Interview mit Andrea Henkel "Ich möchte ja nicht überrannt werden"

Sie war Olympiasiegerin und mehrfache Weltmeisterin - nur im Mittelpunkt stand Andrea Henkel nie. Vor ihren letzten Olympischen Spielen spricht sie über eine Karriere im Schatten anderer, den Biathlon-Boom in Deutschland und ihre Chancen in Sotschi.

Ein Interview von

AFP

SPIEGEL ONLINE: Frau Henkel, Sie lächeln ja!

Henkel (lächelt nicht mehr): Warum sollte ich nicht?

SPIEGEL ONLINE: Sie galten lange Zeit als wenig überschwänglich.

Henkel (lächelt wieder): Ach, dieses Image. Wenn ich von Journalisten gefragt worden bin, habe ich immer eine Antwort gegeben. Nur dass sie eben manchmal etwas kürzer ausgefallen ist.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie denn im Laufe der Karriere lockerer geworden?

Henkel: Ich bin erwachsener geworden, immerhin bin ich mehr als doppelt so alt wie bei meinem Weltcup-Debüt 1995.

SPIEGEL ONLINE: Sotschi sind Ihre vierten Olympischen Spiele. Empfinden Sie da noch Druck?

Henkel: Sagen wir es so: Ich weiß mit 36 Jahren sehr genau, dass es überhaupt nichts bringt, sich etwas vorzunehmen. Man gibt alles und schaut am Ende, was es wert ist. Wobei das gelassener klingt, als es ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Henkel: Ich lasse mich zwar nicht mehr von außen unter Druck setzen, aber ich lege ihn mir selbst auf.

SPIEGEL ONLINE: Was muss passieren, damit Sie nach den Wettbewerben in Sotschi zufrieden sind?

Henkel: Nach einer Medaille oder nach guten Ergebnissen in Podiumsnähe wäre ich sicher glücklich. Es ist ein starkes Feld, und es wird nicht selbstverständlich, vorn dabei zu sein. Ich will mich auf keinen Fall ärgern, ich möchte zum Beispiel keine vermeidbaren Fehler machen.

SPIEGEL ONLINE: Was braucht es, um in einem so homogenen Feld vorn dabei zu sein?

Henkel: Der Schießstand ist sehr gut machbar, es wird also viele gute Schießergebnisse geben.

SPIEGEL ONLINE: Weil die äußeren Bedingungen so gut sind?

Henkel: Richtig, im Stadion weht wenig Wind. Das Schießen ist also keine große Herausforderung, was es zu einer großen Herausforderung macht, weil man wirklich keinen Fehler schießen darf. Außerdem muss das Material stimmen und in meinem Fall wohl auch noch Glück dazukommen, dass eine der schnelleren Konkurrentinnen die Herausforderung am Schießstand nicht meistert.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Erfahrung als Faktor vergessen.

Henkel: Nein, denn ich bin überzeugt, dass es ein Vorteil ist, wenn man nicht erfahren ist. Ich bin in meinem ersten olympischen Rennen Olympiasiegerin geworden, das habe ich danach in einem Einzelrennen nie wieder geschafft. Es ist toll, wenn man nicht weiß, worum es geht, diese Unbekümmertheit kann sehr nützlich sein.

Steckbrief Andrea Henkel
  • DPA
    Name
    Andrea Henkel
    Geburtstag
    10. Dezember 1977
    Geburtsort
    Illmenau (Thüringen)
    Größte Erfolge
    Olympische Goldmedaille 2002 (Einzel und Staffel)
    Olympische Silbermedaille 2006 (Staffel)
    Olympische Bronzemedaille 2010 (Staffel)
    Weltmeisterin 2005 (Einzel), 2007 (Massenstart, Staffel), 2008 (Sprint, Verfolgung, Staffel), 2011 (Staffel), 2012 (Staffel)
    WM-Zweite 2000 (Staffel), 2001 (Staffel), 2005 (Staffel), 2009 (Staffel), 2011 (Mixed-Staffel), 2013 (Einzel)
    WM-Dritte 2009 (Mixed-Staffel), 2012 (Mixed-Staffel)
    Weltcup-Siege: 46 (davon 22 Einzelsiege)
    Gesamt-Weltcup-Sieg: 2007
SPIEGEL ONLINE: Ihre jungen Kolleginnen Laura Dahlmeier und Franziska Preuß sprechen sehr respektvoll von Ihnen, und sie sagen: "Beide Seiten können profitieren". Was kann man von der Jugend lernen?

