Deutsche Olympia-Bilanz Eisschnellläufer kassierten Millionen für null Medaillen

Die Wintersportverbände werden in Deutschland mit Millionensummen gefördert - die deutsche Ausbeute bei den Spielen in Sotschi war aber enttäuschend. Was kostet den Staat jede Medaille? Welche Disziplinen sind besonders teuer?

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Eisschnellläuferin Pechstein: In Sotschi ohne Medaille
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Eisschnellläuferin Pechstein: In Sotschi ohne Medaille


Gold, Silber, Bronze - Christa Thiel gefällt diese Fokussierung auf die ersten drei Plätze nicht. "Medaillen sind nicht das Maß aller Dinge", sagte die Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) kurz vor Ende der Winterspiele. Dabei ist Thiel beim DOSB für genau jenen Bereich zuständig, der sich wie kein anderer über Medaillen und Podestplätze definiert: der Leistungssport.

Insgesamt 19 Medaillen, davon acht aus Gold, sechs aus Silber und fünf aus Bronze: Das ist die Ausbeute der deutschen Sportlerinnen und Sportler in Sotschi - Platz sechs im Medaillenspiegel. Es ist das schlechteste Abschneiden einer deutschen Olympia-Mannschaft bei Winterspielen seit der Wiedervereinigung. Thiel sagt: "Ich bin ein Gegner von absoluten Zahlen." Allerdings helfen diese, wenn man wissen möchte, was eine Medaille den Staat gekostet hat.

Die finanzielle Förderung der Sportarten setzt sich aus zwei Bausteinen zusammen: einer Grundförderung und einer Projektförderung. Letztere orientiert sich an den Zielvereinbarungen zwischen dem DOSB und den einzelnen Verbänden. Sämtliche finanziellen Mittel werden vom Bund zur Verfügung gestellt, vor allem vom Bundesinnenministerium.

Insgesamt 25.207.736 Euro (25,2 Millionen) in den Jahren 2011 bis 2013, also dem Zeitraum zwischen den Winterspielen 2010 und 2014, bekamen die sieben Verbände, in denen die 15 Sportarten organisiert sind, die in Sotschi zum Programm zählten. Jede deutsche Medaille, unabhängig welches Edelmetall, kostete demnach rund 1,33 Millionen Euro.

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Olympische Winterspiele: Alle deutschen Medaillengewinner in Sotschi
Was in alle Berechnungen nicht einfließt, sind die Medaillenprämien. Für Gold gab es 20.000 Euro, für Silber 15.000 und für Bronze 10.000. Allerdings werden diese Gelder von der Stiftung Deutsche Sporthilfe ausgeschüttet, die so gut wie keine direkten staatlichen Mittel erhält, sondern sich vor allem über Spenden und Zuwendungen finanziert.

Interessant ist der Blick auf die Gelder, die die einzelnen Verbände erhalten. So bekam der Bob- und Schlittenverband in den drei Jahren mit insgesamt 10,65 Millionen Euro die größte finanzielle Zuwendung. Mit vier Goldmedaillen und einmal Silber schnitten die Rodler sehr erfolgreich ab und erfüllten sogar den sogenannten Medaillenkorridor von fünf bis sechs Medaillen, der auf der Grundlage der Gespräche zwischen DOSB und Verbänden festgelegt worden war. Die drei bis fünf Medaillen im Bobsport hingegen wurden ebenso komplett verfehlt wie im Skeleton, wo ein- bis zweimal Edelmetall vorgesehen war. 2,13 Millionen Euro kostete Deutschland eine Medaille der Rodler.

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Olympische Winterspiele: Alle Gold-Sieger von Sotschi
Zwar kann man eine Reduzierung des Sports allein auf Medaillen kritisch sehen, schließlich vermittelt er auch viele soziale Kompetenzen. Doch der Spitzensport, und um den geht es hier, unterliegt nun einmal dem Leistungsgedanken. Und dort, wo Millionen Euro Steuergelder hinfließen, muss der Blick zwangsläufig ein kritischer sein.

