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Vesper zum Dopingfall: Schuld und Sühne

Aus Sotschi berichtet

DOSB-Generaldirektor Vesper: "Strikte Null-Toleranz-Politik" Zur Großansicht
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DOSB-Generaldirektor Vesper: "Strikte Null-Toleranz-Politik"

"Wir sind schockiert": DOSB-Generaldirektor Michael Vesper hat sich in einer ersten öffentlichen Stellungnahme empört zum Dopingfall Sachenbacher-Stehle geäußert. Das bei ihr gefundene Mittel habe sie bereits seit längerem eingenommen, hat die Athletin dem DOSB erklärt.

In Zeiten der Not beweist der Deutsche Olympische Sportbund zumindest Hintersinn. Kurzfristig und am späten Freitagabend hatte der DOSB zu einer Pressekonferenz mit Generaldirektor Michael Vesper zum Dopingfall Evi Sachenbacher-Stehle geladen und sich dabei für den Pressesaal mit dem Namen "Dostojewskij" entschieden. Der Titel dessen Hauptwerkes "Schuld und Sühne" könnte schließlich als perfekte Überschrift über die Affäre um die Biathletin herhalten.

Ohne dem Generaldirektor nahe treten zu wollen: Michael Vesper hat schon einmal frischer ausgesehen als an diesem Abend im Dostojewskij-Saal. Olympische Spiele sind anstrengend. Diese möglicherweise mehr als andere, 15 lange Tage dauert das Spektakel in Sotschi und Krasnaja Poljana schon an, die Medaillenbilanz des DOSB war in den vergangen Tagen mau, und am drittletzten Tag der Winterspiele schneite auch noch der erste Dopingfall von Sotschi ins Haus. Ausgerechnet ins Deutsche Haus. Dort, wo man die Vorkämpfer gegen den Leistungsmissbrauch wähnt.

Es ist also kein schöner Tag für Michael Vesper, und so sei auch der Anlass dieser Pressekonferenz "keiner, den ich mir gewünscht hätte". Vielmehr "sind wir von dieser Nachricht schockiert". Die Stimmung "in unserem gesamten Olympiateam ist belastet."

Erst am Donnerstagabend von dem Fall erfahren

Der Generaldirektor und frühere Grünen-Politiker wies dabei Spekulationen zurück, bereits seit Tagen habe es Andeutungen um einen Dopingfall Sachenbacher-Stehle gegeben.

Er zumindest habe erst am gestrigen Abend gegen 22.30 Uhr von dem Vorgang Kenntnis bekommen, beteuerte er, nachdem ihn ein entsprechender Brief des IOC-Präsidenten Thomas Bach, der eine Stunde zuvor dem DOSB in Sotschi übergeben worden sei, erreicht habe. Danach habe er die Athletin "unverzüglich und noch am selben Abend" informiert. Diese sei "fassungslos" gewesen, als sie von dem Vorwurf gehört habe. Ein Vorwurf, der sich durch die Öffnung der B-Probe am Freitag als wahr bestätigte.

"Sie hat uns gesagt, dass sie nicht dopen wollte und dieses Nahrungsergänzungsmittel bereits seit langem kontinuierlich genommen hat", so Vesper weiter. Er wolle nicht weiter über Motive und Einzelheiten spekulieren, da auch das IOC die Resultate seiner Ermittlungskommission noch nicht offen gelegt habe. Aber klar sei: "Jeder Sportler ist für die Stoffe, die bei ihm im Körper gefunden werden, selbst verantwortlich."

Drei Fragen - dann war die Pressekonferenz beendet

Für die 33 Jahre alte Biathletin bedeutet das den prompten Ausschluss aus dem deutschen Olympiateam. Sie befindet sich bereits auf dem Weg nach Deutschland. Dort werden sie weitere Ermittlungen des Biathlonweltverbandes IBU und des DOSB erwarten. Es werden keine sehr schönen Zeiten für Evi Sachenbacher-Stehle.

"Wir bleiben bei unserer strikten Linie einer Null-Toleranz-Politik", sagte Vesper, dessen Verständnis für die Athletin sich in Grenzen hielt. Ob sie den Energieriegel, den sie für die Substanz verantwortlich macht, aus Dummheit genommen habe, wollte ein Journalist wissen. Vesper zuckte nur mit den Achseln: "Wir haben immer wieder vor der Einnahme solcher Mittel gewarnt, und der Fall zeigt wohl, dass diese Warnungen berechtigt waren."

