Frauen-Kür im Eiskunstlauf: Verbeugung vor dem Gastgeber

Aus Sotschi berichtet

Eiskunstlauf der Frauen: Russlands historischer Triumph Fotos
DPA

Adelina Sotnikowa hat in Sotschi überraschend Gold im Eiskunstlauf gewonnen. Dabei sprach nach der Kür alles für die südkoreanische Titelverteidigerin Kim Yu Na. Aber die Jury entschied für die Russin - ein Urteil mit Nachgeschmack.

Als Kim Yu Na ihren Auftritt beendet hatte, war die Halle ein einziger Aufschrei. Ein Aufschrei der Begeisterung. Die Titelverteidigerin aus Südkorea, um deren Form es zuvor wegen ihrer Verletzungsgeschichten so viele Fragezeichen gegeben hatte, hatte es noch einmal allen gezeigt. Es war eine souveräne Kür, gespickt mit Dreifachsprüngen, ohne jeden Wackler, gepaart mit der Eleganz, mit der Kim schon vor vier Jahren in Vancouver das Publikum begeistert hatte.

Da sie nach dem Kurzprogramm ohnehin in Führung gelegen hatte, war allen im Eisbergpalast von Sotschi klar: Das ist die verdiente Goldmedaille im Frauen-Eiskunstlauf.

Nur die Jury hatte andere Pläne. Sie benotete die Kür von Kim so, dass es nur für den zweiten Rang reichte. So dass eine andere plötzlich Olympiasiegerin war. Adelina Sotnikowa. Die, und das ist ein glücklicher Zufall für das Publikum in der Halle und für den Olympia-Gastgeber, aus Russland kommt. Als auf der Anzeigetafel der überraschende Fünf-Punkte-Vorsprung aufleuchtete, gab es den nächsten Aufschrei. Diesmal einer vor Überraschung. Erst dann kam der Jubel.

Kompensation für das entgangene Eishockey-Gold

Sotnikowa, knappe Zweite nach dem Kurzprogramm, hatte zuvor ebenfalls eine starke Kür auf das Eis gebracht. Kämpferisch, ausdrucksstark, die "Liebe zum Eiskunstlauf" habe sie in die Kür hineingelegt, sagte Sotnikowa anschließend. Sie hatte eine gute Benotung verdient. Von daher wäre das Wort "Skandalurteil" auch zu groß. Allerdings hatte die erst 17-jährige Vize-Europameisterin einen Sprung nur mit beiden Füßen landen können, die Sicherheit, die ihre südkoreanische Kontrahentin bewiesen hatte, konnte sie nicht demonstrieren. Der Heimvorteil machte dies wieder wett.

So wirkte das Jury-Urteil wie eine Verbeugung vor Russland, dem Ausrichter dieser Spiele. Dem Land, dem zuvor durch das frühe Ausscheiden der Eishockey-Nationalmannschaft sein Prestigeobjekt abhanden gekommen war. Dem Land, das diese Spiele so furchtbar gerne mit einer Glamour-Goldmedaille hat krönen wollen. Die hat Russland jetzt bekommen. Sotnikowa ist in die Bresche gesprungen, die das Eishockeyteam hinterlassen hat. Jetzt können diese Spiele aus russischer Sicht beruhigt zu Ende gehen. Das Land hat seine Heldin.

Es war zuvor ein hochklassiger Wettbewerb gewesen, ganz anders als die Männer-Konkurrenz ein paar Abende zuvor, die eher Eiskunst-Stürzen als -Laufen gewesen war. Die Frauen, allen voran Kim und Sotnikowa, aber auch die drittplatzierte Italienerin Carolina Kostner ließen sich den Druck kaum anmerken, den die enge Konkurrenz nach dem Kurzprogramm mit sich brachte.

Gold und Lipnitskaja patzten

Lediglich die beiden Läuferinnen, auf die sich zuvor die mediale Öffentlichkeit am stärksten fokussiert hatte, zeigten Nerven. US-Star Gracie Gold patzte und landete am Ende nur auf Rang vier. Und die erst 15-jährige Julia Lipnitskaja, an sich ausersehen, Russlands Gold zu sichern, stürzte wie bereits im Kurprogramm. Lipnitskaja hatte nach dem russischen Gold im Teamwettbewerb, an dem sie maßgeblichen Anteil hatte, eine Eisprinzessinnen-Hysterie in den russischen Medien ausgelöst. Der konnte sie am Mittwoch nicht gerecht werden.