Henkel: Zumindest kann man von einem gesunden Konkurrenzkampf profitieren, ich als ältere Athletin möchte ja schließlich nicht überrannt werden.

SPIEGEL ONLINE: Man hat Sie als die "letzte Mohikanerin" der großen, alten Biathlonzeit bezeichnet. Können Sie damit etwas anfangen?

Henkel: Die letzte ihrer Art? (lacht). Aber es stimmt schon, alle anderen sind ja weg…

SPIEGEL ONLINE: …Uschi Disl, Martina Glagow, Kati Wilhelm, Katrin Apel, Magdalena Neuner. Lassen Sie uns doch kurz mal in diese große Zeit reisen, als der Biathlon-Boom in Deutschland begann.

Henkel: Ich erinnere mich an einen Feldwebellehrgang 1998, da wurde ich noch gefragt, was denn dieses Biathlon eigentlich sei, Radfahren und Laufen? Damals war im Weltcup alles noch sehr überschaubar, es gab sogar fast leere Stadien. Doch nach und nach wurde der Sport populärer, plötzlich mussten für uns Athleten Absperrungen in den Arenen aufgebaut werden, damit wir rechtzeitig zum Anschießen kamen oder wieder zur Wachskabine zurück.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielten die Spiele 2002 in Salt Lake City für die Entwicklung des Sports?

Henkel: Salt Lake City war super für das Biathlon, durch die Zeitverschiebung liefen die Wettbewerbe in Deutschland zur Primetime, so konnten wahnsinnig viele Menschen unseren Sport im Fernsehen sehen. Danach ging der Boom richtig los.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden 2002 Olympiasiegerin im Einzel und in der Staffel. Trotzdem hat man Sie noch zehn Jahre später als Nachfolgerin von Magdalena Neuner bezeichnet. Das ist doch paradox.

Henkel: Das hat mich auch gewundert. Es gibt in Bezug auf meine Person offenbar dieses Wahrnehmungsproblem, die Andrea Henkel, heißt es, stand immer im Schatten. Aber wissen Sie, was ich auch ulkig finde?

SPIEGEL ONLINE: Na?

Henkel: Dass Sie mir diese Frage stellen. Es sind doch die Journalisten, die dieses Bild in der Öffentlichkeit zeichnen. Das ist das Paradoxe. Sie wundern sich im Prinzip über eine Situation, die Sie selbst geschaffen haben. Irgendeiner fängt mal an, und die anderen schreiben es auch.

SPIEGEL ONLINE: Sie stehen da drüber.

Henkel: Man lernt, damit zu leben. Ich bin eben nicht der Typ, der mit den Armen wedelt und ruft, guckt mal, ich bin auch noch da!

SPIEGEL ONLINE: Warum fasziniert Biathlon die Deutschen so?

Henkel: Die Menschen lieben den Erfolg, und in keiner anderen Wintersportart hat Deutschland mehr Medaillen gesammelt. Dazu kommt die dem Biathlon eigene Dramatik mit den ständigen Wechseln, es kann immer was passieren. Und die Stimmung bei uns ist auch nicht die schlechteste.

SPIEGEL ONLINE: Ich glaube, es hängt vor allem mit dem Schießen zusammen.

Henkel: Das sicher auch, ja.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Laura Dahlmeier vom Schießen spricht, hat sie dieses Leuchten in den Augen. Hat Sie das Schießen als Kind auch so fasziniert, als Sie mit dem Biathlon anfingen?

Henkel: Nein. Aber ich habe mir Biathlon ja auch nicht ausgesucht. Ich war Langläuferin in meinem Geburtsort Großbreitenbach, und als es plötzlich keinen Langlauf mehr gab, weil alle zum Biathlon delegiert wurden, da war ich eben Biathletin.

SPIEGEL ONLINE: Das "Delegieren" war typisch für das Leistungssportsystem der DDR. Wie fühlte sich das als Kind an?

Henkel: Ich wollte immer an die Sportschule. Aber meine Mutter war gar nicht begeistert. Meine Schwester Manuela (2002 Langlauf-Olympiasiegerin - d. Red.) und ich durften das nur machen, weil wir gut in der Schule waren. Sobald die Noten schlechter geworden wären, wäre es mit dem Sport auch vorbei gewesen. Bei meiner Schwester brauchte es diesen Druck eigentlich nicht, die war sehr gut in der Schule. Aber ich war eher die Minimalistin, wenn auch auf einem guten Niveau.

SPIEGEL ONLINE: Minimaler Aufwand, maximaler Ertrag.

Henkel: Genau. Als der Wechsel zur Sportschule anstand, musste ich mich noch mal ein bisschen steigern, das war ein gutes Druckmittel. Aber unsere Eltern haben uns immer unterstützt, auch wenn meine Mama sich den Leistungssport nicht für ihre Kinder ausgesucht hätte.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt in Ihrer letzten Saison. Werden Sie froh sein, wenn es vorbei ist?

Henkel: Das weiß ich jetzt noch nicht. Was ich weiß ist, dass ich den Sport vermissen werde, ich habe das sehr genossen, auch wenn es nicht immer leicht ist. Ich wollte ja nicht nur dabei sein, sondern eine der Besten der Welt. Aber es lohnt sich. Viele sagen, man muss Opfer bringen. Ich sehe die Entbehrungen nicht als Opfer, man kriegt so viel zurück. Aber ich merke, dass es langsam Zeit wird.

SPIEGEL ONLINE: Was kommt nach Sotschi?

Henkel: Ich habe eine Ausbildung zur Lehrerin für Fitness gemacht, irgendwann möchte ich als Personal Coach arbeiten. Mir war wichtig, dass ich auch nach meiner Karriere etwas habe, das mich ausfüllt, ich brauche Beschäftigung. Ich werde auch mal einen halben Tag gar nichts machen. Aber sicher keinen ganzen.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
skynet77 09.02.2014
1. Klasse Andrea
viel viel Glück aus Thüringen.Wir stehen zu dir und halten für dich Daumen.Du bist immer auf dem Boden geblieben.Bleib wie bist und versuch garnicht erst,etwas an dir zu ändern.Übrigens im Schatten stehen,das steht dir ganz gut.Alles gute und Glück für deine letzte Saison.
kahabe 09.02.2014
2. Frau Henkel,
ich treibe mich zwar mehr in der Mittenwalder Gegend herum (mit dem ehrfurchtsgebietenden Trainingsstrecken auch der Biathleten dort) als am Kickelhahn und am Rennsteig. Aber für die nächsten 14 Tage drücke ich ganz fest die Daumen. Sie sind einfach eine sympathische Sportlerin, ob nun mit oder ohne Medaille. Gruß aus Westfalen.
spmc-122226439819235 09.02.2014
3. Es Neunert nicht ...
So spricht eine Sportlerin mit Charakter und Können ,denn Jounalisten sogar noch etwas zum nachdenken ,aber es wird nicht helfen bei diesen Typen.Der FRau auf allen Wegen das Beste,dies Art von Sportle4r gehört bald ganz der Vergangenheit an und wir werden es merken !
noalk 09.02.2014
4. endlich mal gesagt
"Es sind doch die Journalisten, die dieses Bild in der Öffentlichkeit zeichnen. Das ist das Paradoxe. Sie wundern sich im Prinzip über eine Situation, die Sie selbst geschaffen haben. Irgendeiner fängt mal an, und die anderen schreiben es auch." --- Genau so ist es. Sehr gut auf den Punkt gebracht.
derandersdenkende 09.02.2014
5. Viel Glück Andrea!
Zitat von sysopDPASie war Olympiasiegerin und mehrfache Weltmeisterin - nur im Mittelpunkt stand Andrea Henkel nie. Vor ihren letzten Olympischen Spielen spricht sie über eine Karriere im Schatten anderer, den Biathlon-Boom in Deutschland und ihre Chancen in Sotschi. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/olympische-spiele-sotschi-andrea-henkel-ueber-den-biathlon-boom-a-951645.html
Wir drücken Dir ganz fest die Daumen! Wir wissen, was der deutsche Biathlonsport an Dir hatte und immer noch hat! Die Schmalspurjournaile kann dies nicht kaputtmachen!
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