sicher schnell in Versuchung, diesen goldigen Zukunftsaussichten ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Sonst sieht die Zukunft ehemaliger Sportler doch eher düster oder zumindest trist aus.
5. Ich hatte erst gedacht,
JKStiller 21.02.2014
Sachenbacher-Stehle ist entweder naiv, sich mit Nahrungsergänzungsmitteln auf Olympia vorzubereiten, da diese oft illegal mit eben dem genannten Methylhexanamin angereichert sind oder dass sie einfach die Gefahr unterschätzt hatte. Nach Lesen des Artikels und den Auffälligkeiten schon in Turin und davor in Salt Lake City bin ich mir nun nicht mehr so sicher. Sollte sie bewusst gedopt haben, dann wäre es nach all den Affären von Sportlern in den letzten Jahren gut für sie, wenn sie sofort mit der Wahrheit rausrückt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Getty Images

Fotostrecke
Groteske Geständnisse: Die besten Dopingerklärungen
Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: