Rodel-Olympiasieger Wendl-Arlt Brüder im Eise

Deutschland hat ein Olympia-Abo für Rodel-Goldmedaillen abgeschlossen, auch die Doppelsitzer Tobias Wendl und Tobias Arlt gewannen ihren Wettbewerb souverän. Im Fall der beiden Freunde war der Sieg der verdiente Ausgleich für viele Rückschläge.

DPA

Aus Krasnaja Poljana berichtet


Kurz vor der Siegerehrung standen Tobias Arlt und Tobias Wendl auf einem zugigen Parkplatz unter dem Zielraum im Sanki Sliding Center und wurden aufs Jubeln vorbereitet. Ein Offizieller erklärte den beiden Olympiasiegern aus Deutschland offenbar, wie das gleich abzulaufen habe: Die Treppe hoch und dann schön die Ansagen abwarten. Auch die Österreicher Andreas und Wolfgang Linger (Silber) sowie die Letten Andris und Juris Sics (Bronze) hörten interessiert zu.

Wenig später standen Wendl und Arlt, in der Folge der Einfachheit halber Wendl-Arlt genannt, hinter dem Podest und warteten zunächst ganz artig. Wendl flüsterte kurz mit Arlt, und dann sprangen Wendl-Arlt mit einem Riesensatz auf das oberste Podest. "Wir Doppelfahrer sind wie eine Familie, wir verstehen uns besser als in anderen Sportarten, da gehört a bissl Gaudi dazu, und die haben wir rausgelassen", erklärte Wendl später den spektakulären Jubelsprung.

Im kleinen Zielhäuschen der Eisbahn herrschte zur gleichen Zeit ein ohrenbetäubendes Chaos, Rodellegende Georg Hackl riss immer wieder die Arme in die Luft und umarmte in einer Tour Menschen; Olympiasieger Felix Loch war auch da, und auf den Tribünen sah man sehr viele deutsche Fahnen. Das alles gehört seit gefühlten Ewigkeiten bei Olympischen Spielen zur Rodel-Folklore. Wie die Goldmedaillen.

Erfolg lässt sich nicht planen

Die Goldene von Wendl-Arlt war schon die dritte für den deutschen Bob- und Schlittenverband bei diesen Spielen, und wenn man ehrlich ist, kam auch diese Medaille so überraschend wie der Sonnenaufgang am Morgen. Die Sieger, beide 26 Jahre alt, sahen das übrigens ähnlich. "Seitdem wir hier vor zwei Jahren den ersten Lauf gemacht haben, wussten wir, wir können hier schnell fahren", sagte Wendl, der Schwerere und Größere des Rodeldoppels.

Dass man Erfolg gleichwohl nicht planen kann, mussten die in diesem Winter überragenden Bayern (Europameister, Weltmeister, Gesamtweltcupsieger) vor den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver erfahren. Trotz Rang vier im Gesamweltcup durften sie nicht mit nach Kanada, nur zwei deutsche Paare waren dort erlaubt. Einen "langen, steinigen Weg" nannte Arlt die vergangenen Jahre, "jetzt sind wir so froh."

Wendl-Arlt, Kampfname "Bayern-Express", sind ihren Weg seit Kindesbeinen zusammen gegangen. Arlt begann mit vier Jahren in Königssee mit dem Rodeln und wurde als Zwölfjähriger mit dem heute elf Kilogramm schwereren und sechs Zentimeter größeren Wendl vom RC Berchtesgaden zu einem Team geformt. Es war eine selbst im exzellenten deutschen Rodelnachwuchs besondere Partnerschaft, initiiert vom heutigen Bundestrainer Norbert Loch, die früh große Erfolge zeigte: Wendl-Arlt gewannen unter anderem fünfmal Gold bei der Junioren-WM.

Wendl-Arlt reihen sich ein in die große Riege

Als ausgesprochen erfolgsfördernd erwies sich die Tatsache, dass sich beide offenbar blendend verstehen. "Wir haben wahnsinnig viel Spaß zusammen", berichtete Arlt in der Mixed Zone des Sanki Parks, Wendl beschrieb die Rollenverteilung der Brüder im Eise einmal so: "Ich bin der Steuermann, er ist der Pressesprecher."

Wendl-Arlt reihen sich nun ein in die so illustre wie große Riege deutscher Doppelsitzer-Olympiasieger. Rinn-Hahn, Stanggassinger-Wembacher, Krauße-Brehrendt - die Fraktion der prominenten Doppelnamen hat talentierten Zuwachs bekommen. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass es Wendl-Arlt geworden sind, trainiert werden sie schließlich von ihrem direkten Vorgänger Patric Leitner, der mit seinem Partner Andreas Resch 2002 das zuvor letzte Doppelsitzer-Gold für Deutschland geholt hatte. Tobias Wendl wollte deshalb am Ende auch noch loswerden, dass es für die beiden "eine große Ehre" sei, "Nachfolger von Leitner-Resch als Olympiasieger zu sein".

Es spricht sehr vieles dafür, dass in Krasnaja Poljana eine neue Rodel-Ära begonnen hat. Zu dominant sind die beiden Bayern, die in dieser Saison bislang nur zweimal besiegt worden sind und nie schlechter als Platz zwei abgeschnitten haben. Als großes Erfolgsgeheimnis nennen beide die gewachsene mentale Stärke, außerdem seien sie "älter und reifer" geworden. Keine guten Aussichten für die Konkurrenz.

Fast wäre zumindest mit Tobias Arlt kurz vor Schluss doch noch der jugendliche Leichtsinn durchgegangen. "Ich wollte eigentlich schon die Hand rausnehmen in der Zielkurve, weil ich wusste, dass wir oben stehen", berichtete Arlt zu später Stunde. Er ließ es dann doch bleiben. Wer Erfolg will, muss warten können. Das wissen die beiden jetzt am besten.

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