Ihre Kür zur Filmmusik von "Schindlers Liste" im roten Kostüm, das an das Mädchen aus dem Holocaust-Drama von Steven Spielberg erinnern sollte, bestach zwar durch die Schluss-Pirouette, die keine in der Welt so perfekt beherrscht wie die junge Russin. Aber ein Wackler und ein Sturz ließen schnell alle Medaillenträume dahingehen. Lipnitskaja musste sich am Ende mit Rang fünf zufrieden geben. Aber sie hat noch so viel Zeit, ihre Chance auf Olympiagold zu nutzen. Wenn auch nicht mehr im eigenen Land.

Eiskunstlauf ist und bleibt ein Sport, der von subjektiven Urteilssprüchen abhängig ist. Kim hat das am Mittwoch erfahren dürfen. Ihr Ziel, als erste Läuferin nach Katarina Witt zweimal nacheinander Gold bei Olympischen Spielen zu gewinnen, wird sie nicht mehr erreichen können. Es war ihr letzter Winter, sie beendet ihre große Karriere.

Die Koreanerin hat das Urteil mit einem etwas schiefen Lächeln hingenommen und sich dann fair und artig mit einem Winken ins Publikum verabschiedet. Als hätte sie schon so etwas geahnt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Lipnitskajas Kür erinnere an das überlebende Mädchen aus dem Holocaust-Drama von Steven Spielberg. Tatsächlich überlebt die Figur des Mädchens im Film nicht. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 100 Beiträge
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1. Olympia ist halt doch politisch...
Kutan 20.02.2014
hab den Wettbewerb gesehen und der Artikel spiegelt meinen Eindruck zu 100% wider. Der BBC-Kommentar sagte während bzw. nach Kims Kür "this has to be gold", das Publikum war hin und weg. Und dann nochmal hin und weg vor Unglauben nach dem 5 Punkte Vorsprung. Nach der Blamag musste einfach eine Goldmedaille her. Und welche Sportart war da grad greifbarer als der Eiskunstlauf. Sehr schade.
2. Die Russen und ihr geliebtes Eis
JKStiller 20.02.2014
sind schon lange keine Ausnahmebeziehung mehr in der Welt der Schlittschuhe, der Pirouetten, Dreifachsalti, und nicht mal in der Eishockeywelt, die schon lange in Nordamerika seine Heimat gefunden hat. Diese Konzessionsentscheidung im Eiskunstlauf ist hoffentlich die letzte ihrer Art. Natürlich bleibt dieser Sport von subjektiven Urteilssprüchen auch in Zukunft abhängig. Einen so dreisten Medaillenklau möchte ich als Zuschauer aber nicht mehr sehen.
3. optional
kuspi70 20.02.2014
Zitat von Ahrens "ein Urteil mit Nachgeschmack". Jeder hat zwei Augen und kann sich selber ein Urteil bilden. Einziges, was hier Nachgeschmack hinterlässt, sind Eure Berichte aus Sotschi, Herr Ahrenz.
4. Transparenz
AxelSchudak 20.02.2014
Transparenz wird ja mittlerweile bewusst vermieden, in dem die einzelnen Bewertungen der Punktrichter nicht mehr öffentlich sind - man ahnt schon, warum. In dem Zusammenhang nochmal Respekt und Dank an den österreichischen Punktrichter beim Teamspringen von der Grossschanze, der bei der Bewertung der deutschen Springer trotz direkter Konkurrenz immer am oberen Ende der Skala wertete. DAS war des olympischen Eides würdig, den einige andere subjektive Urteile zumindest beugen.
5. Und wieder mal
Fangio 20.02.2014
Zitat von sysopAdelina Sotnikowa hat in Sotschi überraschend Gold im Eiskunstlauf gewonnen. Dabei sprach nach der Kür alles für die südkoreanische Titelverteidigerin Kim Yu Na. Aber die Jury entschied für die Russin - ein Urteil mit Nachgeschmack.
statt Fachkompetenz nur Russland-Bashing. Wer wahre Expertise zum Ausgang dieses Wettbewerbs lesen möchte, sei auf die Analyse des Users Bilang im Parallelthread bei SPON verwiesen: Teil 1 (http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=114145&p=14957836&viewfull=1#post14957836/) und Teil 2 (http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=114145&p=14957836&viewfull=1#post14957836)
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Eiskunstlauf: Einzel-Olympiasieger der Frauen
Jahr Ort Gold
2014 Sotschi Adelina Sotnikowa (RUS)
2010 Vancouver Kim Yu-na (KOR)
2006 Turin Shizuka Arakawa (JAP)
2002 Salt Lake City Sarah Hughes (USA)
1998 Nagano Tara Lipinski (USA)
1994 Lillehammer Oksana Bajul (UKR)
1992 Albertville Kristi Yamaguchi (USA)
1988 Calgary Katharina Witt (DDR)
1984 Sarajevo Katharina Witt (DDR)
1980 Lake Placid Anett Pötzsch (DDR)
1976 Innsbruck Dorothy Hamill (USA)
1972 Sapporo Beatrix Schuba (AUT)
1968 Grenoble Peggy Fleming (USA)
1964 Innsbruck Sjoukje Dijkstra (NED)
1960 Squaw Valley Carol Heiss (USA)
1956 Cortina Tenley Albright (USA)
1952 Oslo Jeanette Altwegg (GBR)
1948 St. Moritz Barbara Ann Scott (CAN)
1936 Garmisch Sonja Henie (NOR)
1932 Lake Placid Sonja Henie (NOR)
1928 St. Moritz Sonja Henie (NOR)
1924 Chamonix Herma Szabo (AUT)
1920 Antwerpen Magda Julin (SWE)
1908* London Madge Syers (GBR)
*Teil der Sommerspiele
Eiskunstlauf-Glossar
Einzel
Der Einzelwettbewerb besteht aus einem Kurzprogramm mit sieben geforderten Pflichtelementen, die verbunden werden müssen, und einer Kür. Diese soll möglichst "gut ausbalanciert" sein.
Paarlauf
Die Paare müssen ebenfalls ein Kurzprogramm mit sieben Pflichtelementen sowie eine Kür ausführen. Dabei ist neben der Ausgewogenheit außerdem wichtig, wie harmonisch die Bewegungen der Partner aufeinander abgestimmt sind.
Eistanz
Ist die einzige Disziplin, bei der Gesang bei der Musik erlaubt ist. Beim Eistanz müssen die Paare ihre Bewegungen dem Rhythmus anpassen und die Art der Musik passend zum Ausdruck bringen. Auch hier gibt es wieder ein Kurzprogramm mit geforderten Pflichtelementen und einer Kür.
Team
Dieser Wettbewerb ist erstmals olympisch. Dabei hat jedes Team zwei Einzelläufer (ein Mann und eine Frau), ein Paar und ein Eistanz-Paar. Es werden jeweils ein Kurzprogramm und eine Kür absolviert.