Die Medienvertreter, die ohnehin schon nicht besonders gut gelaunt waren, weil die kurzfristig angekündigte Pressekonferenz viele von ihnen mitten aus dem attraktiven Eishockey-Halbfinale zwischen den USA und Kanada herausgerissen hatte, hätten gerne noch intensiver nachgehakt. Aber bereits nach drei Fragen beendete DOSB-Pressesprecher Christian Klaue mit Hinweis auf einen Anschlusstermin die Veranstaltung.

Die Fortsetzung folgt bereits am Samstagmorgen, wenn der DOSB seine offizielle Olympiabilanz von Sotschi präsentieren wird. Um Medaillen wird es dabei wohl nur noch in zweiter Reihe gehen. Aber dieses Gefühl ist der DOSB ja seit einigen Tagen gewohnt.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Maue Bilanz und gedopt - die Höchststrafe für den Deutschen Sport!!!
klugscheisser64 21.02.2014
Die Sturzserie in dieser Olympiawoche mit teilweise an Slapstick erinnernden Auftritten deutscher Sportler/innen, über die die (Sport)Welt lacht, findet ihren aktuellen Höhepunkt im symbolischen Sturz des ganzen Systems. Ein eindeutiger Dopingbefund einer unserer Spitzenathletin, einer mehrfachen Olympiamedalliengewinnerin, ramponiert das Sabermann-Image des Deutschen Sport bis ins Mark. Tief ist der Fall, nein, Sturz. Zum Glück, im nachhinein, hat sie vor ein paar Tagen nicht auch noch die Bronzemedaille gewonnen. Das Desaster und die weltweite Aufmerksamkeit wären noch größer gewesen. Zynisch betrachtet ist es mehr als peinlich, die Olympiabilanz vor diesem Hintergrund zu bewerten: Gedopt und gewonnen, ist schlimm. Wir aber sind sogar noch zu ungeschickt zum Dopen - und gewinnen dann noch nicht mal was. Wie lächerlich ist das denn?Ich bin sehr gespannt, wie die offizielle Bilanz morgen ausfallen bzw. schön geredet wird ... Wie war das? 23 Medaillen wie beim letzten Mal ...????
2. ich finde es ja ganz toll,
#4711 21.02.2014
das im Sport überall alte Männer sitzen, die ihr Weltbild pflegen. Das ist wahrscheinlich überall "früher war alles besser". Es wäre ehrlicher zu Wettkämpfen nur gedopte Sportler zuzulassen. Das ist eventuell auch näher am "olympischen Gedanken", von dem keiner weiss was er denn früher mal war. Gerade fällt mir noch ein wunderbarer Sportfunktionär ein, der Ecclestone, auch bei dem gehts nur ums Geld. Aber das ist wieder was anderes :-)
3. und nu ?
holle61 21.02.2014
Ich denke mit grauen dran ,wenn ed Claudia P.gewesen wäre, die Presse und die Offiziellen hätten sie zerrissen! Aber die arme Evi, aus Bayern. ..die bösen bösen Riegel...hat Putin in verabreicht? Evi wird in Watte gepackt und Ruhe ist. Irgendwie typisch BILD und deg Ost-West Konflikt ungelöst, aber vielleicht soll es ja nicht gelöst werden...
4. Macht keinen Spass mehr
trolls99 21.02.2014
Das macht doch alles keinen Spaß mehr. Wenn sie absichtlich gedopt hat, ist es genauso schrecklich als wenn sie jetzt wahnsinnig viel Pech hatte.
5. Spitze des Eisberges!
nur-mal-so-gesagt 22.02.2014
Laut Expertenmeinung sind bei den Spielen in Sotschi rund 60% der Atleten gedopt. Der Sport geht im warsten Sinne des Wortes "den BACH runter". Einen Bach, der in geradezu beschämender Weise begeistert ist von Herrn P. Es fällt immer schwerer sich über Medallien unserer Sportler zu freuen. Hoch lebe DOPschi.
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Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)

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