Das gilt auch und insbesondere bei der Bilanz der deutschen Eisschnellläufer in Sotschi. Zwei bis drei Medaillen sollten die deutschen Athletinnen und Athleten holen, dafür bekam die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft zwischen 2011 und 2013 rund 5,7 Millionen Euro, nur der Bob- und Schlittenverband wurde noch üppiger gefördert. Das Ergebnis im Eisschnelllauf aus deutscher Sicht: null Medaillen.

Auf Platz drei der Förderung liegt übrigens der Snowboard Verband Deutschland, der in den vergangenen drei Jahren knapp drei Millionen Euro bekam. Das Ergebnis: einmal Silber und einmal Bronze (rund 1,5 Millionen Euro pro Medaille). Zufrieden war Snowboard-Präsident Hanns-Michael Hölz aber nur bedingt. "Wenn man es wirklich ernst meint mit den neuen Sportarten, muss man die Trainingsmöglichkeiten schaffen", sagte Hölz in Sotschi. So fehlt in Deutschland zum Beispiel eine Halfpipe, deren Bau zwischen 1,5 und 2,5 Millionen Euro kosten würde.

Einen Sonderstatus in Sachen Förderung hat der Deutsche Skiverband (DSV), unter dessen Dach Biathlon, Skilanglauf, Nordische Kombination, Skispringen, Ski alpin und Ski Freestyle organisiert sind. Der DSV bekam in drei Jahren knapp 1,3 Millionen Euro Projektmittel, allerdings keinen Cent Grundförderung. "Weil der DSV über so viele Eigenmittel verfügt", sagte ein DOSB-Mitarbeiter SPIEGEL ONLINE. So spült unter anderem ein Fernsehvertrag so viel Geld in die Kassen des DSV, dass er bei der Grundförderung nicht berücksichtigt wird.

Die im DSV organisierten Athleten holten in Sotschi viermal Gold, fünfmal Silber und viermal Bronze. Zumindest aus Sicht der direkten staatlichen Förderung eine gute Ausbeute: Jede Medaille kostete demnach knapp 100.000 Euro.

Im Laufe dieses Jahres stehen Gespräche des DOSB mit dem Bundesinnenministerium an. Es geht um eine Aufstockung der staatlichen Zuwendungen, die derzeit rund 130 Millionen Euro für alle Sommer- und Wintersportarten betragen. "Wir brauchen mehr Geld", hat Christian Breuer, Athletensprecher des DOSB, unmittelbar nach den Winterspielen gefordert. Auch DOSB-Vizepräsidentin Thiel bezeichnet dies als "unstrittig. Die Frage ist, wie viel mehr". Eine Umfrage bei den Verbänden plus anschließender Analyse des DOSB hatte ergeben: Der Mehrbedarf liegt bei 38 Millionen Euro.



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Seite 1
gesell7890 24.02.2014
1. bucht es doch ab
als kosten für die Huldigung von merkels uns gasgerds bestem freund. alles für lupenreine Demokraten!
chuckal 24.02.2014
2. Olympisch denken,
NEM verschenken. Dabei sein ist Alles...
phrasensport 24.02.2014
3. Endlich Bildzeitung!
Geiler Beitrag - den es bestimmt nicht gäbe, wenn die deutschen Sportler mehr gerissen hätten! Wird immer trauriger durch Spon zu blättern. Ich glaub ich saug mir die Bild App. Die gibt wenigstens nicht vor investigativ zu sein. Da is drin was drauf steht...
isegrim der erste 24.02.2014
4. Vollkommen falsche Förderung
Schwimmbäder werden geschlossen oder verfallen, weil den Kommunen das Geld fehlt. Dafür werden einige wenige Sportler hofiert, die oft wenig Leistung zeigen und uns dann oft auch noch als Werbefigur für irgendeinen Quark jahrelang auf den Wecker fallen - jammerschade um diese Steuergelder, könnte man besser verwenden!
hobbyleser 24.02.2014
5. Sehr viel billiger als Fußball
Immer noch sehr viel billiger als Fußball, wo allein schon Ablösesummen den Gesamtetat sämtlicher olympischen Sportarten ausmachen. Der Unterschied: Der Fußball könnte es sich durch seine Marketingindustrie locker leisten, die bisher durch Steuermittel getragenen Polizeieinsätze selbst zu leisten.
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