Erfolgreichste Athleten bei Olympischen Winterspielen
  • Getty Images
    1. Ole Einar Björndalen (Norwegen), Biathlon
    8 x Gold, 4 x Silber, 1 x Bronze (1998-2014)
  • 2. Björn Daehlie (Norwegen), Langlauf
    8 x Gold, 4 x Silber, 0 x Bronze (1992-1998)
  • 3. Marit Björgen (Norwegen), Langlauf
    6 x Gold, 3 x Silber, 1 x Bronze (1992-1998)
  • 4. Ljubow Jegorowa (Russland), Langlauf
    6 x Gold, 3 x Silber, 0 x Bronze (1992-1994)
  • 5. Lidija Skoblikowa (Russland), Eisschnelllauf
    6 x Gold, 0 x Silber, 0 x Bronze (1960-1964)
  • 6. Claudia Pechstein (GER), Eisschnelllauf
    5 x Gold, 2 x Silber, 2 x Bronze (1992-2006)
  • 7. Larissa Lazutina (Russland), Langlauf
    5 x Gold, 1 x Silber, 1 x Bronze (1992-2002)
    7. Clas Thunberg (Finnland), Eisschnelllauf
    5 x Gold, 1 x Silber, 1 x Bronze (1924-1928)
  • 9. Thomas Alsgaard (Norwegen), Langlauf
    5 x Gold, 1 x Silber, 0 x Bronze (1994-2002)
10. Bonnie Blair (USA), Eisschnelllauf
5 x Gold, 0 x Silber, 1 x Bronze (1988-1994)